Als Nicolas Chamfort am 13. Mai 1794 an den Spätfolgen eines blutigen, mit Pistole und Rasierklinge unternommenen Selbstmordversuchs starb, hinterließ er vor allem einige Kartons. Sie waren gefüllt mit Zetteln, auf denen kurze Sätze standen, manchmal ganze Abschnitte. Die ungeordneten Papiere sollten einen der schillerndsten Denker des 18.

Jahrhunderts bald berühmt machen. Nietzsche, Cioran und Beckett priesen ihn. Doch zum Zeitpunkt seines Todes war das keineswegs absehbar. Chamfort hatte auch seinem engsten Freund und Schüler Guinguené nicht erzählt, welches Schicksal er für die Zettel vorsah.

Er hatte Sorgen, er befürchtete, eingesperrt und getötet zu werden, weil er dem Terrorregime der gerade wichtigen Revolutionäre nicht mehr genehm war. Als Guinguené den Nachlass kurz nach Chamforts Tod sichten konnte, waren schon ganze Kartons verschwunden. Vieles ist bis heute nicht wiederaufgetaucht.

Claude Arnaud, dessen zwanzig Jahre alte, beinahe schon klassische Chamfort-Biografie jetzt erstmals auf Deutsch erscheint, hat einige weit herum unbekannte Sentenzen entdeckt und im Anhang veröffentlicht.

Sehr schön etwa folgende aus einem englischsprachigen Brief des berühmten Chamfort-Freunds Mirabeau. Sie zeigt den oft als Sarkasten verschrienen Mann aus Clermont-Ferrand eher als genauen Beobachter ohne Scheu vor Gefühlen: »Niemand wünscht, allein auf der Welt zu sein, nicht einmal der Geizige, selbst wenn er alles besäße nicht einmal der Missgünstige, selbst wenn er nur noch Ruinen sähe.«

Glück und Elend des Einzelmenschentums hat Chamfort öfter gekostet.

Durch seine sagenumwobene Geburt (am 6. April oder am 22. Juni 1740, wahrscheinlich als uneheliches Kind des Domherrn Nicolas und der adeligen Françoise von Montrodeix) sowie das Aufwachsen bei der liebevoll-ehrgeizigen Krämersfrau Thérèse Croiset stand er zwischen sehr verschiedenen Stühlen. Doch der Mann wollte nach oben, und es schien zu gelingen: Chamfort besuchte das berühmte Pariser Collège des Grassins, verließ es als Jahrgangsbester, und sein erstes Stück, La jeune Indienne, ein schwacher Text in der Exotikmode der Zeit, gefiel Voltaire.