Lektüre für die Große Koalition! Sozialwissenschaftler wollen mitreden, sie wollen nicht hocken bleiben im Elfenbeinturm.

»Integration« von Fremden, von anderen Kulturen galt beispielsweise unter ihnen nicht wirklich als Frage, die über die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft entscheidet. Jetzt hingegen argumentieren sie so schmucklos wie selbstverständlich: Bloß keine Blauäugigkeit, mit Formelkompromissen sei Integration nicht zu erreichen.

Zukunftsfähig sei die Republik, aber bloß zusehen reiche dafür nicht: So lautet im Blick auf das Migrationsproblem eine der Antworten auf die Frage, ob Deutschland geeicht ist für die Herausforderungen.

Zahlreiche Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler haben das jetzt getestet, nachzulesen im Jahrbuch 2006 des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Angeregt hatte das Vorhaben Jürgen Kocka, der bis April Präsident des Zentrums war. Heute, so resümiert er, werde »Zukunftsfähigkeit« weit mehr danach beurteilt, wie man sich einlässt auf das »Transnationale« oder darauf, dass die OECD-Welt, also der »Westen«, nicht mehr als einzige Referenzgröße tauge. Hinzu komme die Frage nach der Nachhaltigkeit von Politik, die auch »das Soziale« erfasse.

Manche Befunde fallen sehr skeptisch aus, andere eher zuversichtlich, aber der Sound insgesamt verrät Neugier Neugier auf den Zustand dieser gar nicht verkaterten Gesellschaft, Neugier auf die Chancen von Politik heute, wenn der Nationalstaat längst nicht mehr souveräner Alleinunterhalter ist (die Urteile darüber übrigens klaffen weit auseinander). Um beim Beispiel Migration und Integration zu bleiben: Im Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit sollten, so wird empfohlen, weniger »Werte und vermeintlich trennende Kulturen« stehen als vielmehr soziale Ausgrenzung sowie Bildungs- und Arbeitsmarktchancen. Drohende Spaltungslinien in unserer Gesellschaft seien heute nämlich »eher sozial als kulturell definiert«. Entgangen ist der Autorin der Studie, Karen Schönwälder, natürlich nicht, dass sich die rot-grüne Regierung gerade gegenüber Muslimen ernsthafter um staatsbürgerliche Anerkennung und Integration bemühte und dies auch die Große Koalition jetzt ebenfalls tut.

Bloß positive Utopien für eine attraktive und leistungsfähige plurale Gesellschaft entdeckt Schönwälder in solchen Anstrengungen noch nicht.

Nur wenn den Migranten wirkliche Bildungs- und Arbeitsmarktchancen geöffnet würden, wenn also dafür strukturelle Voraussetzungen geschaffen würden und ein politisch neutrales Leitbild als Grundlage der Integration diene, werde die Republik »zukunftsfähig«.