Oben sah man in diesem Gesicht »die wunderbar herrschende, scharf abgedachte Stirn und die Augen eines bedeutenden Menschen«. Weiter unten aber »Mund und Kinn, eng zusammengedrängt, mißachtet, verstoßen, unfroh, als stünden sie der Entwicklung der Stirn im Weg«. So sah er also aus, der Erfinder der Zwölftonmusik, Josef Matthias Hauer, so hat ihn Franz Werfel beschrieben. Hauer? Nicht Arnold Schönberg? Nein, Hauer war schneller, wenn auch neun Jahre nach Schönberg in Wien geboren, 1883. Beide waren Autodidakten. Sie kannten einander, doch die Sympathie hielt sich in Grenzen. Auch wenn Schönbergs Technik Schule machte und Hauers nicht – der eine kam dem anderen um ein paar Jahre zuvor.

Beide suchten nach einer Methode für das Komponieren jenseits der alten Diatonik und kamen darauf, die zwölf Halbtöne der abendländische Musik nur aufeinander zu beziehen und nicht auf eine Harmonik. Seither ist zumindest unter Kennern die Dodekafonie in zwei Lager gespalten. Denn Schönberg schuf aus den Tönen seine »Reihen«, bei deren Verarbeitung Dur und Moll verpönt waren. Hauer aber bändigte den Tonvorrat in 44 Sechsergruppen. Diese »Tropen« waren weder Melodien noch Akkorde, sondern Intervallkonstellationen, mit denen frei gearbeitet werden konnte. Während sich Schönberg begnügte, mit seiner Erfindung »die nächsten hundert Jahre« der Musikgeschichte zu prägen, ging es Hauer am Ende schon um die ganze »Weltordnung«.

Tief in diese Lager hinein führen jetzt zwei spannende Neuaufnahmen. Die eine folgt Hauer vom romantisch gefärbten Beginn bis zu den rätselvollen Zwölftonspielen (die auch durch Hesses Roman Das Glasperlenspiel schimmern). Die andere CD vereint Werke von zwei Schülern der Zwölftonrivalen und bietet eine sensationelle Doppelentdeckung. Bislang wusste man nämlich von keinem Schüler des Mythomanen Hauer, der in Wien einen eher weltanschaulichen Kreis von Jüngern um sich scharte. Darunter war auch ein Komponist. Der Pianist Herbert Henck hat ihn entdeckt – und noch dazu einen völlig unbekannten Schüler Schönbergs. Beide wurden 1945 auf sehr verschiedene Weise Opfer des »Dritten Reichs«. Und beide waren Genies!

Ihre Namen sind Johann Ludwig Trepulka und Norbert von Hannenheim, und ihre Musik hat in Herbert Henck einen Interpreten gefunden, der schon häufiger den Mainstream erbleichen ließ. Wer das erste Klavierstück von Hauers einzigem Schüler Trepulka einfach so hört, unbelesen, wird nie und nimmer auf Zwölftonmusik tippen. Sanft steigen da Es-Dur-Akkorde die Tastatur hinab, ihnen folgen impressionistische Mehrklänge, dann sind wir schon in E-Dur und wissen nicht, wie uns geschieht. Eine Melodie mild ausgespreizter Intervalle beginnt die Akkorde zu verbinden. Die Musik ist dem Aufbau nach ganz einfach und bleibt so, und sie ist abgründig und zauberisch. Als würde ein frühromantisches Waldidyll wach, befreit aus seinem kleinen Rahmen.

Metaphysische Moospolster wie auf einem anderen Planeten laden den Hörer ein, sich fallen zu lassen, ohne dass er dafür das Bewusstsein ausschalten müsste. Was geht da vor? Trepulka hatte Hauers Kompositionstechnik verinnerlicht. Die Musik sollte, wie später bei John Cage, vom absichtsvollen Autorentum befreit werden – der Komponist als Medium. Spannungsvolle Konstruktionen und persönlicher Ausdruck wurden abgelehnt, reine Akkorde aber nicht. Aus dem Material der »Tropen«-Sixpacks entwickelt der 20-jährige Trepulka, 1903 in Wien geboren, eine Magie, die mit keiner anderen Musik zu vergleichen ist. Sosehr diese schlichten Bewegungen und Konstellationen sich selbst überlassen scheinen, so subtil sind sie doch organisiert.

Fern von Leerlauf und Zufall leuchten die Tonkombinationen unter Hencks phänomenal sensiblen Händen, ob schlichtes Dur oder clusternahe Mehrklänge, und ganz unterschiedlich sind die Charaktere dieser Klavierstücke mit Überschriften nach Worten von Nikolaus Lenau. Das letzte ist ein Mondaufgang mit Sternen. Diese werden über dunklem Erdrand geradezu in den Himmel genagelt, einzelne kalte Töne, gewinnen dann an Umfang und Plastizität, kommen näher, bis uns am Ende ein fremder Planet in D-Dur blendet, mit einem Nachklang von 33 Sekunden. Unheimlich, schön. Der Komponist dieser so kurzen wie grenzenlosen Stücke wurde 1944 zur Wehrmacht eingezogen und kehrte aus dem Osten nicht zurück.