Jürgen Krönig bewertet Tony Blair zu positiv.

Bei den meisten Beobachtern ist unbestritten, dass die Regierung Blair bedeutende wirtschafts-, finanz- und teilweise auch sozialpolitische Erfolge erreicht hat. Die meisten Briten haben heute ein höheres Einkommen, die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken.

Diese Erfolge verdanken die Briten aber in erster Linie Gordon Brown, der deswegen mit Recht Blairs Nachfolge antreten wird. Sozialpolitisch allerdings verheerend: der zunehmende Abstand zwischen Arm und Reich sowie die steigende Armut und Vernachlässigung von Kindern.

Höchst durchwachsen ist Blairs Bilanz nicht nur in der Gesundheits- und Bildungspolitik, sondern auch in der Verkehrspolitik. Die Einführung des Gedankens des »internen Markts« (Wettbewerbs) innerhalb des staatlichen Gesundheitssystems NHS und zwischen öffentlichen Schulen durch Gründung konkurrierender NHS Trusts und »City Academies« hat die Postleitzahlenlotterie (das heißt die ungleiche Behandlung je nach Wohnort) für Kranke und Schüler sogar noch verschärft. Die Privatisierung der Eisenbahn hat zu katastrophalen Unfällen mit zig Toten, Unpünktlichkeit und steigenden Preisen geführt, sodass die Privatisierung des Gleissystems wieder rückgängig gemacht werden musste.

Anderes Beispiel für eine verfehlte Privatisierungspolitik: In letzter Zeit in England auftretende Dürreperioden sind darauf zurückzuführen, dass von der Regierung Blair privatisierte Wasserunternehmen aus kurzfristiger Profitgier Lecks in Wasserleitungen nicht reparieren.

Blairs Regierung war geprägt von einer celebrity and spin-Kultur. Der Gipfel des unethischen spin war die Rechtfertigung der militärischen Intervention im Irak mit den nicht vorhandenen Massenvernichtungsmitteln.

Der Fairness halber sei ein großes, historisch zu nennendes Verdienst Blairs erwähnt: der erfolgreiche Abschluss des von ihm persönlich mit größtem Engagement und zeitlichem Aufwand betriebenen Friedensprozesses in Nordirland durch die Bildung der Regierung Paisley/McGuinness in Belfast.