England Mit Vollgas zu den ElfenSeite 3/3

Die Rückfahrt führt parallel zur Ostküste in die Berge. Man hat einen wunderbaren Blick nach Schottland im Norden und zu den nordenglischen Bergen im Osten. Weit unten sieht man einen Sandstrand und einen Leuchtturm. Der Regen lässt nach, der Wind bläst darum umso eisiger. Bei seiner ersten TT-Teilnahme 2005 ereilte Spenner hier das Schicksal vieler Novizen. Im Gooseneck, dem engen »Gänsehals«, trug es ihn aus der Kurve, er fuhr in eine Mauer. Er stand auf – und kippte um. Er machte einen zweiten Versuch, aber Streckenwarte eilten herbei und führten ihn in eine Holzhütte am Straßenrand. In der Hütte hängen Listen mit den Namen all derer, die von der Gans verschluckt wurden. Unterhalb der Hütte ist ein Hubschrauberlandeplatz für ihren Abtransport.

Die Toten und Schwerverletzten sind ein Thema, über das niemand gerne redet. Fragt man, wie viele Leute hier denn jedes Jahr umkommen, bekommt man ausweichende Antworten. In einem Jahr starben offenbar 13 Menschen. Meistens handelt es sich um Fans, die aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland, auf Motorrädern anreisen und selbst ein paar Runden auf der Rennstrecke drehen. Sie trinken sich mit etlichen Dosen Bier Mut an. Wenn die Straßen nach dem Training und den Rennen für den Allgemeinverkehr geöffnet werden, geht’s rund. Am »verrückten Sonntag« ist der Wahnsinn institutionalisiert, da darf jeder vier Stunden lang ohne Gegenverkehr um die Strecke bohren. Oberhalb des Gänsehalses tauchen wir in dichten Nebel ein. Kein Grund für eine Gruppe Biker, nicht an uns vorbeizugeiern und uns zu zeigen, was ’ne Harke ist.

Anzeige

Der Minister für Tourismus und Freizeit gibt den Streckenwart

Unter den Fans, kaum einer ist jünger als 40 Jahre, stechen zwei Typen besonders hervor. Die einen sind bärtige Hardcore-Biker, sie tragen Goldringe im Ohr und das meist schon schüttere Haar zu Pferdeschwänzen zusammengebunden, sie haben eine vom Rauchen und Trinken großporige Gesichtshaut und sind fettleibig. Fett, behaupten sie, vermindere bei Stürzen den Schmerz des Aufpralls. Der zweite Schlag setzt sich aus Zahnärzten und Rechtsanwälten zusammen, die in eine Lebenskrise gestürzt sind und noch einmal die Sau rauslassen wollen. Sie erwarten selig das Begleitprogramm, ein Konzert der Uraltrocker The Who, deren ursprüngliche Besetzung durch Absterben auf zwei Mann zusammengeschrumpft ist.

Letztes Jahr transportierten die zwei Fährschiffe der 1820 gegründeten Steam Packet Company 9000 Motorräder auf die Insel, zur Jubiläumsveranstaltung gingen 19.500 Buchungen ein. Die Reederei charterte eine zusätzliche Fähre und zwei Frachtschiffe, um den Andrang zu bewältigen. TShirt-Verkäufer und Pommesbuden verdienen ein Vermögen. Viele Einwohner reden dennoch davon, dass die diesjährigen Rennen die letzten sein sollen. Sie wollen die Insel nicht mehr jedes Jahr zwei Wochen mit wilden Horden teilen. Wenn sie zum Einkaufen fahren, wissen sie nicht, ob sie heil wieder nach Hause kommen.

Rennfahrer beschweren sich ebenfalls. Spenner weiß nicht, ob er sich die Kosten für die Teilnahme noch einmal leisten will. Die Veranstalter, behauptet er, behandelten jeden, der nicht zu den Top Ten gehört, wie Kanonenfutter. »Das trübt die Begeisterung.« Ohne die Begeisterung von Teilnehmern und Ausrichtern ist die Veranstaltung nicht vorstellbar. Spenner und ein paar seiner Kollegen strichen dieses Jahr die Boxenmauer. Der Minister für Tourismus und Freizeit leitet nicht nur das Organisationskomitee, während des Trainings und der Rennen gibt er den Streckenwart.

Zurück in Douglas, führt die Strecke unter dichten Bäumen durch eine enge S-Kurve über eine sonst nicht mehr benutzte Steinbrücke. Hier stürzte Spenner 2005 zum zweiten Mal und demolierte sein Knie. Wir haben fast eine Stunde für unsere Runde gebraucht. Der Favorit John McGuinness legt später im Training eine Rekordzeit von 17 Minuten und 37 Sekunden hin, Spenner braucht dann fast zwei Minuten länger. Gegen die Spitzenfahrer hat er keine Chance. Warum macht er trotzdem mit?

Erst redet er von »Spaß« und von »Kicks«. Nach dem dritten Training gesteht er ein, es gehe ihm jetzt vor allem darum, das Ganze noch einmal heil zu überstehen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service