In der »Chronik der Proteste« rangiert die Niederschlagung des »Prager Frühlings« unter »April 1968«. Tatsächlich rückten sowjetische Panzer erst am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei ein. Über diese Vorgänge, die zeitnah mit dem Beginn der Studentenbewegungen im Westen abliefen, herrschen offenbar bis heute Unklarheiten.

Der »August 68« war das Ende des »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« in der Tschechoslowakei. Die Enttäuschung war damals groß.

Aus Protest gegen den August-Einmarsch der sozialistischen »Bruderarmeen« verbrannte sich der Student Jan Palach am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz. Damit wurde er im Osten gleichsam zu einem Kommilitonen des ebenso tragisch getöteten Benno Ohnesorg.

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Die Vorgeschichte von 68 begann schon etliche Jahre früher, wie auch Volker Ullrich richtig anmerkt. Der Protest vieler Jugendlicher begann Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, initiiert zum Beispiel durch die Popkultur, auch Literatur, Kabarett. Man erinnere sich nur an die sogenannten Schwabinger Krawalle in München. Die »Spiegel-Krise« 1962 zeigte schon Nachkriegsdeutsche mit »aufrechtem Gang«. Und auf dem Campus der Uni Hamburg, wie auch anderswo, folgte in den Jahren danach eine politische Diskussion nach der anderen (genannt »Podiumsdiskussionen« oder auch moderner »Teach ins«). Übrigens, viele damalige ZEIT-Redakteure waren seinerzeit auf dem Podium oft moderierend mit dabei.

Ernst Bloch hielt später im zum Bersten gefüllten Audimax der Uni Hamburg ein Referat, und alle lauschten aufmerksam dem alten Mann voller Respekt. Daran musste ich denken, als ich in den 90er Jahren als »Opa-Student« dasselbe Audimax betrat, das erdrückend voll besetzt mit jungen Leuten war, wie damals. Auf dem Podium stand kein Philosoph, sondern ein jugendlicher Fernsehmoderator, der jeden Abend aus der New Yorker Börse die Aktienkurse verkündete. Hier auf dem Campus pries er das uns alle befreiende Finanzkapital und die für jeden vernunftbegabten Bürger als Luftblase erkennbaren Segnungen der New Economy in den schrillsten Tönen. Aus dem Publikum kein Widerspruch, kein Aufmucken, schon gar kein Protest, nur andächtiges Nicken, dann brausender Jubel.

Da wusste ich: Wir, die 68er und deren kritische Sympathisanten, hatten verloren, entgegen allen Horrorbildern, die Konservative und Neoliberale und deren Presseorgane noch bis heute uns vorgaukeln.