Klassiker der Moderne (64) Gitarren-Inferno

Verlangen nach Bass: Das Quartett Bass Desires mit Marc Johnson, Peter Erskine, Bill Frisell und John Scofield schuf in den Achtzigern eine heiße Jazzrock-Mischung, die bis heute brodelt

Jazz, sagte sein Chronist Whitney Balliett im New Yorker, »is the sound of surprise«. Da erweisen sich die langlebigsten Gruppen nicht immer als die bedeutendsten. Der Bassist Marc Johnson, der als letzter Partner des Piano-Impressionisten Bill Evans bekannt wurde, gründete 1984 ein Quartett, das gerade zwei Alben hinterlassen hat und nur zwei Jahre existierte. Bass Desires bestand, abgesehen von Johnson, aus dem Drummer Peter Erskine sowie den Gitarristen Bill Frisell und John Scofield.

Das meiste, was in den siebziger und achtziger Jahren an »Fusion« produziert wurde, jener hybriden Mode, die dem vermeintlich serbelnden Jazz mit Rockgewalt aufhelfen wollte, mutet heute älter an als, sagen wir: Armstrongs »Hot Five«-Schellacks. Die Spur aber, die die vier von Bass Desires hinterließen am Himmel, den sie kurz (keine vier Jahre!) beflogen, leuchtet bis heute nach. Wer will, mag diese Musik »Post Fusion« nennen.

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Tatsächlich war Peter Erskine der Schlagzeuger der prominentesten Fusion-Gruppe, Zawinul-Shorters Weather Report, einer der ganz wenigen, die für Rock-Power ebenso zuständig waren wie für Jazz-Raffinessen. Scofield und Frisell wurden, zusammen mit Pat Metheny, die stilbildenden Gitarristen der neunziger Jahre. Die Kombination von zwei elektrischen Gitarren ist nicht ohne Risiko. Sie endet leicht in einem kompetitiven Priapismus, einem langweiligen Pleonasmus. Das Gegenteil ist hier der Fall. Frisell und Scofield sind gegensätzliche Temperamente, sie ergänzen sich wie Yin und Yang, sprechen verwandte, aber verschiedene Sprachen. Frisell zaubert schon hier jene vergifteten Panoramen, die ihn später als eine Art Wim Wenders der Gitarre berühmt machen sollten, mit vielen Folk- und Country-Assonanzen. Scofield dagegen bezieht seinen Punch aus Blues und Funk und letztlich aus den kochenden Improvisationen von Wes Montgomery – hinreißenden Melodielinien und klirrend gegen den Beat geschmetterten Einwürfen. Das ist, mit Johnsons inspiriertem Bass im Auge des Taifuns und vor Erskines steten perkussiven Brandstiftungen, ein Dialog von verzahnten Statements, ein nach oben offenes gitarristisches Nonplusultra.

So treten die vier eine Coltrane-Cover-Version los, die dem Original (Resolution) nicht nachsteht; oder sie verwandeln ein altes Volkslied (Black Is The Colour Of My True Love’s Hair) in eine mal mystisch, mal ironisch verdunkelte Ruinenlandschaft. Second Sight, die zweite Produktion von Bass Desires, elektrisiert nicht mehr ganz so wie der Erstling, ist aber immer noch ein starkes Stück. Beide widerlegen das Vorurteil, beim Münchner Label ECM werde unter dem Motto des »Hymnischen« ausschließlich der postromantische Innigkeits- und Schönheitskult zelebriert.

Marc Johnson: Bass Desires (ECM 1299)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 07.06.2007 Nr. 24
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    • Schlagworte Musik | Jazz | Gitarre | Hybrid | Taifun | Fusion | Blues | Resolution | Funk
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