Er ist erst seit Anfang des Monats im Konzern und sitzt dort auf einem heißen Stuhl: Thomas Sattelberger, 57 Jahre alt, neuer Personalvorstand bei der Telekom und erprobt darin, sich mit Mitarbeitern und Gewerkschaften anzulegen. Die IG Metall kennt ihn bereits. Als oberster Personaler beim Autozulieferer Continental rang Sattelberger den Beschäftigten im Reifenwerk in Hannover ab, für weniger Geld länger zu arbeiten. Dann wurde dennoch beschlossen, die profitable Produktion stillzulegen.

Jetzt darf sich die Gewerkschaft ver.di an dem Mann die Zähne ausbeißen. Europas größte Telefongesellschaft erlebt derzeit den heftigsten Arbeitskampf seit zwölf Jahren. Mit einem neuen Personalvorstand im Zentrum des Konflikts, der gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat berufen wurde – ein Vorgang, den Mitarbeiter und Gewerkschaft ungeheuerlich finden und der selbst in anderen Dax-Unternehmen als unüblich gilt.

Dabei überraschte der selbstbewusste Sattelberger vergangene Woche mit durchaus versöhnlichen Worten: »Beide Seiten müssen zurückstecken.« Oder: »Wir wollen nicht endlos Scherben aufkehren.« In der Sache aber zeigt er sich unerbittlich. Wenn sich die Gewerkschaft weigere, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, würden rund 50000 Beschäftigte zu sehr viel schlechteren Konditionen in andere Tochtergesellschaften ausgegliedert – »ohne dass wir die Zustimmung der Mitarbeiter oder die von ver.di brauchen«. Die Gehaltseinbußen wären dann noch höher als die bisher angestrebten neun Prozent, und der Kündigungsschutz würde nicht 2011 enden, sondern spätestens 2009. Für den Fall, dass die Betroffenen Widerspruch einlegen, warnte Sattelberger: »Dann wird das Arbeitsverhältnis aufgelöst.«

Postwendend forderte Lothar Schröder, Sattelbergers Kontrahent bei ver.di, endlich »ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen«. Noch nie habe ein Dax-Unternehmen »derartig unverschämte Versuche gestartet, die Einkommens- und Beschäftigungsverhältnisse seiner Mitarbeiter zu verschlechtern, während gleichzeitig über drei Milliarden Euro an die Aktionäre ausgeschüttet werden«.

Über Pfingsten schienen die Töne zunächst versöhnlicher. Schröder stellte in Aussicht, »etwa fünf Prozent der Löhne« variabel zu gestalten. Zuvor hatte sich Telekom-Chef René Obermann für eine Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer ausgesprochen. Doch schon am Dienstag kritisierte ver.di-Streikleiter Ado Wilhelm das Angebot: »Das verlagert unternehmerische Risiken einseitig auf die Beschäftigten, ohne dass sie dafür mehr Mitsprache erhalten, um Managementfehler von vornherein zu verhindern.«

Auch Willi Löbardt hält nichts von dem Vorschlag. Seit 1976 arbeitet er für die Telekom. Er hat das Fernmeldehandwerk gelernt und den Leuten das Kabelfernsehen ins Haus gebracht. Irgendwann saß Löbardt dann in einem Callcenter, mal in Neustadt an der Weinstraße, dann wieder in Ludwigshafen, doch zurzeit sitzt er meistens in der Gaststätte des Postsportvereins Ludwigshafen. »Unser Streiklokal«, sagt er. Fünfzig Arbeitskollegen debattierten dort am vergangenen Dienstag das weitere Vorgehen. Ein Brief von ihrem Arbeitgeber hatte sie verunsichert. Die Telekom hatte ihren Mitarbeitern schriftlich mitgeteilt, was Sattelberger zuvor schon mündlich bekannt gegeben hatte. »Der Brief war ein Schlag ins Gesicht«, sagt Löbardt. Es habe ihn erschreckt, »wie kompromisslos die Telekom mit uns umgeht«.

Dennoch sei am Dienstagmittag keiner der Kollegen bereit gewesen, wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Die Kundenanrufe beantworten die Beamten, die nicht streiken dürfen. Andere Mitarbeiter soll die Telekom mit Prämien in Höhe von zunächst 100, dann 300 Euro zum Streikbruch ermuntert haben. Teamleiter, die ihre Truppe vom Ausstand abhielten, bekämen dafür einen Bonus von bis zu 3000 Euro, heißt es in Gewerkschaftskreisen.

Diejenigen, die derzeit nicht streiken, können nur einen Bruchteil der Kundenanfragen erledigen. Zwar tönte Telekom-Chef Obermann noch am Wochenende, die Auswirkungen des Arbeitskampfes hielten sich »in einem überschaubaren Rahmen«. Doch ver.di sieht das anders: Die Zahl der noch nicht bearbeiteten Störungsmeldungen habe sich in einigen Bereichen verzehnfacht, weil die Techniker kaum hinterherkämen, heißt es dort. Quer durch die Republik türmten sich Beschwerden und Kundenanfragen. Bislang hätten Neukunden nach drei bis vier Tagen einen DSL-Anschluss bekommen, jetzt habe sich die Wartezeit auf sechs Wochen verlängert, sagt Betriebsrat Thomas Sturm aus Düsseldorf. Auf die Entstörung ihrer Telefonanlage warteten Kunden mittlerweile zehn Tage, üblich sei eine Problembeseitigung binnen 24 Stunden.