Salzburg

Er hat schon wieder etwas gefunden. Stefan Weber steht in seiner Dreizimmerwohnung in der Nähe des Salzburger Hauptbahnhofs und hält triumphierend ein Buch von Lewis Mumford in Händen: Die Stadt. Geschichte und Ausblick . Ganze Absätze, die dem Standardwerk entlehnt sind, hat er in jener Doktorarbeit aufgestöbert, der derzeit seine ganze Aufmerksamkeit gilt. Schreibt Mumford etwa über die Bedeutung der Stadt im antiken Griechenland, so findet sich diese Passage im exakten Wortlaut in dem Text des Dissertanten wieder – allerdings ohne sie korrekt als Zitat auszuweisen.

Seit gut zwei Wochen nun hat sich der selbst ernannte Plagiatsjäger festgebissen. Akribisch durchforstet er die Arbeit, mit welcher der heutige ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn vor 22 Jahren zum Doktor der Philosophie promovierte. Zunächst beschuldigte er Hahn, seitenweise von Leopold Kohr, einem Vordenker der Ökobewegung, »abgeschrieben« zu haben. Nun also auch bei dem amerikanischen Urbanisten Mumford. Am hellen Fliesenboden in Webers schlichtem Wohnzimmer stapeln sich noch sechs weitere Werke: drei von Alexander Mitscherlich und drei von Dieter Eisfeld – alles Bücher, auf die Hahn in seiner Arbeit Bezug nimmt.

Die wird Weber in den kommenden Wochen noch durchackern, er wird stundenlang auf seinem Balkon sitzen und hoffnungsfroh die Zitate in der Dissertation des Ministers mit den angeführten Büchern vergleichen. Unbezahlt und auf eigene Initiative – wie er es schon so oft gemacht hat. Getrieben von seiner Mission, gegen »den Verfall der Textkultur« anzukämpfen, wie er sagt. Getrieben von Rachegelüsten, wie ihm seine Kritiker vorwerfen. Denn erst, nachdem das Wissenschaftsministerium es ablehnte, seinen Forschungsantrag über »akademische Integrität« an den Hochschulen zu fördern, vernaderte er das Opus des Ressortchefs. »Okay, man kann sagen, es war Rache«, räumt der Verschmähte ein. »Minuspunkt für mich.« In der Sache fühlt er sich allerdings weiterhin im Recht: »Die Arbeit ist eben eine dünne Suppe.«

»Plagiat« will Weber dem Politiker allerdings nicht vorwerfen – eine rare Milde des Wortklaubers. Lieber spricht er vom »Nichteinhalten grundlegender wissenschaftlicher Arbeitstechniken«. Wogegen sich der Minister auf eine vor Jahrzehnten angeblich gängige Praxis beruft. Weber, so Hahn, habe ihn eben »anpatzen« wollen.

Denn der Jäger entwendeter Zitate will bei weitem nicht bloß gegen plumpe Plagiate kämpfen, bei denen wissentlich ganze Arbeiten gefälscht werden. Der Medienwissenschaftler führt vielmehr einen geradezu manischen Feldzug gegen die »Verluderung der Sitten in der Wissenschaft«, die er überall in Lehre und Forschung erblickt.

Seit mehr als einem Jahr meldet sich der eloquente Salzburger regelmäßig zu Wort, um von ihm entdeckte Missetaten öffentlich anzuprangern. Er hat sich damit an den Universitäten viele Feinde gemacht. Zwar lobt man allerorts den »hochintelligenten Kollegen«, doch hinter vorgehaltener Hand wird gelästert: »selbst ernannter Rächer«, »mediengeiler Django« oder gar »ein Fall für die Psychotherapie und nicht für die Berichterstattung«. Offen sagt das niemand, denn der »Denunziant« könnte ja auf die Idee kommen, ein wenig in den Abschlussarbeiten des jeweiligen Doktorvaters zu schnüffeln.

Nächtelang brummt die Suchmaschine auf der Jagd nach Plagiaten

Zum Gespräch mit Journalisten lädt der selbstwusste Privatdetektiv stets in die noble Lounge des Salzburger Sheraton-Hotels. Er isst Torte, trinkt Tee und erzählt von den Plagiatsfällen, die er in den vergangenen Jahren aufgedeckt hat. »Ich habe mit der Zeit eine Spürnase entwickelt«, sagt er. Wenige Minuten Lektüre in einem wissenschaftlichen Text würden ihm schon genügen, um Lunte zu riechen. Wittert er Verdacht, setzt er sich in sein mit Büchern vollgestopftes, acht Quadratmeter großes Arbeitszimmer und beginnt, einzelne Sätze am Computer in die Suchmaschine Google einzugeben. Ganze Arbeiten hat er so »durchgoogelt« – nächtelang.