Afghanistan Ich habe einen TraumSeite 2/2
Um ehrlich zu sein, mir gefällt das Leben in Deutschland sehr gut. Es ist ein vorhersagbares Leben, und das mag ich. Wenn man an einem Flughafen ankommt und ein Taxi braucht, bekommt man definitiv ein Taxi. Wenn Sie einen Bus brauchen, bekommen Sie einen Bus. Es ist ein Land mit einer strengen Arbeitsethik, das ist extrem wichtig. Deutschland und Afghanistan sind sehr alte Freunde, und diese Freundschaft bedeutet uns Afghanen sehr viel. Wenn ich etwa 50 Jahre in die Zukunft sehe, dann wäre ich froh, wenn wir nur die Hälfte von dem hätten, was Deutschland hat. Ich wäre sogar schon froh über 30 Prozent.
Afghanistan hat eigentlich gute Voraussetzungen, es verbindet Südasien und Westasien mit Zentralasien. Es ist auch ein Land mit großen Ressourcen, das sich 30 Jahre lang selbst versorgt hat. Dieses Land kann die besten Früchte der Welt produzieren, die besten Rosinen, die besten Granatäpfel, die schönsten Rosen. Und die Afghanen können extrem hart arbeiten. Gib ihnen die Möglichkeit, und sie arbeiten wie die Pferde. Ich hoffe, dass Afghanistan bald auf eigenen Füßen stehen kann, dass es sein Gebiet selbst verteidigen kann. Ich hoffe, dass die Institutionen, die Polizei und die Armee funktionieren und die Menschen die Gesetze akzeptieren werden.
Ich träume davon, dass wir in zehn Jahren keine militärische Unterstützung mehr brauchen. Wir sind sehr dankbar dafür, auch wenn die Soldaten manchmal Fehler machen. Sie opfern ihr Leben für uns. Wir machen Fehler, die Soldaten machen Fehler. Leben heißt irren und weitermachen. In harten Zeiten überlege ich nicht viel, ich gehe durch sie hindurch. Ich versuche, Lösungen zu sehen, nicht Probleme. Dennoch fühle ich mich manchmal sehr allein. Aber mein Volk ist bei mir, es will eine bessere Zukunft, das ist die beste Stütze.
Als ich für die Freiheit Afghanistans in den Krieg zog, dachte ich nie, dass ich eines Tages Präsident sein würde. Ich kämpfte damals in den Bergen gegen die Taliban, die meinen Vater umgebracht hatten – und ich glaubte nicht, dass ich überhaupt überleben würde. Ich dachte, ich würde ebenfalls von den Taliban getötet werden, vom Hunger oder vom Durst.
Ich habe überlebt. Und seitdem habe ich keine Angst mehr um mich. Ich denke, ich habe sie überwunden, weil ich so oft schon in Lebensgefahr war. Aber all die Sicherheitsmaßnahmen, all die Sicherheitsleute stören mich. Für afghanische Begriffe bin ich mit meinen 49 Jahren ja schon alt. Wenn ich in zweieinhalb Jahren meine Arbeit als Präsident getan habe, möchte ich Bücher schreiben und lesen, ich möchte spazieren gehen und meine Freunde treffen. Und ab und zu werde ich mich ins Auto setzen und einfach losfahren. Irgendwohin, in irgendeine der vielen schönen Provinzen. Irgendwo, an einem der traditionellen Teehäuser werde ich anhalten. Ich werde Tee mit den Menschen trinken und einfach leben.
Aufgezeichnet von
Christine Meffert
Afghanistans Präsident Hamid Karsai wurde 1957 bei Kandahar geboren und ist seit 2001 im Amt. Für seine besonderen Verdienste um Toleranz erhielt er in Dortmund den Steiger-Award.
- Datum 01.06.2007 - 04:04 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 31.05.2007 Nr. 23
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Der Traum von Präsident Hamid Karzai ist sehr schön zu lesen, aber er ist doch nicht viel anders als die meisten Afghanen seines Jahrganges von Afghanistan träumen. Afghanistan ist ohne Zweifel eins der schönsten Länder der Welt. Die Gastfreundschaft der Afghanen habe ich in keinem andern Land der Welt erlebt, die ich zwangsläufig wegen des Krieges in meinem eigenen Land Afghanistan, kennen lernen musste. Aber nun ist Herr Hamid Karzai nicht mehr ein gewöhnlicher Afghane, sondern er ist der Präsident dieses schönes Landes.
Und als solche hat er durchaus Möglichkeiten seinen Traum eine Wirklichkeit werden zu lassen. Er gibt zum Interview, dass er keinen Angst mehr von Tot habe, weil er immer unter Gefahren und dem Krieg gelebt habe. Dann erhebt sich doch die Frage, warum er sich heute von zweifelhaften Gestallten in seinem Kabinett umgeben lassen? Es sind Leute, die auch heute nicht aufgehört haben, das Volk zu plündern, morden und zu unterdrücken. Es sind Leute, die mit den Heroin-Mafia gemeinsamen Sachen machen und sie haben die Hausbesitzer in Shah-re-Nau (Stadtteil von Kabul) von den schönsten Häuser während des Krieges gegen den Taliban vertrieben und sich diesen Häuser unrechtmäßig bemächtigt haben. Anstatt diese Leute der Gerechtigkeit zu liefern, werden sie von Herrn Präsidenten zu Marschällen ernannt und genießen heute Immunität vor solchen Instanzen.
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