Religion Gott und PolitikSeite 3/3

Die christlichen Kirchen spüren, dass sie die religiöse Inbrunst der Muslime ausnutzen können, um ihre eigenen Anliegen und das Religiöse überhaupt voranzubringen. Ein unheiliges Bündnis aller Glaubensrichtungen sorgt derzeit dafür, dass alte Positionen mit neuer Aggressivität vorgetragen werden: gegen die Abtreibung, gegen die Stammzellenforschung, gegen die Schwangerschaftsverhütung im Teenageralter, gegen Euthanasie und Homosexuellenrechte, gegen Aufklärungsunterricht an den Schulen und auch dagegen, dass in den Entwicklungsländern im Kampf gegen Aids Kondome zum Einsatz kommen dürfen. Die Religionsführer haben begriffen, dass sich viele Regierungen in Europa – wenn auch mit Unbehagen – bemühen, die verschiedenen religiösen Gemeinschaften irgendwie in die Gesamtgesellschaft zu integrieren. Der Staat gesteht den religiösen Gemeinschaften Sonderrechte zu. So will man extremistische Gläubige besänftigen und Moderate davon abhalten, ihrerseits zu Extremisten zu werden.

Unterdessen ist die extrem katholische Regierung der Gebrüder Kaczynski in Polen damit beschäftigt, ihren repressiven Einfluss auch in die Institutionen der Europäischen Union zu tragen. Im EU-Parlament erheben sich atemberaubend reaktionäre religiöse Stimmen. Zum Instrumentarium des gegenwärtigen (ebenso wie des vorigen) Papstes gehört es inzwischen, katholischen Politikern die Exkommunizierung anzudrohen, sofern sie die Politik der katholischen Kirche nicht unterstützen. Das wirft grundlegende Probleme demokratischer Legitimität auf. Zugleich zieht hier schleichend die Drohung einer Theokratie nach iranischem Muster herauf: Wem ist ein katholischer Politiker verantwortlich – seinen Wählern oder dem Vatikan? Großbritannien ist die letzte westliche Demokratie, die theokratische Elemente aufweist: Dem Oberhaus gehören 26 Bischöfe an – mit der Folge, dass die anderen Religionen inzwischen zunehmend fordern, auf dieselbe Weise repräsentiert zu werden.

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Anlässlich der ersten Zusammenkunft des neuen UN-Menschenrechtsrates wurde jüngst die Forderung erhoben, jegliche Verleumdung von Religion sofort zu verbieten. Die kuwaitische Vertretung bei den Vereinten Nationen erklärte, was immer Religionen kränke, sei eine Verletzung der Glaubensfreiheit – eine Auffassung, die in ihrer Verquertheit selbst kaum zu glauben ist. Die International Humanistist and Ethical Union, der als führende Mitgliedsorganisation auch die National Secular Society Großbritanniens angehört, stand in diesem Fall tapfer für die Meinungs- und Redefreiheit auf. Aber der organisierte Nichtglauben bringt nur einen schwachen Aufschrei des Protests gegen die Macht der Vertreter von Muslimen, Christen und anderen unerbittlichen Glaubensrichtungen zustande. Die Stimme der Vernunft bleibt deshalb leise, weil der Nichtglaube seinem ganzen Wesen nach moderat ist – es gibt per Definition keine Dschihadisten im Kampf für Vernunft und Wissenschaft.

Menschenrechte und Religion stehen zueinander in einem fundamentalen Konfliktverhältnis. Fast alle Religionen versuchen, die Freiheit der Frauen einzuschränken, über ihre eigene Fruchtbarkeit zu entscheiden. Sie verweigern Menschen die eigenständige Entscheidung darüber, wann sie Kinder gebären möchten und wann sie sterben wollen. Sie verweigern Menschen das Recht, ihre Sexualität nach eigenen Vorstellungen auszuleben. Und jetzt versuchen sie sogar, die Freiheit wieder abzuschaffen, in primitiven Texten enthaltene „offenbarte“ religiöse Wahrheiten zu bezweifeln und zu verspotten.

Es ist höchste Zeit, dass Europäer die freiheitlichen und demokratischen Werte der Aufklärung aufs Neue verteidigen. Deren neuer Gegner ist ein finsteres Bündnis aller Glaubensrichtungen, das den Nichtgläubigen die Macht entreißen will. Geht das weltliche Europa nicht sofort zum Gegenangriff über, wird Gott in die Politik zurückkehren. Aus Angst davor, irgendwen zu beleidigen, werden wir dann zum Schweigen gezwungen sein – selbst dann, wenn Europa noch immer ein Kontinent der Nichtgläubigen ist.

Polly Toynbee ist leitende Kommentatorin beim britischen „Guardian“ und lebt in London

 
Leser-Kommentare
  1. mehr ist dazu wirklich nicht zu bemerken....

  2. so ungefähr hört sich dieser Kampfartikel an.

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    Sie tun mir so leid, die Menschen, die sich weigern, ihre kleine Vernunft durch den Glauben an Gott erhellen zu lassen.

    Eine schweigende Mehrheit sollte sich doch endlich einmal formieren

    Sie tun mir so leid, die Menschen, die sich weigern, ihre kleine Vernunft durch den Glauben an Gott erhellen zu lassen.

    Eine schweigende Mehrheit sollte sich doch endlich einmal formieren

  3. Sie tun mir so leid, die Menschen, die sich weigern, ihre kleine Vernunft durch den Glauben an Gott erhellen zu lassen.

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    Ein typisch religioes-arroganter Kommentar, intolerant und verbohrt.

    Ein typisch religioes-arroganter Kommentar, intolerant und verbohrt.

  4. gr

    Liebe Zeit-Redaktion.,
    seit Jahrzehnten haben wir die ZEIT im Abo. Dieser Artikel jedoch markiert ein neues Argumentationsniveau, das bislang in der Zeit nicht anzutreffen war, nämlich leider einen absoluten Tiefpunkt.Dem obigen Leserkommentar "ein unsagbar dummer Artikel" schließe ich mich vorbehaltlos an. Leider aber wäre dazu eine Menge mehr zu sagen. Zunächst einmal widersprechen die holzschnittartigen Generalisierungen dem sonst in der ZEIT gepflegten immer noch differenzierten Berichts-und Argumentationsstil fast schmerzhaft. Der Artikel ersetzt ihn durch blinde Attacke, peinliche Parolenschwingerei und vollkommen absurde Unterstellungen gegen Religion im Allgemeinen.Er ist ein schöner Beleg für die in letzter Zeit häufigen Reaktionen eines hysterisch gewordenen Säkularismus,der außerstande ist den aufklärerischen Wert der Toleranz selbst auszuüben (nicht jedoch, ihn bei jeder Gelegenheit unbegrenzt vom Rest der Welt für sich einzufordern.) Es erübrigt sich, der Autorin entgegenzuhalten, daß schon rein zahlenmäßig die schlimmsten Verheerungen und Massaker nicht von Religionen ausgegangen sind, sondern von den politischen Surrogaten, die das 20. Jahrhundert in Gestalt von Faschismus und Kommunismus für sie bereitgestellt hat (was die Zahlen betrifft, so sehe man sich z.B. mal das "Schwarzbuch des Kommunismus" an, über das die ZEIT ja auch mal, am Rande, versteht sich,berichtet hat.- Beunruhigender als das wirklich unterirdische Elaborat von Frau Toynbee ist die Tatsache, daß sich die ZEIT bereitgefunden das abzudrucken - es weckt Zweifel, daß man es weiterhin mit dem sonst geschätzten Druckerzeugnis zu tun hat.Vielleicht ein Hinweis, sich nach langen Jahren vom Abo zu verabschieden? Wer will schließlich schon eine Zeitung lesen, die der Intoleranz (sei sie nun religiös, oder, wie hier in primitiver Form atheistisch) ein Forum bietet?!

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    Die Behauptung, dass die meisten Schandtaten dem Faschismus und dem Kommunismus zuzurechnen sind, ist schlicht falsch. Man muss schon etwas weiter zurueckgehen als das 20. Jahrhundert, um festzustellen, dass Religionen die groessten Gewaltverursacher waren. Und selbst im letzten Jahrhundert hat sich Adolf gut mit Rom arrangiert. Die jetzige Welt-Situation widerspricht Ihrer
    Feststellung voellig. Ohne Islam gaebe es nicht Tausende von Selbstmordattentaetern, die im Namen ihres Gottes morden. Die letzten Jahrzehnte in Irland sprechen auch Baende.

    Die Behauptung, dass die meisten Schandtaten dem Faschismus und dem Kommunismus zuzurechnen sind, ist schlicht falsch. Man muss schon etwas weiter zurueckgehen als das 20. Jahrhundert, um festzustellen, dass Religionen die groessten Gewaltverursacher waren. Und selbst im letzten Jahrhundert hat sich Adolf gut mit Rom arrangiert. Die jetzige Welt-Situation widerspricht Ihrer
    Feststellung voellig. Ohne Islam gaebe es nicht Tausende von Selbstmordattentaetern, die im Namen ihres Gottes morden. Die letzten Jahrzehnte in Irland sprechen auch Baende.

    • Anonym
    • 31.05.2007 um 21:47 Uhr
    5. @

    @Molinocampo: ein unsagbar dummer Kommentar (ist er doch nicht dumm, gibt er dem Autor Recht, wenn er auf das Vorhandensein religioeser Fanatiker hinweist)

    @bspiesser: es muss ja nicht gleich Atheismus sein. Meinst du aber nicht auch, dass es es sich fuer die Welt als sehr gesund erweisen koennte, wenn sich zumindest die "Gemaessigten aller Laender" vereinigen wuerden (Siehe Polen, sowie einige arabische und afrikanische Staaten, etc.)

    @eva_maria: du hast darin recht, dass kein Mensch durch seine Vernunft Gott widerlegen kann. Ebensowenig kann man ihn aber auch beweisen. Deshalb tun mir die Leute NICHT leid, die aus eigenem Glauben oder Ego heraus fuer andere im Namen dieses Gottes Entscheidungen treffen oder ihnen Lehren eintrichtern wollen.

    MfG

  5. Nach den reißerischen Beiträgen des SPIEGELS über den sogenannten “Kreuzzug” der neuen Atheisten wirkt es wie Balsam, die wohltuende aber entschiedene Stimme der Aufklärung zu vernehmen, die man von der ZEIT gewohnt ist. Polly Toynbee bringt eine nüchterne Bestandsaufnahme: Der Geist der Aufklärung sei auf dem Rückzug. Zu vorsichtig und zu zaghaft sei der Umgang mit den Religionen. Man wolle eben niemanden “kränken”, und religiöse Minderheiten erst recht nicht. Diese liberale Haltung nutzen religiöse Fanatiker verschiedener Glaubensgemeinschaften aus und schaffen Fakten. Das “Appeasement gegenüber dem religiösen Eiferertum” geht weit. Zu weit, möchte man meinen. Denn Wissenschaft und Menschenrechte sind mit Religion unvereinbar. Wir dürfen das unter großen Opfern Erkämpfte nicht aus Sanftmut und falscher Toleranz wieder aufgeben. Der Geist der Aufklärung hat die Herausforderung bereits angenommen. Sollte im Diskurs tatsächlich das bessere Argument zählen, hat das Transzendente und Absurde auf Dauer keine Chance.

  6. Allenthalben kämpft die rechte gegen die linke Gehirnhälfte. Eine schizophrene Menschheit, die sich mehr und mehr dem kollektiven Suizid entgegenbewegt.

    Wenn es stimmt, dass Meditation die verschiedenen Gehirnbereiche in Einklang bringt, dann wäre es doch eine gute Sache, den Schülern nicht irgendwelche Gottesbilder einzuhämmern, auch nicht das atheistische Bild vom Nicht-Gott, sondern sie den abstrakten Zustand erfahren zu lassen, den die christlichen Mystiker "Bildlose Schau" nennen oder "Gebet der Stille", die Sufis "Dhikr" oder "Zikr" (Herzensgebet), die Asiaten "Dhyan" oder "Zen"?

    Bei den Muslimen darf man sich sowieso kein Bild von Gott machen, und auch bei den Juden und Christen heißt das 2. Gebot: "Du sollst dir kein geformtes Bild machen." Und bei den Buddhisten gibt es keinen Gott, sondern ein Bewusstseinsuniversum, während die Hindus sich viele Gottesbilder machen, weil Gott eben nicht in e i n Bild passt. Da darf dann Gott auch eine Frau sein...

    @ Andreas Dietz: Solange wir gespalten sind, erscheint das Transzendente tatsächlich absurd. Nämlich für den Intellekt. Aber sobald die stille Intelligenz hinter dem Intellekt erfahren wird, ist die Überwindung der Spaltung nahe. Dann ist sozusagen "Das Reich Gottes" nahe.

  7. Die Frage ist doch eigentlich nicht, ob es Gott gibt oder nicht, sondern ob die aus diesem Glauben abgeleiteten Prinzipien, unsere kollektiven Entscheidungen beeinflussen sollten. Und da wir Menschen in unserer Wahrnehmung so unsäglich eingeschränkt sind und zu irrationalen Handlungen neigen, sollten wir bloß nicht damit anfangen, Argumente zu verwenden, denen jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt.
    Was nützt es mir, dem Donnergott ein Opfer zu bringen, wenn dann doch der Blitz einschlägt? Eine Wettervorhersage und ein Blitzableiter sind mir da wesentlich lieber. Religion hat in der Politik nichts zu suchen, sondern saubere Zahlen und nüchterne Fakten. Und die Wissenschaft kennt keinen Gott, so bitter das eben sein mag.

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    Beweisen Sie mir mit Ihrer Wissenschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Bitte mit sauberen Zahlen und nüchternen Fakten.

    Das, was mancher ein Ergebnis seiner Vernunft nennt, empfindet ein anderer als religiöses Gefühl, als etwas das ausserhalb seiner Kraft steht, tief in ihm steckt usw.

    Ehrlich gesagt, es würde mir schwer fallen, Religion genau zu definieren. Es wundert mich, dass Miss Toynbee anscheinend so sicher mit dem Begriff umgehen kann. Ich denke, es ist eher Missbrauch von Religion, der tätsächlich allgegenwärtig ist, den sie für Religion hält.

    Bevor wir Religion völlig verdammen, was ist mit Martin Luther King and Mahatma Gandhi und dem Konzept des gewaltfreien Widerstandes, der eben in der Religion seine Wurzeln hat?

    Beweisen Sie mir mit Ihrer Wissenschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Bitte mit sauberen Zahlen und nüchternen Fakten.

    Das, was mancher ein Ergebnis seiner Vernunft nennt, empfindet ein anderer als religiöses Gefühl, als etwas das ausserhalb seiner Kraft steht, tief in ihm steckt usw.

    Ehrlich gesagt, es würde mir schwer fallen, Religion genau zu definieren. Es wundert mich, dass Miss Toynbee anscheinend so sicher mit dem Begriff umgehen kann. Ich denke, es ist eher Missbrauch von Religion, der tätsächlich allgegenwärtig ist, den sie für Religion hält.

    Bevor wir Religion völlig verdammen, was ist mit Martin Luther King and Mahatma Gandhi und dem Konzept des gewaltfreien Widerstandes, der eben in der Religion seine Wurzeln hat?

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