Rauchzeichen der Hoffnung

Nigeria verdankt seinen Namen dem Einfall einer britischen Offiziersgattin. Und als am Ende des 19. Jahrhunderts dumpfe Generäle und Kolonialpolitiker am Sherrytisch die Konturen des Landes auf der Landkarte umrissen, da hatten sie unter dem Namen Nigeria ein Gebiet zusammengefasst, in dem etwa 250 verschiedene Völker lebten und fast ebenso viele Sprachen gesprochen wurden. Wie die meisten afrikanischen Staaten hatte auch Nigeria kaum eine Chance, ein selbstständiger, moderner Staat zu werden, als es 1961 in die sogenannte »Unabhängigkeit« entlassen wurde. Von Anfang an gab es ethnische Spannungen, und Mitte der sechziger Jahre kam es im Norden des Landes zu Massakern an Angehörigen vor allem der Igbo. Das führte dazu, dass das Volk der Igbo im Südosten des Landes sich zum selbstständigen Staat erklärte. Und dieser Staat hieß Biafra.

Biafra existierte nur drei Jahre lang, wurde von kaum einem anderen Staat anerkannt, und der Name wurde zur Chiffre einer furchtbaren Hungersnot in den Jahren von 1968 bis 1970, die Hunderttausende von Opfern forderte. Auf der Flagge des neuen Staates strahlte eine aufgehende Sonne. Und dieser halben Sonne verdankt der jüngste Roman der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie seinen Titel: Die Hälfte der Sonne. Adichie, Jahrgang 1977, sagte in einem Gespräch: »Ich habe diesen Roman geschrieben, weil ich über Liebe und Krieg schreiben wollte, weil ich im Schatten von Biafra aufgewachsen bin, weil ich meine beiden Großväter im Krieg zwischen Nigeria und Biafra verloren habe, weil ich mich mit meiner Geschichte befassen will, um die Gegenwart zu begreifen, weil viele der Gründe, die zu dem Krieg geführt haben, bis heute in Nigeria nicht gelöst sind, weil mein Vater Tränen in den Augen hat, wenn er davon spricht, wie er seinen Vater verloren hat, weil meine Mutter immer noch nicht präzise davon sprechen kann, wie sie ihren Vater in einem Flüchtlingscamp verloren hat, weil die grausamen Hinterlassenschaften des Kolonialismus mich wütend machen.«

Der Roman beginnt Anfang der sechziger Jahre und endet 1970 mit der Niederlage Biafras nach Jahren eines zermürbenden Krieges. Er erzählt die Geschichte Biafras, die zugleich die Geschichte des Krieges ist, der um die Unabhängigkeit Biafras geführt wurde. Doch Die Hälfte der Sonne ist kein Schlachtenepos, auch kein politischer Schlüsselroman, dieses Buch handelt fast ausschließlich von einer Familie, die gar keine richtige Familie ist. Es beginnt damit, dass der kleine Ugwu, ein aufgeweckter Junge vom Land, seine neue Stelle als Houseboy antritt. Und zwar bei einem Professor der Mathematik in Nsukka, einer beschaulichen Universitätsstadt.

So was hat Ugwu noch nie gesehen: Häuser, gestrichen in der Farbe des Himmels, Straßen, so glatt geteert, dass er am liebsten seine Wange darauflegen möchte. Und dann erst der Professor. Odenigbo heißt er, und er ist keineswegs nur in das Spiel der Zahlen vertieft. Professor Odenigbo ist obendrein Sozialist, glühender Verfechter eines selbstbewusst vereinten Afrikas. Wenn er auch nicht gerade durch Schönheit glänzt, dann durch Intelligenz und Herz, durch Tatkraft und Witz. Genau deshalb liebt Olanna ihn die überaus attraktive junge Soziologin aus schwer begütertem Elternhaus. Sie zieht zu Odenigbo in die Provinz und gibt Kurse an der Universität.

Und so leben die drei dahin in einer afrikanischen Idylle, von der man noch kaum je gelesen hat. Ugwu wird von den beiden Erwachsenen fast als Sohn behandelt. Man genießt die Wonnen der Liebe, und im Kreis der Freunde ereifert man sich über die Zukunft Nigerias.

Aufgewachsen im Schatten von Krieg und Hungersnot

Schwierigkeiten brechen meistens aus Ecken hervor, die man nicht auf der Rechnung hatte. Odenigbo schwängert ein Mädchen vom Lande. Seine Mutter hat sie ihm gewissermaßen ins Bett geschoben, Ugwu behauptet gar, sie hätte seinen Master verhext, denn Odenigbos Mutter lehnt Olanna, die schöne studierte Tochter aus reichem Haus, vehement ab.

Und so nimmt mitten in Afrika ein bürgerlicher Skandal seinen Lauf, an dem nichts erstaunt, außer seine Bürgerlichkeit.

Doch wenn Chimamanda Adichie einigermaßen ausführlich von den kleinen und großen privaten Schwierigkeiten ihrer Helden erzählt, wenn sie ebenso ausführlich von den Freunden von Odenigbo und Olanna berichtet, dann um an die Existenz einer intellektuellen nigerianischen Mittelklasse zu erinnern, die seitdem nicht nur in Nigeria, sondern fast überall in Afrika bedeutungslos geworden ist. Mittelklasse heißt hier: Afrikaner, die mit den Prinzipien und den Tücken der Moderne durchaus vertraut sind, an die Aufklärung glauben und doch nach einem authentischen afrikanischen Weg in die Moderne suchen.

Der Schilderung dieses Milieus war übrigens auch Adichies erster großer Roman Blauer Hibiskus verpflichtet, für den sie zahlreiche internationale Auszeichnungen erhielt. Adichie, erst 30 Jahre alt, teilt das Schicksal vieler nigerianischer Autoren. Ihre literarische Reputation konnte erst entstehen, weil sie in amerikanischen und britischen Verlagen veröffentlichen. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, gibt es heute so gut wie keinen eigenständigen literarischen Verlag mehr und im ganzen riesigen Land vielleicht zehn Buchhandlungen, die ein Europäer als solche erkennen könnte. Adichie promoviert zurzeit an der amerikanischen Universität Yale. Es zieht sie aber immer mehr nach Nigeria zurück. Und um Die Hälfte der Sonne zu schreiben, brauchte sie den Himmel über Nsukka.

»Nicht weil ich in den USA einen Roman über Nigeria geschrieben habe, habe ich Heimweh bekommen, sondern weil ich in den Vereinigten Staaten gelebt habe. Da habe ich wieder angefangen, Nigeria zu lieben, da habe ich meine nigerianische Identität wiederentdeckt und wie tief ich in der Kultur der Igbo verwurzelt bin. Es ist einfach der Blick von außerhalb. Aus der Ferne versteht man ganz deutlich, wie viel hier kaputtgegangen ist, aber ich habe auch gemerkt, wie sehr ich das Land liebe. Ich liebe Nigeria, aber ich sehe auch, wie viel noch bewegt werden muss«, erklärt sie in einem Interview.

Eines Tages reist Olanna in den Norden des Landes, um Verwandte zu besuchen, und sie wird Zeugin der furchtbaren Massaker, die die Hausa an den Igbo verüben. Wie durch ein Wunder überlebt sie und kann in einem Güterwagen entkommen.

Das ist die Vorgeschichte, die dazu führt, dass Biafra sich zum unabhängigen Staat erklärt und Nigeria sich an die Rückeroberung der abtrünnigen Region macht. Nein, auch wenn der Krieg voll entflammt, versucht der Roman nicht, die Schuldfrage zu klären. Nur für eine relativ kurze Spanne wird Ugwu zum Militärdienst verschleppt und schließlich so schwer verwundet, dass er wieder nach Hause darf, doch die Zeit reichte, um ihn für sein Leben zu zeichnen. Ansonsten erleben wir einige Luftangriffe. Es war ein Krieg, in dem eine relativ gut ausgerüstete nigerianische Armee gegen eine improvisierte Rebellentruppe vorging. Und der weiße Mann hat einmal mehr eines seiner atemberaubenden humanitären Kunststücke vollbracht: einerseits Nigeria mit allen erdenklichen Waffen ausgestattet und andererseits mit Tränen in den Augen Hilfsgüter für die hungernden Kinder in Biafra gesammelt.

Die atemberaubenden humanitären Kunststücke der Weißen

Trotzdem: Die große Politik spielt nur die Rolle eines unvermeidlichen Hintergrundgeräusches. Es geht darum, zu zeigen, warum Menschen diesen Krieg gewollt haben und was der Krieg mit ihnen macht. Es geht um den Zusammenbruch der inneren Front, den Kollaps der afrikanischen Hoffnungen, um ein jahrelanges Zurückweichen, um den Kampf gegen den Hunger. Denn die meisten Toten in diesem Krieg sind nicht Waffen zum Opfer gefallen, sondern elendiglich verhungert. Aber Die Hälfte der Sonne ist ein Roman, der nicht vom Verhungern handelt, sondern vom Überleben vom Überleben der Seelen und von ihren Verlusten.

Am Ende ist der Krieg vorbei, es gibt Tote und Verwundete, Traumatisierungen und Demütigungen. Und doch hinterlässt Chimamanda Adichies Roman nicht den Eindruck eines Verdammungungsurteils. Kein Zweifel, dieser Krieg hat nicht nur viele Menschen das Leben gekostet, er hat auch die Illusionen einer afrikanischen Einheit ruiniert, die Träume vom afrikanischen Weg, und die Bitterkeiten dieses Bürgerkrieges gären bis heute. Aber Adichie schafft es, ganz still aus diesem Trümmerfeld Rauchzeichen der Hoffnung emporsteigen zu lassen.

Es entsteht der merkwürdige, fast paradoxe Eindruck, in Afrika könnte die Welt noch einmal neu erfunden werden. Vielleicht weil die Menschen nichts zu verlieren haben, vielleicht weil sie schon so lange gelernt haben, mit zivilisatorischen Brüchen zu improvisieren, vielleicht weil man dort immer noch darauf vertraut, dass auch noch die andere Hälfte der Sonne aufgehen wird.

Chimamanda Ngozi Adichie:

Die Hälfte der Sonne

Roman - aus dem Englischen von Judith Schwaab - Luchterhand Literaturverlag, München 2007 - 637 S., 22,95 Euro

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  • Von Walter van Rossum
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT Nr.23 vom 31.05.2007, S.65
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