G8-Gipfel fängt mit demselben Buchstaben an wie Goliath, der Name des biblischen Riesen, der durch die treffsichere Schleuder des kleinen David vernichtet wurde. Aber dass die Großen durch die Kleinen vernichtet werden, so etwas gibt es nur in Mythen und Legenden. Die Letzten werden nicht die Ersten sein und die Kleinen in einem möglichen Krieg gegen die Großen nicht siegen. Die Legende hat nichts an symbolischer Kraft eingebüßt, sie hat sich ausgebreitet und im kollektiven Gedächtnis eingekerbt. Das fortdauernde und bis zu einem gewissen Maße unerklärliche hohe Ansehen Fidel Castros, dem man Fehltritte verziehen hat und weiterhin verzeiht, die man anderen Diktatoren nicht verzeihen würde, hängt mit diesem alten Mythos zusammen. Er ist der Führer einer winzigen Insel im Schatten der zurzeit stärksten Macht und hat es mit beachtlicher Verschlagenheit geschafft, sie in die Schranken zu weisen. In einer solchen Situation fällt es schwer, so zu tun, als seien die Sympathien der Welt immer aufseiten des Stärkeren, zum Beispiel der G8-Staaten.

Jetzt taucht Hugo Chávez am Horizont Lateinamerikas auf und will Castros Geschichte wiederholen. Aber Hugo Chávez sitzt auf einem Berg von Petrodollars und kann der Versuchung nicht widerstehen, sie demonstrativ verschwenderisch unter die Leute zu bringen wie der Neureiche eines armen Kontinents. Es liegt auf der Hand, dass der Mythos unter solchen Bedingungen nicht funktionieren kann. Das allmählich bröckelnde Image von Fidel Castro, einem gealterten, mürrischen David, trifft auf Chávez’ vulgäre Symbolik. Ich glaube nicht, dass die Konstellation dieser beiden Sterne allzu günstig ist.

Bedeutet das, dass die Ära der Konflikte hinter uns liegt? Das Thema ist verzwickter, schwieriger und widersprüchlicher, als es auf ersten Blick scheint. In Lateinamerika bestehen heute zwei historische Tendenzen fort, wenngleich mit neuen Formen und Sprachen: die des Konfliktes, bei den lateinamerikanischen Essayisten Anfang des 20. Jahrhunderts durch das mythische Paar Ariel und Kaliban repräsentiert, und die der Verhandlung und des Dialogs. Die zweite Tendenz ist für die Länder weniger dramatisch und ermöglicht es ihnen, bessere Ergebnisse in der Wirtschaft zu erzielen. Aber man hat den Eindruck, die erste, die Tendenz des Konfliktes, David gegen Goliath, Ariel gegen Kaliban, übe die größere, eine geradezu unwiderstehliche Faszination aus, die nicht nur die Volksmassen erfasst, sondern die bis in die feinsten Kreise Hollywoods oder die exklusivsten intellektuellen Schützengräben des Westens vordringt.

Sieht man genauer hin, ohne Angst, die Dinge beim Namen zu nennen, ist Chile in der Hinsicht ein beachtliches Paradox. Es könnte den Nachbarländern als lehrreiches Beispiel dienen, doch in der Region hat man noch nie viel davon gehalten, sich in der direkten Nachbarschaft nach Modellen umzusehen. Und aus einer Vielzahl von Gründen, die hier nicht angeführt werden können, neigte Chile immer dazu, mit den Großen auf eigene Faust zu verhandeln, ganz diskret, als wolle es sich allein aus dem Sumpf ziehen, felsenfest davon überzeugt, dass es das kann. Das Erstaunliche ist, dass Chile heute mehrheitlich von Leuten regiert wird, deren politische Biografie mit der Erfahrung von Salvador Allende und der Unidad Popular beginnt, also in einer Zeit heftiger interner Auseinandersetzungen und des Kampfes gegen den amerikanischen Kapitalismus. Es sieht so aus, als hätten die jungen Linken der Allende-Zeit, die unerbittlich von Pinochets Diktatur verfolgt wurden, ihre Lektion gelernt und setzten sie jetzt in die Praxis um, auch wenn sie das nicht öffentlich zeigen wollen. Sie huldigen immer noch den politischen Helden ihrer Jugendzeit, aber in der aktuellen Wirtschaft und Politik verhalten sie sich genau entgegengesetzt. Anstatt mit allen Mitteln gegen den Protektionismus der entwickelten Länder vorzugehen, haben sie ein System internationaler Handelsabkommen aufgebaut, das es ermöglicht, viele Hindernisse zu umgehen. Eine Art effizienter Diskretion in dem Wissen, dass das nicht allen hilft und nicht zum Modell für alle werden kann.

Was das für das G8-Treffen in Heiligendamm bedeutet? Abgesehen von den Handels- und Finanzfragen, bin ich der Ansicht, die G8-Staaten sollten die Entwicklungsländer in zwei wesentlichen Punkten unterstützen: bei der Bildung und bei der sozialen Absicherung. Das sind die zentralen, unumgänglichen Voraussetzungen für eine moderne, menschliche, dauerhafte Entwicklung. Unsere Bildungssysteme sind vollkommen ungenügend, und das gefährdet jede Art von langfristigem Fortschritt; und wenn es uns gelingt, uns weiterzuentwickeln, dann tun wir das zu ungleichen Bedingungen. Dann etablieren wir entweder Sozialsysteme ohne gesellschaftliche Entwicklung, wie wir das von den populistischen Diktaturen kennen. Oder wir befördern eine Entwicklung ohne soziale Absicherung, also knallharten Kapitalismus.

An diesem Punkt stellt sich eine teuflisch schwere Frage: Können die G8-Staaten, die von der Kostenlast ihrer eigenen Sozialsysteme erdrückt werden, sich überhaupt ernsthaft dafür interessieren, die Dritte Welt in dieser schwierigen Frage zu unterstützen? Ich muss gestehen, darauf keine eindeutige Antwort zu haben. Oft sage ich mir, dass Entwicklung mit relativer Chancengleichheit, höherer Bildung und Kultur der große Luxus der fortschrittlichen Welt des 21. Jahrhunderts ist. Für den Rest, also für uns, scheint er unerreichbar zu sein.

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg