Es gibt Bücher, die machen den Kopf leicht und öffnen das Herz, in umgekehrter Reihenfolge. Die umgekehrte Reihenfolge ist eines der Mittel, mit denen Ilija Trojanow kopferleichternd und herzerweiternd vorgeht. Es ist schon ziemlich lange her, dass er, damals mit gerade mal dreißig noch ein junger Spund, in seiner eigentümlichen Mischung aus Selbstbewusstsein, ironischem Hintersinn und pädagogischer Naseweisheit proklamierte: Die Welt ist groß und Rettung lauert überall. Das war das Lebens- und Schreibprogramm eines jungen Mannes mit »Migrationshintergrund«, den das politische Chaos unserer Welt aus Bulgarien nach Italien, von dort nach Deutschland und Kenia geworfen hatte weshalb er damals bereits Bulgarisch, Italienisch (»meine erste Fremdsprache, im Flüchtlingslager gelernt«), Deutsch, Englisch, Französisch und Kisuaheli reden konnte. Afrika stand am Anfang seines Schriftstellerlebens: Trojanows erste Bücher handelten vom Kontinent seiner Kindheit. In seinem Roman Der Weltensammler (ZEIT Nr. 12/06) steht Afrika am Ende der Erzählung vom Leben eines anderen. Sieben Jahre lang hat Ilija Trojanow seinem Lebenshelden Richard Francis Burton nachgespürt, der ihn bereits in der Schule in Kenia faszinierte. Seit der Roman über ihn vor einem Jahr erschienen ist, reist er von Lesung zu Lesung und kann dem faszinierten Publikum nach wie vor die Frage nicht beantworten, wer dieser Richard F. Burton war.

Auch Trojanows neuestes Buch, das die Frage aufnimmt, trägt hierzu das eine oder andere Faszinierende nach, kann und will keine runde Antwort geben. Stattdessen erzählt der Autor einen Traum. Trojanow und sein Reisegefährte sind an die 2000 Kilometer zu Fuß der großen Ostafrikaexpedition Burtons und Spekes gefolgt, sind halb verdurstet, beinahe ersoffen in Uvinza, kurz vor ihrem Ziel, dem Tanganjikasee, völlig erschöpft angekommen. Da träumt ihm, Burton renne über die Steppe auf ihn zu, nackt, am ganzen Körper eingeölt. Er soll den Läufer, wie seinerzeit beim Rugbytraining in der Schule, tackeln: »Als ich ihn umklammere, gleite ich an seinem eingeölten Körper ab, ich versuche instinktiv, nach seinem Haar zu greifen, aber er hat kein Haar, ich versuche ihm zu folgen, aber er ist zu schnell, viel zu schnell. Halt an, Richard, beruhige dich, du bist bei Verstand, du musst dir keine Sorgen machen (). Hör mir mal zu. Aber er ist schon entschwunden.« Ein Traum, der simpel wirkt, hätte er nicht diese Trojanowschen Haken. Warum hält er, beinahe am Ende seiner Suche, Burton für verrückt? Was würde er ihm sagen, würde Burton zuhören?

Was ist Wissen, wie erreicht man Wissen, woraus besteht Wissen?

Fragen, die dieses seltsame, wunderschöne Buch stellt, das wir in Händen halten. Es ist ein Zauberbuch der Druckkunst und wenn ich wüsste, wie höchstes Lob für einen Setzer und einen Buchgestalter korrekt formuliert werden kann, würde ich es Wilfried Schmidberger und Franz Greno übermitteln. Dem Leineneinband ist ein goldenes Stoffmuster eingeprägt, es ist aus der deutschen Tuchindustrie des 19.

Jahrhunderts und sieht doch aus wie orientalische Ornamentik. Der Text ist in Gold (Kapitelüberschriften, Monogramm Burtons in arabischer Kalligrafie), Grün (Textpassagen Burtons und anderer) und Schwarz (Trojanow) gesetzt, Abbildungen Burtons, historische Fotografien und Zeichnungen von der Hand Burtons sind dunkelgrün-weiß reproduziert.

Das Buch sagt: Wissen ist vielgestaltig, flüchtig, schön, unendlich, ornamental. Das sagen auch die Vignetten in Devanagari, arabischer und amharischer Schrift, das sagen die Kaskaden von Namen aus dem Sindh, die Trojanow in alphabetischer Ordnung einstreut Beschwörungen von Wissen, Enigmata für Fremdheit und Vielfalt, unübersetzt. Aus Burtons Werken Zehntausende Seiten über indische, arabische, afrikanische, mormonische Sitten, Geografien, Grammatiken, der Mann sprach 29 Sprachen hat Trojanow winzige sprechende Ausschnitte gewählt, Fitzelchen, die verständlich machen, was an diesem Aufschneider, Neger- und Kamelverachter, Spion, Fechtkünstler, Sexualforscher, Anthropologen (Menschenkundler im ursprünglichsten Sinn) faszinieren kann. Seine Widersprüchlichkeit: Im selben Atemzug kann er sich über die Primitivität der »Wilden« aufregen und ihre Lebensqualität über die englischer Bauern stellen. Seine Aufschneiderei: »Ich bin schon drei Tage an diesem Ort und wirklich enttäuscht. Kein Mann getötet, kein Kerl gefoltert.«

Wissen das sind unabgeschlossene Geschichten wie jene, in der Trojanow im Himalaya für 10000 US-Dollar eine Erstausgabe von Burtons Übersetzung der Erzählungen aus 1001 Nacht erwirbt, auf einen Katalog vernichteter Manuskripte stößt und sich auf die Suche nach Notizbüchern Burtons macht, die dem Feuer seiner Witwe Isabel entgangen sein könnten. Die Suche führt nach Goa und Bombay, von Afrika über Las Vegas nach Triest, wo Burton die letzten zwanzig Jahre seines Lebens als Botschafter Queen Victorias verbrachte. Als er 1890 nach 69 Lebensjahren starb, arbeitete er an rund 30 Büchern. Den Titel seines Romans Der Weltensammler hat Trojanow auch kritisch verstanden: gegen imperialistische Sammelwut. Sein Buch über den Nomaden Burton, noch vor dem Roman konzipiert und jetzt fertig, zeigt ihn als Sammler von Welt, der es versteht, gut zu erleben, gut zu erfinden und gut zu erzählen.