Ein Ungetüm. Für die letzten Kilometer zu diesem Krankenhaus im Münchner Süden braucht niemand eine Straßenkarte. Weithin sichtbar, erhebt sich das Klinikum Großhadern über alle Dächer hinweg. Wer das Gebäude betritt, wähnt sich in einer Bahnhofshalle, doch dann die ersten Passanten in Bademänteln, an Krücken, mit Schläuchen im Körper. 1345 Betten, 4500 Mitarbeiter – einer davon ist Bruno Reichart. Eine Rolltreppe hinauf, dann geradeaus, irgendwann links einen langen Flur entlang, Wartezimmer mit Milchglasscheiben. Eine Sekretärin bewacht sein Vorzimmer, der Chef selbst steckt noch in einem Kollegengespräch. Dann ein weißer Kittel, Reichart biegt um die Ecke. Kerzengerade sein Gang, eine Haarsträhne ist ihm auf die Stirn gerutscht. Er sieht müde aus, seit ziemlich genau zwölf Stunden ist er nun im Dienst. Er bittet in sein Büro. Ein Schreibtisch, zwei Zweiersofas aus dunkelblauem Leder, abstrakte Kunst an der Wand, Elvira Bach, auf dem Tisch ist eine rote Herzvase der Hingucker. Die Tür zu einem Nebenraum, in dem ein Fahrradergometer etwas verlassen herumsteht, ist halb geöffnet. Reichart nimmt einen Schluck Kaffee, er redet bedächtig, er wirkt ernst und konzentriert. Hoch aufgerichtet, sitzt er in seinem Sessel, seine Stimme verrät den Bayern.

ZEIT: Herr Professor Reichart, wann sind Sie heute aufgestanden?

Reichart: Um halb sechs, wie jeden Morgen. Ich gucke ein bisschen Frühstücksfernsehen. Dann lege ich mich in die Badewanne und höre das Nachrichtenprogramm im Bayerischen Rundfunk. Als Chirurg muss man immer ein wenig aufpassen, dass man nicht verblödet. Kurz vor sieben bin ich in der Klinik, trinke einen Kaffee. Dann gehe ich auf Visite. Schau mir die frisch Operierten an. Und rede mit den Patienten, die auf eine Operation warten. Ein Bootsbauer vom Starnberger See ist auch darunter.

Der Kardiologe sagte mir, ich sollte auch bei ihm vorbeischauen, es könnte ihn beruhigen, wenn ein Nachbar ihn besucht, ich wohne auch nahe am See. Wie sich zeigte, kennt er mich. Er hat mich tatsächlich gekannt! Daneben gibt es wirkliche Problemfälle. Wir haben zum Beispiel einen Patienten, der auf ein neues Herz wartet, der jetzt ein Herzunterstützungssystem braucht. Das machen wir morgen früh.

ZEIT: Herzunterstützungssystem – was heißt das?

Reichart: Das Herz dieses Mannes hält nicht mehr durch bis zur Transplantation. Wir schalten ihm deshalb sozusagen ein künstliches Herz parallel, das hängt zum Beispiel an Schläuchen außerhalb des Körpers und unterstützt das richtige Herz.

ZEIT: Ihr jüngster Patient?

Reichart: Ein einjähriges Kind, das mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen ist, es hat praktisch nur ein halbes Herz. Dem Buben geht es wirklich nicht gut, er ist immer ganz blau. Wir wollen nun transplantieren, das wird sicher schwierig werden. Aber wir werden es schaffen.

ZEIT: Ist Ihre herzchirurgische Klinik ausgelastet?

Reichart: Das kann man wohl sagen. Wir haben zurzeit viele Schwerkranke. In den letzten 14 Tagen hatten wir vier Herzunterstützungssysteme permanent laufen. Bei einem Patienten haben nach einer schweren Bypass-Operation plötzlich die Bypässe versagt. Dann mussten wir bei einem anderen Patienten eine Lunge transplantieren, das dauert acht, neun Stunden. Dann hatte ich eine äußerst schwierige Operation an einem total vereiterten Herzen und so weiter. Einer nach dem anderen, alles schwierigste Fälle…

ZEIT: Sie leiten ein Team von fast dreißig Ärzten, wie oft werden Sie von den Mitarbeitern nachts zu Hause angerufen?

Reichart: Im Schnitt zwei-, dreimal die Woche. Meist geht es darum, mit den Kollegen im Krankenhaus das Problem eines Patienten zu diskutieren. Gelegentlich bedeutet ein solcher Anruf aber auch, dass ich zum Operieren ins Krankenhaus muss. Ich habe ein Handy, das ist nur für Anrufe aus der Klinik. Wenn es läutet, weiß ich, wer dran ist. Wenn es mitten in der Nacht ist, dann möchte ich nur, dass der Arzt nicht sofort auf mich einredet, sondern irgendwas wie »Guten Morgen« sagt, dass er mir etwas Zeit gibt, um wach zu werden. Wenigstens ein paar Sekunden. Wenn man viele Stunden, einen ganzen Tag durchoperiert, wird man schon mal ein bisschen müde.

ZEIT: Ihr Rezept?

Reichart: Das habe ich mir von den Piloten abgeguckt. Die schlafen zwischendrin einfach mal eine halbe Stunde. So mache ich das auch. Eine halbe, manchmal nur eine Viertelstunde lege ich mich auf die Couch. Danach bin ich fit. Dann operiere ich wieder. Dann schlaf ich wieder ein paar Minuten. So geht es.

ZEIT: Medizineralltag. Was empfinden Sie, wenn die Politiker in Berlin über diesen Alltag diskutieren?

Reichart: Mein besonderer Freund ist dieser Herr Lauterbach, der Typ mit der Fliege. Der redet immer nur vom Ökonomischen, von Wertschöpfung, von Wertverlust.

Professor Karl Lauterbach, SPD-Bundestagsabgeordneter und gesundheitspolitischer Berater der Bundesregierung, ist selber Mediziner. Er wirft der deutschen Ärzteschaft beharrlich vor, dass sie Leistungen anbiete, die in diesem Umfang nicht von Nöten seien. Nach seiner Einschätzung seien viele Operationen unnötig, er plädiert für eine Standardisierung und die Einführung von Qualitätsleitlinien. Dagegen wehren sich vor allem die deutschen Fachärzte, die dies als Eingriff in ihre Autonomie empfinden.

Reichart: Lauterbach meint, dass der ganze Medizinbetrieb zu teuer sei. Und er ist offenbar auch der Ansicht, dass eine Universitätsklinik genauso arbeiten kann wie ein Kreiskrankenhaus. Ich will überhaupt nichts gegen ein Kreiskrankenhaus sagen, aber ein großer Unterschied ist beispielsweise: Wir bilden die Leute aus, Pfleger, Schwestern, Physiotherapeuten, Chirurgen et cetera, und wenn sie richtig gut sind, machen sie sich selbstständig oder gehen in Kreiskrankenhäuser. Und wir können wieder von vorne anfangen. Weiterbildung kostet einfach viel Geld. Ein anderer Unterschied: Wir haben die Schwerstkranken, die großen Intensivstationen. Es gibt ein Wort, das in der Diskussion überhaupt keine Rolle spielt: die Qualität unserer Arbeit. Die völlige Gleichschaltung ist auf jeden Fall unsinnig.

ZEIT: Der Beruf des Arztes: Ist noch was übrig geblieben von den sogenannten Göttern in Weiß?

Reichart: Höchstens noch ein Halbgott. Mich würde interessieren, woher das kommt, diese Bezeichnung Götter in Weiß. Zugegeben, früher waren die großen Chirurgen schon hart drauf. Einer meiner Chefs war Professor Rudolf Zenker, den durften wir nie ansprechen. Er redete mit uns, nicht umgekehrt. Er duzte uns, wir hatten ihn zu siezen. Uns Assistenzärzte stauchte er immer zusammen, er warf uns vor, zu wenig zu forschen. Wenn wir uns den Hinweis erlaubten, Herr Professor, wir sind doch 24 Stunden mit Ihren Patienten beschäftigt, antwortete Zenker: Dann arbeiten Sie eben nachts. Ich erinnere mich lebhaft an die Situation am OP-Tisch damals. Wie oft passierte es, dass ein Chefarzt dem Assistenzarzt in den Finger schnitt, weil er einfach nicht aufgepasst hatte. Aber meinen Sie bloß nicht, die Herren Chefs hätten sich entschuldigt. Ungeschickter Teufel, sagten sie, immer hat er die Hand dazwischen. Und wehe, man hätte sich aufgeregt. Das Büro des Chirurgen BILD

ZEIT: Haben wir das richtig verstanden: Die Chefs haben Sie und andere Assistenzärzte mit dem Skalpell geschnitten?

Reichart: Ich habe den ganzen Handrücken voll mit solch kleinen Schnitten. Einmal habe ich mich dabei auch angesteckt. Hepatitis. Ein halbes Jahr lang durfte ich nicht operieren. Ich saß die ganze Zeit im Labor und arbeitete an meiner Habilitation.

ZEIT: Ist Aids ein Problem in einem Operationssaal?

Reichart: Sicher. Wir hatten einige HIV-positive Patienten, und es gab viele Kollegen, auch Schwestern, die sich weigerten, in diesen Fällen zu operieren. Ich hatte mich damals beim Ministerium erkundigt, ob ich Ärzte zu diesen Operationen zwangsverpflichten darf. Es wäre möglich gewesen, aber schließlich habe ich es doch selber gemacht, ich habe dann doch noch Kollegen und Schwestern gefunden, die geholfen haben. Dicke Handschuhe, zwei übereinander, und sehr gut aufgepasst, das ging immer gut. Ich bin skeptisch, wenn Ärzte behaupten, sie seien im OP mit HIV infiziert worden. Ich schätze eher, das haben sie sich anderswo geholt.

ZEIT: Seit vielen Jahren sind Sie selbst der Chef. Wie gehen Sie mit den jüngeren Kollegen um?