Wenn man Chico Whitaker fragt, wie er sich die Zukunft der Weltwirtschaft vorstellt, setzt er ein Lächeln auf, streichelt seinen weißen Bart und sagt: »Das ist ganz unmöglich, unsere Ziele in einem Dokument zusammenzufassen.« Er will das auch gar nicht. »Wissen Sie was? Darüber sollten so viele Dokumente wie möglich verfasst werden!«

Man hätte sich von Chico Whitaker eine präzisere Antwort erhofft. Der 76-jährige Brasilianer hat zu Beginn des Jahrtausends das World Social Forum (WSF) mitbegründet, jenes Treffen von Globalisierungskritikern, das Jahr für Jahr in Städten wie Porto Alegre, Mumbai oder Nairobi die Frage klären soll: Welche Alternativen gibt es für die »konzerngetriebene«, »neoliberale« Globalisierung von heute? Wie kann man über das Protestieren am Rande von G8-Treffen, Weltbanktagungen und Wirtschaftsgipfeln hinausdenken?

Für die Gründung des Forums hat Whitaker bereits den Alternativen Nobelpreis erhalten, doch viel genützt hat es anscheinend nicht. In den Medienberichten über die G8-Proteste und den Gegengipfel in Rostock jedenfalls wird über alternative Visionen kaum etwas gesagt – bestenfalls gibt es eine überwältigt anmutende Aufzählung des Rostocker Programms. Dort hat vom »Partner Hisbollah« bis zum »Zinsfreien Banking für alle«, vom »Fischereiabkommen der EU mit Afrika« bis zum »Rollenspiel Kakaohandel« scheinbar jeder denkbare Gesprächsstoff Platz gefunden.

»Den großen Gegenentwurf haben wir nicht«, gibt selbst Elmar Altvater zu, ein Berliner Ökonom, der der globalisierungskritischen Bewegung nahesteht. Am vergangenen Wochenende brachen bei einem WSF-Vorbereitungstreffen in Berlin-Spandau wieder einmal Konflikte zu diesem Thema aus: Solle man unverbindliche »Bewegung der Bewegungen« bleiben oder ein Programm verabschieden und mehr Einfluss anstreben? Der philippinische Ökonom und WSF-Mitorganisator Walden Bello will eindeutig für das Letztere kämpfen. Sonst, sagt er, würden bald bloß noch »Festivals mit eingeschränkter öffentlicher Wirkung« abgehalten.

Eine eigenartige Debatte: Sachverstand und konkrete Vorschläge finden sich in der globalisierungskritischen Bewegung eigentlich reichlich. Viel mehr jedenfalls als in ihren Anfängen.

Von Beginn an waren es ökonomische Themen, die die Vielzahl von Gruppen vereinte, die heute als »Globalisierungskritiker« zusammengefasst werden. Zum Beispiel die Forderung, die ärmsten Länder von ihren Schulden zu befreien. Der weltweiten Finanzspekulation ein wenig Sand ins Getriebe zu streuen. Einen großen einigenden Einfluss hatte die asiatische Krise des Jahres 1997, jener Währungskollaps, der in Thailand begann und auf etliche Staaten der Region übergriff.

Groß war bis dahin in den Forschungsabteilungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank und an vielen renommierten Universitäten der Glaube an die heilsamen Kräfte des Marktes – man verschrieb Schwellen- und Entwicklungsländern ordnungspolitisches Laissez-faire und einen liberalen Waren- und Kapitalverkehr, damit sie schnell zu Wohlstand kämen. Die rasant wachsenden asiatischen »Panther- und Tigerstaaten« galten als Paradebeispiel dafür, dass diese Rezepte schnell zu Wohlstand führen können.