Kolumne Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt
Jede Woche bezieht der Altbundeskanzler und ZEIT-Herausgeber im ZEITmagagzin LEBEN Stellung zu einem aktuellen politischen Thema. Teil 2: Müssen wir Russland fürchten?
Lieber Herr Schmidt, müssen die Deutschen wieder Angst haben vor den Russen?
Die Antwort ist: Nein. Russland ist eine große Macht, aber seit der Implosion der Sowjetunion haben die Russen ihre Grenzen niemals überschritten. Das hatten sie früher am laufenden Band getan.
Sie bewundern Russland!
Die Russen sind und bleiben ein großes Volk, eine große Nation mit einigen Parallelen zu den europäischen Nationen. Eine liegt auf dem Feld der Musik und der Literatur, ob Sie Tschaikowsky nehmen oder Prokofjew. Oder nehmen Sie Dostojewskij oder Tolstoj, Turgenjew oder Solschenizyn. Die sind Teil der europäischen Kultur. Eine andere Parallele ist der Kolonialismus. England, Frankreich, Spanien, Portugal und Deutschland haben Kolonialreiche errichtet in Asien, in Südamerika, in Afrika. Die Russen haben zur gleichen Zeit ein Kolonialreich in Sibirien errichtet. Gleichwohl, in einem wichtigen Punkt gibt es keine Parallele: In Europa hat sich weitgehend die Aufklärung durchgesetzt – zum Beispiel Menschenrechte und Demokratie. Russland aber hat sich verschlossen gegenüber der Aufklärung, und diejenigen Intellektuellen, die sich dafür empfänglich zeigten, mussten das Land verlassen oder wurden gerade noch geduldet. Diese Tradition setzt sich fort bis heute.
Verklären Sie Russland nicht? Es gibt so viele Gründe, das Land noch zu fürchten: die Steuerung der ethnischen Konflikte im Baltikum, die Schikane bei der Erdgaszulieferung, die Kujonierung von Oppositionellen bis hin zur Ausschaltung jeder freien Presse.
Die Behinderung der freien Presse ist kein Grund zur Begeisterung, aber wir müssen Russland deswegen nicht fürchten, auch nicht wegen der anderen unerfreulichen Punkte, die Sie nennen. Ich denke nicht daran, Russland zu verklären, doch wir brauchen normale Beziehungen zu diesem wichtigen Nachbarn.
Aber das Verhältnis zu Europa war unter Gorbatschow, dem Vielgeliebten, und auch unter dem trinkenden Jelzin besser als unter Putin.
Anders als ihre sowjetischen Vorgänger haben weder Gorbatschow noch Jelzin, noch Putin mit ihren Soldaten die russischen Grenzen überschritten. Gorbatschow wurde in Europa geliebt, nicht in Russland. Ein Regierender, der zu Hause keine Basis hat, kann nichts bewirken. Jelzin hat eine vorsichtige Außenpolitik betrieben, während im Inneren seines Landes Tohuwabohu herrschte. Jetzt erleben wir wieder eine straffe Regierung in Moskau. Putin ist nicht so diktatorisch wie die letzten Zaren und jedenfalls sehr viel weniger diktatorisch als Lenin und später Stalin oder dann Chruschtschow.
Gilt denn für Sie immer: Stabilität in einem Land und in den Beziehungen zu den Nachbarn ist besser als die Einhaltung der Menschenrechte?
Die Einhaltung der Menschenrechte ist überall wünschenswert. Es ist genauso wünschenswert, dass auswärtige Mächte sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines Staates einmischen.
Das kann vielleicht der Politiker Schmidt sagen, dem ZEIT-Herausgeber müsste schon allein das Schicksal unserer Kollegen von der »Nowaja Gaseta« am Herzen liegen, für die auch die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja schrieb.
Ich muss das auch als ZEIT- Herausgeber allen Ernstes sagen. Dass Journalisten oder politische Gegner behelligt werden, ist keine russische Spezialität. Denken Sie an Watergate – dergleichen finden Sie in Afrika, in Lateinamerika, auch in Europa.
Das macht es nicht erträglicher.
Seit tausend Jahren wird Russland autoritär und diktatorisch regiert. Die politische Kultur Russlands besteht aus Diktatur.
Und das wird auch so bleiben?
Das ist wirklich zu befürchten.
Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo
- Datum 02.06.2007 - 03:42 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 31.05.2007 Nr. 23
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Jeder Mensch hat eine linke und eine rechte Gehirnhälfte, die beide lebendig sein und ihre Aufgabe erfüllen sollten.
Im Westen hat sich, wie Helmut Schmidt ja auch erwähnt, die Aufklärung durchgesetzt, und damit die rationalere linke Gehirnhälfte (welche die "Rechten" steuert, z.B. den rechten Arm, den rechten Fuß etc.). In Asien dominiert die ganzheitlichere und sozialere rechte Gehirnhälfte. Sie steuert unsere linken Gliedmaßen.
Russland wurde immer hin- und hergerissen zwischen östlicher Ganzheit (zuungunsten des Individuums) und westlicher Ratio (zugunsten des Individuums). Wer die "Brüder Karamasow" von Dostojewski gelesen hat, der weiß, dass die Russen mit Ihren Meistern und Starzen auch immer von der Möglichkeit einer Synthese gewusst haben, dort verkörpert durch einen der vier Brüdern, Aljoscha.
Ich denke, Russland wird durch seine Lage zwischen Asien und Europa eine große und wichtige Rolle spielen. Als ich ca. 1969, kurz vor dem Abitur, meinen Geschichtslehrer fragte, ob die dialektische Geschichtsauffassung der Marxisten nicht auch eine Synthese der Antithesen Kommunismus und Kapitalismus erwarten ließe, schwieg er verdutzt. Er wusste nicht dass viel später Heiner Geißler dafür zuständig sein würde. Oder ist es nicht doch Wladimir Putin? Der hat etwas, was man dazu braucht - Macht.
Ich finde Schmidts Äußerungen mehr als problematisch (Allerdings war sein Beitrag im letzten Magazin schon grenzwertig, sagen wir: Rentner-gemäß). Er sagt, Russland müsse man nicht fürchten, da kein Herrscher seit dem Zusammenbruch der SU die Grenzen Russlands überschritten habe.
Schmidt scheint meiner Meinung nach ein wenig die Zeichen der Zeit nicht mitbekommen zu haben (allerdings auch die Fakten der Realität; siehe Tschetschenien, das ja nicht wirklich innerhalb der Grenzen Russlands mehr liegt). Zu Zeiten der wirtschaftlichen Globalisierung, die ja ganz andere Formen von "Grenzüberschreitung" impliziert, kann man irgendwie nicht mit dem Maßstab des 19. Jahrhunderts Staaten und die Gefahren, die von ihren ausgehen, bemessen. Soll man jetzt froh sein, dass Herr Schmidt nicht mehr mitmischt? Um die Kanzler-Reihe aufzumachen: Angesichts von Herrn Schröders Engagement muss ich gestehen, finde ich Frau Merkel gerade echt zeitgemäß. Und was macht eigentlich Helmut Kohl...?!
Rußland muß Demokratie noch lernen. Deshalb sollten wir, das gilt vor allen für die zahlreichen ´Kalten Krieger' aus der deutschen Union, nicht ständig auf die Russen bzw. die russische Regierung 'einprügeln'. Mir ist Putin 'lieber', als der ständig völkerrechtverletzende Bush. Warum legen z.B. BILD, FAZ, SZ, Welt, Spiegel, Focus, WamS, BamS, etc. nicht ihre langen und dicken Finger in die Wunden der USA? Und: Europa kann nur in Frieden leben, wenn es keine Feindschaft zu Rußland gibt. Frieden in Rußland und Freundschaft zu Europa, das ist das, was der Industrie-Militärische-Komplex der USA nicht will. Da stört auch die schrödersche Gas-Pipline, auf die wir zwingend angewiesen sind.
Zitat (via http://grendelsen.net/tao...):
Gestern habe ich irgendwo einen kleinen Bericht über die Schwulendemos in Russland gesehen.
Da sagte ein Mann sinngemäss:
Wir sind ein demokratischer Staat. Demokratie bedeutet, dass der Wille der Mehrheit zählt und die Mehrheit hier ist gegen Schwule.
--
http://www.netzkultur.org...
Finde hier einige Leserkommentare bezüglich der Aussagen von Herrn Schmidt über das heutige Russland sehr unüberlegt. Grundsätzlich besteht die Kernaussage, dass wir uns in Zukunft mit Russland arrangieren müssen, gleich wie die demokratischen Verhältnisse sich dort entwicklen werden. Über Demokratie lässt sich wohl überall diskutieren. Das ist es ja.
Denke, dass Herr Schmidt, trotz seines Alters, eine wunderbare Sicht der Dinge auf unsere Welt und Zeit plaziert und es mit hanseatischen Humor praktiziert. Persönlich ziehe ich den Hut davor. Und wir Jungen-dazu gehöre auch ich-, sollten die Erfahrungen und auch Botschaften zur Kenntnis nehmen und nicht nur herumkritisieren. Sicher auch kritisch bleiben, aber nicht nur auf Besserwissermanier. Erstens schickt sich dieses nicht und zweitens, schenke ich eher einem Mann glauben in puncto Russlandpolitik, der die Zeiten des kalten Krieges und andere Herausforderungen (Mogadischu etc.) mit höflicher Kaltschnauzigkeit gemeistert hat. Des weiteren kannte Herr Schmidt viele Persönlichkeiten (z. B. Herrn Breshnew), wo mir schon beim Biografielesen ein kalter Schauer über den Rücken läuft noch persönlich. Daher ist Kritik wohl mit Blick auf sein hohes Alter angespielt, hier völlig fehl am Platze, undemokratisch und emporenhaft.
Von einer Diktatur ist Russland weit entfernt, autoritäre Züge sind allerdings nicht zu leugnen. Russland hat eine stabile Mittelschicht von ca. 30%. Die russische Wirtschaft wächst seit 1999 mit durchschnittlich 6-7%. Und wenn Sei meinen Russland müsse nur seine Rohstoffe verkaufen, sollten Sie bedenken, dass die wenigsten Länder damit Wohlstand generiert haben (von Saudi Arabien und wenigen anderen abgesehen).
Aktuelle Armutgrenze liegt etwa bei 15%, 90-e Jahre 60-70%
In Deutschland 10%
Realeinkommen steigen um 12% pro Jahr, jedes Jahr.
Sieht eigentlich nicht so schleicht aus. Fahren Sie mal nach Russland.
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