Schweden hat nun als erstes Land im virtuellen Second Life eine Botschaft eröffnet. Man kann allerdings kaum von einer Vorreiterrolle der Skandinavier sprechen. Denn Österreich hat sich in jener nicht vorhandenen, nur imaginierten Welt schon längst ein eigenes Plätzchen gesichert. Ausgehend von der immerwährenden Neutralität, gesellten sich dort über die Jahre weitere irreale Austriazismen hinzu: Karl Heinz Grassers legendäres Nulldefizit etwa oder Martin Bartensteins Eurofighter-Gegengeschäfte. Die sozialdemokratischen Grundwerte wurden ebenso in der virtuellen Wirklichkeit endgelagert wie die Bildungspolitik, die auch nach den desaströsen Gehrer-Jahren weiterhin jeden Kontakt mit der Realität meidet. Jetzt hat Herr Platter – in Second Life ist er Innenminister – einen entscheidenden Schritt im Kampf gegen Demokratiemüdigkeit gewagt. E-Voting lautet das Zauberwort, und schon scheint die Glaubwürdigkeit der Politik wiederhergestellt. Der Pionier dürfte aber die Folgewirkungen des elektronischen Wählens nicht mitbedacht haben. Denn als Revanche für die Spams, mit denen uns Politiker via Medien täglich zumüllen, könnte das weltweite Web anlässlich der nächsten Nationalratswahl mit einer Flut direkter Meinungsbekundungen überschwemmt werden, für die sich bisher auf den herkömmlichen Stimmzetteln kein Platz fand. Derzeit, beteuert das Innenministerium, würden sich leider noch Probleme mit der Zugangsberechtigung zum elektronischen Wahlformular ergeben. Man hofft auf eine Lösung namens E-Thinking. Übrigens: Second Life hat gerade eine diplomatische Vertretung in Österreich eröffnet – es ist die weltweit erste. BILD

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben »

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