Lebenszeichen Harald Martenstein
...leidet an einer Sommergrippe und an der Werbung überall
Ich bin krank. Sommergrippe. 39,1 Fieber! Seit Monaten habe ich mir gesagt, Harald, habe ich mir gesagt, du musst immer schön eine Kolumne Vorsprung haben, für den Fall, dass du mal Grippe hast. Auf mich hört keiner, nicht mal ich selber. Ich schreibe über Werbung. Werbung ist lästig. Werbung stört im Fernsehen und beschädigt das Stadtbild. Werbung stört im Kino, Werbung stört im Computer. Die Taube ist die Ratte der Lüfte. Werbung ist die Ratte des Stadtbilds. Ich glaube, die große Mehrheit unseres Volkes denkt in dieser Frage genauso wie ich. Seit einigen Jahren widerfährt es mir sogar, dass ich zu Hause ans Telefon gehe, und es ist Werbung dran. Alle sagen: „Werbung ist notwendig, weil mit Hilfe von Werbung alles Mögliche finanziert wird, zum Beispiel die Presse, das Fernsehen, der Fußball, Arbeitsplätze und das Internet.“ Da erwidere ich, gut, dann lasst die Wirtschaft das Geld einfach direkt verteilen. Die Wirtschaft soll der Presse, dem Fernsehen, dem Fußball und so weiter Geld geben, sie können meinetwegen auch die Gehälter der Werbeleute weiter bezahlen, Geld ist ja offenbar kein Problem, nur, dass davon bitte keine Werbung mehr hergestellt wird. Niemand hätte einen Nachteil. Es gäbe nur Vorteile, vor allem emotionale und ästhetische. Jetzt ruft eine Freundin an, sie sagt: „Boah, wie rau deine Stimme sich anhört. Wie Serge Gainsbourg.“ Ich sage, dass ich über Werbung schreibe. Eine Welt ohne Werbung, das ist meine Utopie, meine Botschaft. Da will ich hin. Die Freundin sagt, das Thema ist retro, Kritik an Werbung, achtziger Jahre. Außerdem, für dein Buch wird doch auch Werbung gemacht.
Ich sage, ich teste die Liberalität von denen. Das ganze Magazin wird doch nur durch Werbung finanziert. Es wird doch nur deswegen gemacht. Und ich kritisiere das. Ich beiße die Hand, die mich füttert. Ich sage: Schafft es ab! Es ist Scheiße! Wegen des Wortes „Scheiße“ gibt es Leserbriefe, ich kenne die Leser. Die Leser begreifen nicht, dass ich im Goethestil schreiben könnte, aber bewusst, aufgrund einer literarischen Entscheidung, in zeitgenössischer Umgangssprache schreibe. Im deutschen Theater passieren noch ganz andere Sachen, auf der Bühne, und das ist Hochkultur. Ist das wirklich so schwer zu checken? Anglizismen, so was ärgert auch viele. Ich bringe sie alle systematisch gegen mich auf, die Leser, die Redakteure, die Wirtschaft. Wenn sie mich feuern, umso besser. „Wurde wegen eines Textes, der sich kritisch mit dem Einfluss der Werbewirtschaft auseinandersetzte, 2007 von der ZEIT entlassen“ – klingt geil. Das ist die beste Werbung für mich. Die Freundin sagt: „Stimmt, es gibt keine klare Grenze mehr zwischen kritischem und affirmativem Diskurs.“ Ich sage: „Ey, wo hast du das gelesen? Ist das von mir?“ Ich habe Fieber.
Anmerkung des Redaktionsleiters: Wir machen das Magazin doch nur, um das horrende Honorar des Kolumnisten zu finanzieren!
- Datum 01.06.2007 - 04:06 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.05.2007 Nr. 23
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Lieber Herr Martenstein,
alles Gute und dass Sie bald wieder gesund werden.
Wenn Sie wieder mal bei Ihrer liberalen Redaktion vorsprechen, bitten Sie doch um eine klitzekleine Änderung. Entweder die sollen Herrn Siebeck das Auto geben, das zu seinem Text und der Anzeige auf der letzten Seite passt oder die sollen mit den Reklameleuten von den Autofirmen vereinbaren, dass Autotests und die dazugehörigen Anzeigen ein wenig zeitversetzt erscheinen.
Also so richtig Redaktion und Reklame nebeneinander oder so, dass es weiterhin nur Ihnen auffällt, und auch nur wenn Sie verschnupft sind.
Neben was für Anzeigen würden Sie denn am liebsten gedruckt werden und fragt Ihre Redaktion Sie das überhaupt?
Also wenn Sie so mit Ihren 2800 Anschlägen pro Woche umgehen wundert es mich gar nicht, dass Ihre Kollegen Werbefuzzis auf dieselbe Seite eine Anzeige für's Augustinum plaziert haben. Titel: "Stöckchen statt Stock" - Sollte das etwa kein subtiles Angebot eines "goldenen Handschlags" sein? Edler Altersruhesitz für Martenstein? - Muss ich deshalb bald unten auf Seite 2 der Zeit lesen "Martenstein wendet sich ganz seinem Publikum im Wohnstift zu"? - Werden Sie wieder gesund, bleiben Sie uns erhalten und schreiben Sie schnell was Positives über das Zeitmagazin - z.B. dass es so handlich ist. Wie damals als Student hab' ich es gleich wieder auf's Klo mitgenommen. Bis vor 3 Wochen konnte ich über Ihre Kolumne nur am Wohnzimmertisch lachen - und das ist nix gegen ein Lachen auf dem Klo.
Norbert Stribeck
Ach, er spricht mir wieder aus dem Herzen.
Dass er noch "Werbung" sagt anstatt simpel "Reklame" (die Reklamefuzzis hassen das! Wunderbar!!) zeigt allerdings, dass sie ihn doch schon (noch?) am Wickel haben.
Sie haben auf den Punkt gebracht, was ich gefürchtet hatte: Das Zeit Magazin ist eher ein Mittel, mehr Gelder über Anzeigen zu akquiriren, als dass die Zeit etwas für die Leser tun wollte. Daher auch das unterirdische Design. Der platte Kommentar des Redaktionsleiter unter Ihrer Kolumne (dafür war also noch Platz?!) sagt alles. Ich zahle lieber Ihr horrendes Honorar als Leser (und als Anzeigen-Zielgruppenmitglied) mit als das horrende Gehalt des Magazinverwalters (Leiter kann man das nicht nennen). Ich hoffe, es kracht wirklich mal, und nicht nur mit Augenzwinkern. Das Magazin ist ein Trauerspiel, schade, denn so werde ich Ihre lesenswerte Kolumne leider in Zukunft seltener lesen...
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