Grand-mère Denise feiert ihren 80. Und alle sind sie gekommen: die Kinder, Enkel, Großenkel, eine unüberschaubare Zahl Cousinen und Cousins, etliche Nachbarn außerdem. Festlich leuchten goldblonde Dauerwellen, Manschettenknöpfe und Zahnspangen blitzen. Noch sitzen die Krawattenknoten fest. Hohe Hacken klappern über den staubigen Vorplatz des Restaurants. Denise, die rüstige Witwe, hat für das Festmahl nicht in ein Sternelokal geladen, sondern in eine schlichte, unter Platanen verborgene Guinguette am Ufer der Marne östlich von Paris.

Einst gab es über 200 solcher Ausflugslokale in der petite couronne, dem kleinen Kranz um die französische Metropole, übrig geblieben sind ein halbes Dutzend. Die Guinguette à Roland in Champigny-sur-Marne ist eine dieser zeitlosen Tanzlauben, die Beat, Diskofieber und Hip-Hop überlebt haben und deren Retrocharme zusehends auch von einer jüngeren Klientel entdeckt wird. » In einer Guinguette habe ich bei Paso doble und Anisettelikör meinen Mann kennengelernt. Damals, als einfache Leute wie wir noch kein Auto und nur wenig Geld hatten, war der Ausflug sonntags an die Marne die einzige Möglichkeit zum Ausgehen«, sagt Denise mit einem leisen Anflug von Wehmut. Roland Viguié, der bartstoppelige Patron und Koch, lässt inzwischen in der winzigen Küche die Entenconfits in der Pfanne brutzeln. Der 71-Jährige kochte in namhaften Restaurants, ehe er sich den Traum einer eigenen Guinguette erfüllte. Den Laden schmeißt er mit seiner Lebensgefährtin Christine, die Fremde sofort duzt, und mit dem Kellner Claude. Das Trio trägt die Kluft der canotiers, wie die Ruderer und Fährleute genannt wurden: einen Strohhut, ein Streifentrikot und eine von breiten Hosenträgern gehaltene Seemannshose.

Die populären Schanklokale gab es bereits im 18. Jahrhundert. Ihren Namen erhielten sie vom guinguet, einem säuerlichen Schädelspalter, den pfiffige Pariser Wirte außerhalb der Stadtgrenzen servierten, um der Schanksteuer zu entgehen. Emile Zola war fasziniert von diesen Amüsierbuden, in denen alle gesellschaftlichen Schranken aufgehoben waren und an wackligen Holztischen unter Pergolen Comtessen neben Conciergen, Kohleträger neben Advokaten saßen. In seinem Roman Im Paradies der Damen beschreibt er die Atmosphäre: »Der Lärm war betäubend. Lachen, Rufe, Geschepper von Geschirr - im Wind, der durch die offenen Fenster hereinwehte, flackerten die Kerzen, während Nachtfalter ihre Flügel in der vom Küchendunst aufgewärmten Luft schlugen«

Als in Frankreich 1906 der arbeitsfreie Sonntag eingeführt wurde, eröffnete am Fluss eine Musette-Pinte nach der anderen. Die Pariser strömten mit der Dampfbahn an die Marne, um sich beim Tanzen und bei Belustigungen wie Sackhüpfen oder Eselrennen von der Maloche zu erholen. Zu den Stammgästen gehörten Bankräuber und Zuhälter. Viele der Ganoven waren verdonnert worden, sich nur außerhalb eines 30Kilometer-Radius um die Stadt aufzuhalten. So lenkten sie ihre krummen Geschäfte von den Guinguettes aus, was deren prickelndes, frivoles Flair erhöhte.

Grand-mère Denise hat den mit Marzipanröschen dekorierten Geburtstagskuchen angeschnitten, der Muscadet fließt reichlich, die Krawatten werden gelockert. Jetzt beginnt gleich das Allerschönste das Tanzen. Corinne Rousselet, die Guinguette-Musikerin, greift in die Tasten ihres Akkordeons, der Klassiker Ah! Le petit vin blanc erklingt, eine Hymne an den kleinen Aperitif-Weißen. Kavaliere schieben ihre Partnerinnen mit flinken, geübten Schritten übers Parkett. » Das Akkordeon haben wir den italienischen Einwanderern zu verdanken, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Paris kamen und ihre fisarmonica im Gepäck hatten«, erklärt Corinne die Herkunft des Instrumentes, ohne das in Frankreich kein Dorffest, keine Hochzeit stattfindet.

Als Edith Piafs LHymne à lamour intoniert wird, ist Grand-mère Denise dem Weinen nah. Die jugendlichen Gäste kichern über die gefühligen Lieder, die von Mistinguetts Moulin-Rouge-Balladen bis zu Georges-Brassens-Chansons reichen. Eine Polka reißt aber dann auch die Jungen mit, sie hopsen wild in die Luft, lachen sich dabei halb kaputt und haben auf einmal ganz rote Gesichter. Vive la vie!

In rappelvollen Gärten der Guinguette du Martin-Pêcheur, benannt nach dem an der Marne allgegenwärtigen Eisvogel, erleuchten am Samstagabend kirmesbunte Lichterketten die Terrassentische, die mit rot-weiß karierten Tischtüchern gedeckt sind. Kellner balancieren Teller mit Miesmuscheln, frittierten Fischen, Kalbsbries in Morchelsoße und Kaninchenfrikassee. Das Lokal liegt auf einem Inselchen mitten im Fluss. Noch vor zehn Jahren konnte man es nur mit einem schwankenden Holzfloß erreichen. Diese Minifähre machte die Guinguette in ganz Frankreich berühmt, weil die Flussbehörde die aus ihrer Sicht gefährliche Passage verbieten wollte. Obwohl es kein einziges Mal passierte, dass ein Gast ins Wasser fiel, zog sich der Rechtsstreit über Jahre hin. » Es hat mich an den Rand des Ruins getrieben«, sagt Besitzer Jean-Yves Dupin. Irgendwann zahlte er ein kleines Vermögen, um eine stählerne Brückenkonstruktion errichten zu lassen. Jetzt kann man die Gartengaststätte sogar im Rollstuhl ohne Probleme erreichen.