Afghanistan Ich habe einen Traum
Der afghanische Präsident Hamid Karsai träumt vom Afghanistan seiner Kindheit. Und davon, dass in Zukunft jedes Kind in seinem Land genug zu essen haben wird und eine gute Schule besuchen kann
Wenn ich morgens aufwache, erinnere ich mich selten an meine Träume, eigentlich fast nie. Man könnte sagen, ich träume nicht, aber ich habe einen Traum. Mein Traum ist das Afghanistan meiner Kindheit. Als ich ein Junge war, gab es dieses friedliche Afghanistan. Wir Kinder konnten ohne Gefahr allein zur Schule gehen. Meine Mutter machte das Frühstück für uns, und dann zogen wir los. Ich habe diese besseren Tage gesehen, und ich will sie wieder sehen.
Wenn ich an die Region um Kabul zurückdenke, wie ich sie als Teenager kennenlernte, sehe ich endlose Weinberge. Ganz gleich, in welcher Richtung man Kabul verließ, nach ein paar Kilometern war da nur noch Wein. Es gab auch die schönsten Obstgärten, unvorstellbar schön. Ich liebe Kabul sehr.
Aber jede Provinz hat ihre eigene Schönheit. Parwan, nördlich von Kabul, ist die große Weingegend, zugleich gibt es dort auch schneebedeckte Berge. Nangahar hat die grünen Täler und die Flüsse. Kunar ist die Schweiz Afghanistans, und Masar-i-Scharif ist voller Geschichte. In Kandahar gibt es Granatäpfel, und dann ist da noch Pamir, das Dach der Welt.
Afghanistan ist ein Land mit einer großen Kultur, einer sehr alten Zivilisation, mit zauberhafter Literatur und Kunst. Und die Afghanen sind vielleicht die gastfreundlichsten Menschen der Welt. So gastfreundlich, dass Ausländer manchmal gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Viele Deutsche haben sich in das Land verliebt, trotz aller Widrigkeiten.
Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich vor allem zwei Dinge im Kopf. Ich wollte Parlamentarier werden oder Diplomat. Mein Vater war Parlamentarier, mein Onkel Diplomat. Auch Professor, für Politik oder Wirtschaft, wäre ich gern geworden. Das war ein sehr geachteter Beruf in Afghanistan.
Es kam anders. Im Grunde war mein Leben ein Kampf, seit ich mit 22 Jahren meinen Abschluss in Politischen Wissenschaften machte. Erst kämpfte ich gegen die Sowjets, dann gegen die Taliban, dann gegen al-Qaida, und jetzt kämpfe ich immer noch, gegen den Terrorismus, für den Frieden und für den Wohlstand des Landes.
Ich träume davon, dass in zehn Jahren jedes Haus in Afghanistan mit Elektrizität versorgt wird, dass jeder Afghane zum Arzt gehen kann. Ich träume davon, dass jedes Kind in unserem Land eine gute Schule besuchen kann, dass alle Kinder genug zu essen haben und dass sie zum Sport gehen können mit ihren Freunden, und die Jugendlichen gehen in Internetcafés wie in Europa.
- Datum 01.06.2007 - 04:04 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 31.05.2007 Nr. 23
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Der Traum von Präsident Hamid Karzai ist sehr schön zu lesen, aber er ist doch nicht viel anders als die meisten Afghanen seines Jahrganges von Afghanistan träumen. Afghanistan ist ohne Zweifel eins der schönsten Länder der Welt. Die Gastfreundschaft der Afghanen habe ich in keinem andern Land der Welt erlebt, die ich zwangsläufig wegen des Krieges in meinem eigenen Land Afghanistan, kennen lernen musste. Aber nun ist Herr Hamid Karzai nicht mehr ein gewöhnlicher Afghane, sondern er ist der Präsident dieses schönes Landes.
Und als solche hat er durchaus Möglichkeiten seinen Traum eine Wirklichkeit werden zu lassen. Er gibt zum Interview, dass er keinen Angst mehr von Tot habe, weil er immer unter Gefahren und dem Krieg gelebt habe. Dann erhebt sich doch die Frage, warum er sich heute von zweifelhaften Gestallten in seinem Kabinett umgeben lassen? Es sind Leute, die auch heute nicht aufgehört haben, das Volk zu plündern, morden und zu unterdrücken. Es sind Leute, die mit den Heroin-Mafia gemeinsamen Sachen machen und sie haben die Hausbesitzer in Shah-re-Nau (Stadtteil von Kabul) von den schönsten Häuser während des Krieges gegen den Taliban vertrieben und sich diesen Häuser unrechtmäßig bemächtigt haben. Anstatt diese Leute der Gerechtigkeit zu liefern, werden sie von Herrn Präsidenten zu Marschällen ernannt und genießen heute Immunität vor solchen Instanzen.
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