Für Ende Mai ist es verflucht kalt. Die Flaggen über der Haupttribüne knallen im Wind, graue Wolken wälzen sich über den Himmel. Auf dem grummelnden Motorrad ist das schnell vergessen, in Lederanzug und Motorradhelm ist es ganz behaglich. »Wann hast du zuletzt jemanden verloren?«, fragt einer Frank Spenner.

»Das ist noch gar nicht lange her«, antwortet er. Spenner, seine Freunde nennen ihn »Fritz«, ist ein bescheidener, angenehmer Mensch und erstaunlich hochgewachsen für einen Rennfahrer. Er hat mich auf den Beifahrersitz gepackt. Nicht auf seine 220 PS starke Rennmaschine, aber auf ein für einen Laien ebenfalls Ehrfurcht einflößendes Straßenmotorrad. Mit 41 Jahren nimmt er zum dritten Mal teil am gefährlichsten Straßenrennen der Welt um die Isle of Man. Letztes Jahr kam er als bester Deutscher auf Platz 28.

Das erste Rennen um die von einem französischen Grafen gestiftete Tourist Trophy, kurz TT, wurde 1907 ausgetragen. Die Jahrhundertfeier, die dieses Jahr stattfindet, dauert bis zum 8. Juni. Die Isle of Man hatte man seinerzeit als Veranstaltungsort ausgesucht, weil hier die Straßenverkehrsordnung Großbritanniens keine Gültigkeit hatte. Die schrieb eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 Meilen (32 Stundenkilometern) vor, als seriengefertigte Kräder bereits Spitzengeschwindigkeiten um 80 Stundenkilometer erreichten.

»Wir drehen ne ganz normale Runde«, sagt Spenner, als wir aus dem Gewirr von Zelten, Wohnwagen, Lastwagen und behelfsmäßigen Werkstätten, in dem die meisten Fahrer wohnen, auf die Straße vor der Haupttribüne einbiegen. »Ganz piano.« Gegenüber der Haupttribüne steht ein schwarzes Holzgebilde, das wie ein Taubenschlag aussieht. Während der Rennen werden Pfadfinder darin herumklettern und kreidebeschriebene Täfelchen mit den Rundenzeiten in die kleinen Fenster einsetzen. Hinter dem Gebilde liegt ein Friedhof. Ein Sinn fürs Makabre scheint zur hiesigen Rennkultur zu gehören.

Die 60 Kilometer lange Strecke führt größtenteils über Landstraßen, die noch aus der Zeit der Pferdefuhrwerke stammen. Nur der Asphaltbelag verleiht ihnen einen Anschein von Neuzeit. Im Hauptrennen wird sie sechsmal umrundet, es geht über 360 Kilometer. Von der Tribüne führt die Straße bergab ins Zentrum der Inselhauptstadt Douglas. Wie schnell das hier wird? »Mit der 600er fahre ich Vollgas«, ruft Spenner über die Schulter, »da erreiche ich dann bei der Ampel 350 Stundenkilometer.« Hinter einer Brücke biegt der Weg abrupt nach rechts ab und windet sich durch ein grünes Tal zwischen Hecken, Steinmauern und Bauernhöfen nach Westen über die Insel. Nach elf Kilometern wendet sie sich kurz vor St. John’s nach Norden.

Es gehörte zum guten Ton, vor dem Rennen mit Barbara Tee zu trinken

St. John’s ist das geistige Zentrum der Isle of Man. Jedes Jahr am 5. Juli tritt hier seit über tausend Jahren auf dem Hügel Tynwald das Inselparlament zu einer rituellen Sitzung zusammen, bei der sich jeder Bürger über alles und jedes beschweren kann, was ihm über die Leber gelaufen ist. Das zwischen England und Irland gelegene Eiland gehört zwar zum Vereinigten Königreich, aber nicht zu Großbritannien.