KASSELER KLASSIK
Unterm Pflaster ist der Strand. Unterm Pflaster liegt der Schutt.
Unter jeder Stadt liegt eine Stadt begraben. Viele Städte sind es manchmal, Schicht für Schicht. Untergegangen und verschüttet, überbaut. Hier und da ist vielleicht noch etwas stehen geblieben: ein antikes Monument, ein Viertel aus mittelalterlichen Gassen, ein Dom, ein Grab, ein Schloss. Auch wer heute durch Kassel geht, dieses vermeintlich so gesichts-, so alterslose Kassel, spürt noch die Stadt, die einmal war, die im Krieg untergegangen, beim Wiederaufbau zur Seite geräumt worden ist. Erst beide Städte zusammen, die vergangene und die gegenwärtige, ergeben den Ort, den wir erleben.
Da ist die Obere Königsstraße, schnurgerade wie die endlose schnurgerade Allee zur Wilhelmshöhe, zu Schloss und Herkules, zur Löwenburg und den bizarren Wasserspielen. Oder der Königsplatz, so kreisrund wie unten in der Karlsaue die kreisrunde Schwaneninsel. Oder das Liebestempelchen auf dieser Insel, das wiederum hoch grüßt zum »Frühstückspavillon« im Weinberg oben an der Schönen Aussicht. Überall sehen wir die Spuren des versunkenen Kassel, erkennen wir seine Grundrisse und korrespondierenden geometrischen Grundfiguren. Es ist die Stadt des Barocks und des Biedermeiers, die Residenz. Es ist die Einwandererstadt, das Immigranten- und Asylanten-Kassel, Heimstatt der aus Frankreich vertriebenen, hochwillkommenen Hugenotten - ihr Viertel rund um die kleine Karlskirche ist heute Teil der Innenstadt und zeigt im Straßenraster immer noch etwas von dem schlichten Schachbrettmuster. Es ist das Kassel der Wissenschaften und Musen mit dem Fridericianum, einem der ersten modernen Museumsbauten in Europa, mit dem Ottoneum, heute Naturkundemuseum und 1606, da lebte Shakespeare noch, als erstes deutsches Schauspielhaus errichtet.
Eine mächtige, eine reiche Residenz ist Kassel ja nie gewesen, gemessen am prunkspiegelnden Dresden zum Beispiel. Bedeutende Manufakturen für Porzellan oder Mobiliar sucht man in den Chroniken vergebens, dafür fehlte hier ganz einfach die Kundschaft. Der Landgraf verdiente sich als Kriegsunternehmer sein Geld. Wie so mancher deutsche Duodezfürst des 18. Jahrhunderts kaufte und verkaufte er Soldaten, zumeist an den englischen König, der die armen Kreaturen dann im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Aufständischen verbrauchte. An die 30000 Männer wurden aus deutschen Landen nach London verschoben, über ein Drittel der mit Gewalt Gepressten, mit Geld Gelockten kam im Krieg jenseits des Atlantiks um. Darüber ist viel geschrieben worden - Friedrich Schiller hat den feudalen Menschenhandel in Kabale und Liebe feurig angeprangert. Kassel wurde zum Synonym für eine Militärstadt - auf die 20000 Einwohner, die Ende des 18. Jahrhunderts hier lebten, kamen 4000 Soldaten.
Aber Friedrich II., der 25 Jahre regierte und dessen Statue auf dem Friedrichsplatz vom hohen Sockel herab noch jede Documenta gesegnet hat, versuchte sich seinen Vorgängern gleich auch als Freund der Wissenschaften und der schönen Künste. Ein bisschen Weimar sollte sein, wie es damals ja überhaupt einige Weimars in Deutschland gab.
Und wenn man neuerdings, mit Blick auf Mendelssohn und Moritz, auf Schadow, Schinkel und Kleist, nicht nur von der Weimarer, sondern auch von einer Berliner Klassik spricht, dann könnte man genauso gut von einer Eutiner, Göttinger oder eben Kasseler Klassik sprechen. Der Weltreisende Forster legte hier an und der freie Herr Knigge und der berühmte Anatom Soemmering. Hölderlin schrieb: »Ich lebe seit drei Wochen und drei Tagen sehr glücklich in Kassel«, und auch Goethe kam gerne hierher, nicht ohne seiner Frau die Shoppingszene anzupreisen: »In Cassel kannst Du alles kaufen in Hütchen und Kleidern. Sie haben die neuesten Waren dort so gut wie irgendwo.«
Das Museum Fridericianum ist Friedrichs Idee und die Kunstakademie, und das Collegium Carolinum, ein Zwischending aus Gymnasium und Universität, sollte eine Exzellenzhochschule werden. Soemmering richtete ein anatomisches Institut ein, Forster, Johannes Müller und der kluge Politicus Christian Wilhelm von Dohm hielten Vorlesungen.
Dennoch: Eine wirklich bedeutende Akademie wurde das nicht. Die Landesuniversität blieb in Marburg, und wer auf neuestem Forschungsstand studieren wollte, ging ohnehin nebenan nach Göttingen.
Noch heute sind Kassels Schatzkammern sensationell gut gefüllt. Die Kunstsäle von Schloss Wilhelmshöhe mit ihren Rembrandts und ihren herrlichen Antiken gehören zu den großen Sammlungen Europas - die Neue Galerie an der Schönen Aussicht in der Innenstadt zeigt, wenn sie nicht wegen Renovierung geschlossen ist, die Kasseler Meister, die erquickende bürgerliche Hofkunst der Tischbeins und Nahls. Und erst das Astronomisch-Physikalische Kabinett in der Orangerie! Mit seinen Erd- und Himmelsgloben, fantastischen Uhren und den stets etwas spukhaften antiken Maschinen von der sagenhaften Dampfpumpe des Denis Papin bis zu Konrad Zuses nicht minder sagenhaftem Ur-Computer birgt es eine wahre Wunderkammer des Wissens! Hier ist, vor allem für Kinder, jeden Tag Documenta.
So wie die Stadt militärisch gefestigt, kulturell gespickt, so wie sie ein Jahrhundert lang nach dem Grand Design der hugenottischen Architektenfamilie du Ry ausgebaut worden war, mit all den neuen Straßen und Plätzen, so war Kassel dazu prädestiniert, endlich auch einmal eine wirkliche Hauptstadt zu sein. Und es wurde Hauptstadt, die Capitale des ersten modernen Staats auf deutschem Boden, des sogenannten Königreichs Westphalen. 1807 hatte Napoleon das erfunden, es reichte bis Halle und Magdeburg und umfasste halb Niedersachsen - Bruder Jér'me durfte König spielen. Hier waren erstmals in Deutschland alle Untertanen, ob Protestanten, Katholiken oder Juden, gleichberechtigte Staatsbürger. Hier herrschte Gewerbefreiheit und eine moderne Gerichtsbarkeit. Ins Fridericianum wurde ein Parlament eingebaut - das Halbrund nach hinten raus ist erhalten geblieben. Viel hatte das Hohe Haus nicht zu sagen, aber immerhin: Ein Anfang wars.
Das Ende kam schnell. Napoleons Europa zerplatzte - Duodezdeutschland restaurierte sich. Kassels Fürstlein kehrten zurück, verschärften die Zensur und bauten Tempelchen, auf der Schwaneninsel, am Weinberg. Und Heinrich Heines Freund Franz Dingelstedt dichtete sich sein Biedermeier-Elend von der Seele: »Dutzend-Fürsten, Taschen-Höflein, / Glücklich, wer euch niemals kennt! / Hoffouriers- und Kammerzöflein- / Und Aktrizen-Regiment!«
Wohl wahr. Einige Hinterlassenschaften jenes absurden Hoftheaters allerdings erstaunen bis heute. So lockt gleich neben der Orangerie, am Rande der Documenta-Treibhäuser, ein äußerlich höchst unscheinbarer kleiner Bau mit einer ganz besonderen barocken Verrücktheit. Das »Marmorbad« war stets nur Schaubad. Es hat zwar eine Art Pool, doch keinen Wasseranschluss. Da es dergleichen folie in Versailles gab, musste das Sonnenköniglein von Kassel das natürlich auch haben ein überbordendes Raumwunder, ein einziger Marmorrausch in allen Farben und Formen, ausgestattet überdies mit einer kleinen Plantage schwerelosester Statuen. Geschaffen 1728 von Pierre Etienne Monnot, einem Meister aus Paris.
Monumente, Ruinen, Reste. Während der schrecklichen Bombennacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 verbrannte Kassels märchenhafte Altstadt, die allerdings schon zuvor von den Stadtplanern der späten zwanziger Jahre und den Nazis zum »Sanierungsgebiet« erklärt, soll heißen, zum weiträumigen Abriss freigegeben worden war. Im fabelhaften Stadtmuseum am Ständeplatz kann man just über dieses Thema viel erfahren.
Etliches von dem, was den Krieg überlebt hatte, der Theaterbau aus der Kaiserzeit zum Beispiel, wurde nach 1945 weggehauen. Eine ganz neue Stadt sollte entstehen, ein helles, leichtes, schwebendes Kassel, ein Pavillon- und Pastellfarben-Kassel. Eine Stadt des Lichts und des Friedens, der zarten Linien und der schwerelosen Menschen. Autos und Fußgänger sollten sich auf getrennten Wegen bewegen: die Fußgänger eher unter der Erde, die Autos auf breiten Straßen darüber. Zum Ausgleich für die Autolosen gab es und gibt es noch immer, auf dem Weg zwischen dem Bahnhof und dem Friedrichsplatz, Deutschlands erste Fußgängerzone, die Treppenstraße. Herrlich!
Doch irgendwann wurde das große Projekt irgendwie liegen gelassen. Die verpissten Fußgängertunnel verschwinden, die Treppenstraße hat ihren kargen Schmelz längst verloren. Über die Nachkriegsstadt legt sich ganz, ganz allmählich eine neue Stadt. Und alle fünf Jahre wieder die Documenta, die flüchtige Metropole der Kunst.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.24 vom 06.06.2007, S.M30
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