Woher nur dieser Heidenlärm? Wie schlecht geölte Kettensägen heulen die elektrischen Gitarren. Wie eine viktorianische Dampfmaschine stampft das Schlagzeug. Und der harte Bass brandet in so tückischen Wellen durch die Halle, dass er die Hosenbeine flattern macht. Erhebend ist das nicht, eher einschüchternd. Jetzt tritt der Sänger ans Mikro, Typ großer Junge; Josh Homme heißt er, trägt die Haare kurz, hat die Gitarre umgehängt und den Kopf schief gelegt. »Sick, sick, sick«, bellt es aus den Boxen, es ist Vorwurf und Selbstdiagnose zugleich, und es stimmt schon. Kranke Musik, kranker Text, kranker Auftritt an diesem Abend im Mai vor 600 Gästen in diesem winzigen Berliner Club. Schlimm war’s. Und herrlich.

Wer zu den vielen Fans der Queens Of The Stone Age zählt, weiß seit Langem, was diese bei aller Brachialität doch überraschend groovige Musik mit einem anstellen kann: Sie heilt die Bedürftigen und macht Lahme wieder gehend, indem sie ihnen wohldosierten Krach um die Ohren haut. Zwar gelten die Queens damit seit bald zehn Jahren als eine der interessantesten Kräfte der modernen Rockmusik. Zuletzt allerdings schien es, als würde das vielköpfige Kollektiv aus Kalifornien seinen guten schlechten Ruf aufs Spiel setzen, als wäre den Queens das entscheidende Quäntchen Fahrlässigkeit und Wahnsinn abhanden gekommen. Allzu gemütlich hatten sie es sich gemacht auf Lullabies To Paralyze, ihrem letzten, arg schwelgerischen Album. Es war, als hätte ihnen der Erfolg den Schneid abgekauft. Das Ergebnis war Stillstand, wenngleich auf hohem Niveau.

Auf Era Vulgaris nun klingen die meisten Songs wieder so, wie sie heißen: Battery Acid, Turning The Screw, Run Pig Run oder eben Sick Sick Sick. Sie signalisieren: Hier wird gearbeitet, hier werden Riffs zu scharfkantigen Wurfgeschossen geschmiedet, hier fliegen die Funken, von denen sich die Jungs und Mädels einer »vulgären Ära« bereitwillig in Brand stecken lassen sollen. Manchmal klingt es, als wäre ein netter Shuffle aus den sechziger Jahren versehentlich in die Zeitmaschine geraten und verzerrt, verfremdet und böse bei uns angekommen. Es ist Musik für Menschen, die weder Hafen- noch Bergbauarbeiter werden wollen, sondern »ihre Jugend verlängern, wichtige Entscheidungen so lange wie möglich aufschieben und Nutzen aus ihrem Leben ziehen möchten«, wie Homme sagt. Musik von verzweifelten Hedonisten für verzweifelte Hedonisten also, die in den verbleibenden fünf Minuten vor zwölf noch einmal ihren Spaß haben wollen. Man könnte auch Rock’n’Roll dazu sagen.

Als in den frühen neunziger Jahren die Euphorie um den rasch erschöpften Grunge abzuebben begann, empfahl sich eine Band namens Kyuss als zukunftsträchtige Alternative. Ihr Chef, Josh Homme, pustete damals den Staub vom prähistorischen Protometal à la Black Sabbath oder Led Zeppelin. Technisch gesehen, waren das effektvolle Leihgaben aus dem Museum der E-Gitarrenriffs, mutwillig mehrere Halbtonschritte heruntergestimmt und durch das Ostinato hypnotischer Bassläufe in seiner Wirkung noch verstärkt. Wichtiger war vielleicht etwas, das man den mythologischen Standortvorteil dieser Gruppe nennen könnte. Diese Musik kam nicht aus Seattle, Los Angeles oder Chicago – sondern direkt aus der Wüste. Sie entsprang nicht dem Lärm und Tempo einer Metropole, sondern der Stille und Leere einer herben Einöde vor den Toren des 46000-Seelen-Städtchens Palm Desert, begleitet nur vom leisen Tuckern benzinbetriebener Generatoren.

Mit dem Wechsel des Markennamens von Kyuss zu Queens Of The Stone Age waren bald auch die improvisierten Produktionsbedingungen institutionalisiert. In Hommes offener Kunstkommune herrschte und herrscht ein kreatives Kommen und Gehen mit dem einzigen Ziel der Heftigkeit. Ob nun Blues, Metal, Punk, Grunge, Prog, Psychedelia, Trash oder Folk – seit Jahren wird mit immer neuen Versuchsanordnungen daran getüftelt, all diese unterschiedlichen Genres miteinander zu verschrauben. Seele, Kopf und Geschäftsführer dieses Projekts allerdings ist Josh Homme. Die wieder einmal beeindruckenden Namen auf der Era Vulgaris- Gästeliste – von Julian Casablancas von den Strokes über den gealterten Misanthropen Trent Reznor von Nine Inch Nails bis zum enigmatischen Rauschebart von ZZ Top – dienen einzig dem Zweck, den interessanten Zielgruppen dieser Gäste in Erinnerung zu bleiben. Geschadet hat es den Queens nicht, die erste Gruppe zu sein, bei der sich Nirvana-Drummer Dave Grohl wieder hinter das Schlagzeug setzte.

Stoner Rock ist das Ergebnis solcher kollektiver Schweißarbeiten im gepflegten Mad Max -Ambiente gerne genannt worden, ihrer formell rahmensprengenden Methoden und potenziell bedröhnenden Wirkung wegen. Homme selbst bevorzugte immer schon die seltsame Wendung vom »Robot Rock«. Erst mit Era Vulgaris wird nun klar, was genau ihm mit dieser technoiden Wortschöpfung vorschwebte. Das Album weckt alles andere als Assoziationen einer üppig möblierten Wohnung mit zahllosen Fluchten und Räumen im Kerzenlicht, wie sie noch das Cover der letzten Platte zierte. Das aktuelle Werk ist eher eine nackte Betongarage, mit einer stählernen Hebebühne in der Mitte und flackernden Neonröhren an der Decke. Ein Ort, an dem es entweder sehr kalt oder aber glühend heiß ist.