Debatte Wer darf, wer soll über Fassbinders Erbe bestimmen?
Rainer Werner Fassbinders ehemalige Frau Ingrid Caven und der Kameramann Michael Ballhaus haben in der ZEIT schwere Vorwürfe gegen die Fassbinder Foundation und ihren Umgang mit dem Werk des Regisseurs erhoben – eine Auswahl der Reaktionen.
Stellungnahme der Rainer Werner Fassbinder Foundation zu dem Artikel Man kann uns nicht einfach ausradieren in der ZEIT Nr. 22/07
Die in dem Artikel gegen die Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF) und mich aufgestellten Behauptungen sind unwahr. Die RWFF wurde als gemeinnützige Nachlassstiftung GmbH von Liselotte Eder, Fassbinders Mutter, 1986 gegründet, die den gesamten Nachlass einbrachte. Die satzungsmäßige Aufgabe der RWFF ist es, RWFs Werk zu erhalten. Die RWFF musste anfangs Prozesse führen, auch gegen RWF-Mitarbeiter, die sich Werke aneigneten oder diese verfälschten. Durch notarielle Übertragung der RWFF-Anteile bin ich seit 1992 alleinige Gesellschafterin, als Alleinerbin von Frau Eder auch RWFs Rechtsnachfolgerin. Nur daraus ergibt sich rechtlich meine Erbenstellung. Man stößt nicht auf eisiges Schweigen, wenn man bei uns nach Ingrid Caven fragt, sondern wir verweisen an ihre Agenten. Die RWFF oder ich haben nie gedroht, Filme zurückzuhalten, wenn angeblich unliebsame RWF-Mitarbeiter von Veranstaltern eingeladen würden. Wir können nachweisen, dass Michael Ballhaus im zitierten Fall falsch informiert ist. Fassbinder (Text) und Peer Raben (Komposition) haben 12 Lieder verfasst. Wer diese nutzt, muss die Rechte erwerben. Jedem steht es frei, RWFs Werk zu diskutieren, denn aus ihm kann keiner verdrängt werden, der mitgewirkt hat. Dies wäre nur der Fall, wenn das Werk nicht gezeigt würde. Dass dies nicht geschieht, ist die Aufgabe und der Erfolg der RWFF.
Juliane Lorenz, Rainer Werner Fassbinder foundation, Berlin/New York
Auf das Geltendmachen von Ansprüchen aus meiner Fassbinder-Zeit war ich zum Glück nie angewiesen. In meinem Buch Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder habe ich – zehn Jahre nach seinem Tode – alles niedergeschrieben, was mir zum Thema und zu der Person wichtig erschien. Das von Michael Ballhaus beschriebene Mobbing der Rainer Werner Fassbinder Foundation bekam ich danach unverzüglich zu spüren: Das Buch wurde von allen Ausstellungen und Veranstaltungen verbannt, es wurde nicht protestiert, geschweige denn diskutiert, sondern einfach totgeschwiegen. Ich kenne dieses Verfahren sonst nur vom Vatikan. Buchhändler haben mir den auf sie ausgeübten Druck mehrfach bestätigt.
Filmfestivals oder Retrospektiven, die auf das Zeigen der Fassbinder-Produktionen angewiesen waren, etwa das letztjährige Festival von Sevilla, baten mich – eindeutig auf Druck der Fassbinder Foundation –, von der ursprünglich an mich ergangenen Einladung keinen Gebrauch zu machen, auch dann nicht zu erscheinen, wenn ich selbst in den Filmen auftrat oder mitwirkte. Ich konnte und kann mit solch törichtem Verhalten leben, aber ich verstehe, dass anderen – spät, doch nie zu spät! – der Kragen platzt.
Peter Berling, Fassbinder-Produzent und Schauspieler, Autor
historischer Romane, Fiktiver Interviewpartner in Alexander Kluges
Fernsehsendungen, Rom
Es ist Ihnen sehr für Ihr Interview mit Ingrid Caven zu danken. Was Ingrid Caven hier sagt, hat die unabweisbare Schönheit der Wahrheit. Dem ist nichts hinzuzufügen. Sämtliche Wegbegleiter dieses bedeutendsten Filmemachers der deutschen Nachkriegsgeschichte wurden seit Fassbinders Tod systematisch aus der Rezeptionsgeschichte seines Werks verdrängt und eliminiert. Aber wer die Geschichte eines Werks ausradiert, beschädigt das Werk selber, da nützen die besten Film-Restaurierungen nichts. Und die nachträglichen Aufhellungen der
Alexanderplatz-
DVD-Kassette tragen zu vielem bei, sicher auch zu guten Profiten, aber sie sind eine Verfälschung. Leider kann der tote Peer Raben, dem jeder Streit zuwider war (er war auch zu krank, um sich zu streiten), jetzt nicht mehr erleben, wie seinem Anteil an Fassbinders Arbeiten hoffentlich bald Gerechtigkeit widerfahren wird, denn es ist die Pflicht aller Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter dieses großen Regisseurs, die wahre (in den letzten Jahren völlig verdrängte) Geschichte seines Werks hervorzuholen und diejenigen, die daran Anteil hatten, vor allem, als dieses Werk noch in seinen Anfängen war und die Weichen für die Zukunft gestellt wurden, endlich zu würdigen, so wie sie es verdienen. Und wie Fassbinders Werk es verdient.
Elfriede Jelinek, Wien/München
- Datum 10.06.2007 - 11:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.06.2007 Nr. 24
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