Leichen im Sumpf

Dresden

Geert Mackenroth (CDU), der sächsische Justizminister, sah sich vor einigen Tagen zu einer bemerkenswerten Feststellung veranlasst. »Sachsen ist kein Sumpf«, schrieb er in einem Gastbeitrag für eine Dresdener Regionalzeitung. Eine Selbstverständlichkeit, so hätte man früher meinen können – eine gewagte Behauptung, so scheint es nun.

Seit mittlerweile drei Wochen ist der Freistaat in heller Aufregung. Nahezu täglich werden Details aus einer Aktensammlung des Landesamtes für Verfassungsschutz zur »Organisierten Kriminalität« bekannt. Darin geht es um Korruption und Amtsmissbrauch, um dunkle Immobiliengeschäfte und sexuelle Gewalt gegen Kinder. Hochrangige Polizisten, Staatsanwälte und Politiker sollen verwickelt sein. Gelesen hat die Akten nur eine Handvoll Personen, aber allenthalben sind Geraune und Mutmaßungen zu hören, Schuldzuweisungen und Ablenkungsmanöver. Am Montag erschien im Magazin Spiegel eine Geschichte über Prostituierte, die jahrelang im Leipziger Rathaus verkehrt haben sollen.

»Ich dachte immer, dass es so etwas nur in miesen Krimis gibt«

Der eigentliche Skandal droht durch das Ausbreiten solcher Schlüpfrigkeiten aus dem Blick zu geraten: Mehr als ein Jahrzehnt lang haben Polizei und Justiz in Sachsen in etlichen Fällen versagt, wurden Ermittlungen in politisch brisanten Fällen unterbunden. Dass plötzlich Vorgänge wieder aufgerollt werden, die zum Teil bis in die frühen neunziger Jahre zurückreichen, ist einem eher trockenen innenpolitischen Grundsatzstreit zu verdanken. Im Jahr 2003 hatte die damals noch allein regierende CDU das Verfassungsschutzgesetz geändert und den Geheimdienst mit der Beobachtung der Organisierten Kriminalität im Lande beauftragt. Dagegen hatte die PDS-Fraktion vor dem Sächsischen Verfassungsgericht geklagt und im Sommer 2005 gewonnen. Seitdem befassten sich mehrere Stellen, unter anderem der Sächsische Datenschutzbeauftragte, mit der Frage, was aus den anscheinend rechtswidrig gesammelten Informationen werden solle. Teile der Landesregierung hätten die Akten am liebsten in den Schredder geschickt, auch der Datenschützer plädierte dafür. Das wiederum erregte den Argwohn der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) des Landtages. Ein halbes Jahr lang arbeiteten sich die fünf Mitglieder durch die hochgeheimen Papiere – und waren schockiert. »Ich dachte immer, dass es so etwas nur in miesen Krimis gibt«, sagt der Abgeordnete Frank Kupfer von der seit fünfzehn Jahren im Freistaat regierenden CDU.

Auf gut 15000 Aktenseiten haben die Verfassungsschützer Berichte zu fünf unterschiedlichen Komplexen zusammengetragen. In einem davon geht es um »normale« Bandenkriminalität, in einem anderen um die Rockerszene und Verbindungen ins rechtsextremistische Milieu. Politisch brisanter sind Berichte über Kontakte von Dresdener Zuhältern zu Sicherheitsbeamten in der Landeshauptstadt. Unter anderem geht es in den Akten um einen Exminister und Kokain. Am meisten politischen Sprengstoff birgt offenbar ein Vorgang unter dem Decknamen »Abseits«. In mehreren Regionen im Land sind demnach über mehr als ein Jahrzehnt hinweg Netzwerke von korrupten Polizisten, Richtern und Staatsanwälten gewachsen, so in Chemnitz und Plauen, vor allem aber in Leipzig.

Die Messestadt war Anfang der neunziger Jahre ein besonderes Pflaster. Sie feierte sich als »Boomtown« des Wilden Ostens und warb mit dem Slogan »Leipzig kommt«. Mit teils rabiaten Methoden wurden damals die Claims in den lukrativsten Immobilienvierteln abgesteckt. Die Gesetzeslage nach dem Einigungsvertrag war unklar. In den Ämtern saßen verunsicherte DDR-Beamte. Die Spitzenposten in Universitäten, Behörden und Medien wurden mit Aufbauhelfern aus dem Westen besetzt, die dort oft keine Chance auf ähnliche Jobs gehabt hätten.

Der oberste Aufklärer weiß es schon vorher: Die Vorwürfe sind falsch

Aus den »Partnerländern« Bayern und Baden-Württemberg kamen halbe Juristenjahrgänge, die sich schon von Trinkgelagen aus Studentenzeiten kannten und jetzt ganze Staatsanwaltschaften und Gerichte übernahmen. Das war die Zeit, als ein Baulöwe namens Dr. Jürgen Schneider Banken, Behörden und Baufirmen foppen konnte und Milliardenverluste anhäufte. Der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft LWB kamen mehr als 700 Millionen Mark abhanden, ein Skandal, zu dessen Aufklärung der damalige Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube (SPD) wenig beitrug. Mehrere Morde blieben ungeklärt und tauchen nun in den Akten des Verfassungsschutzes wieder auf. Prozesse endeten mit auffallend milden Strafen.

Als sich später der oberste Korruptionsermittler der Leipziger Polizei der Sache annahm, wurde er suspendiert. Im Mittelpunkt dieses Teilskandals steht ein ehemaliger Leipziger Oberstaatsanwalt, Norbert Röger mit Namen, der 1993 aus Koblenz nach Leipzig gekommen war. Den Verfassungsschutzakten zufolge soll er sich – wie andere Politiker und Juristen – durch Bordellbesuche erpressbar gemacht und später Ermittlungen behindert und Prozesse vereitelt haben. Er selbst äußert sich nicht zu diesen Vorwürfen. Vor sechs Wochen, als die Anschuldigungen intern längst bekannt waren, beförderte ihn Justizminister Geert Mackenroth noch zum Präsidenten eines Amtsgerichtes, eine Position, in der er als unabhängiger Richter ein Disziplinarverfahren durch das Ministerium nicht mehr zu fürchten braucht.

In den Akten des Verfassungsschutzes summieren sich derartige Fälle zu einem offenbar beängstigenden Gesamtbild von Polizei und Justiz im Lande. Inzwischen hat die Parlamentarische Kontrollkommission in einem beispiellosen Beschluss – mit den Stimmen von CDU-Vertretern – der Landesregierung detaillierte Vorgaben dazu übermittelt, welchen sächsischen Staatsanwälten die Akten zu übergeben seien. Zugeich sollen die Generalbundesanwältin und das Bundeskriminalamt »die gleichen Unterlagen in Kopie« erhalten.

Außerdem fordern die Abgeordneten Aufklärung darüber, warum der Geheimdienst nicht – wie es Pflicht gewesen wäre – seine Erkenntnisse an die Strafverfolgungsbehörden weitergab. Und warum die PKK niemals über die brisanten Verdachtsmomente informiert wurde. Das sind Fragen, die wohl bald einen Untersuchungsausschuss des Landtages beschäftigen werden.

Dass das Misstrauen der Geheimdienstkontrolleure möglicherweise berechtigt ist, zeigte sich schon kurz nach ihrem Beschluss. Gegen den sächsischen Generalstaatsanwalt, der die Aufklärung des Skandals koordinieren soll, wurden Vorwürfe laut, er habe vor einigen Jahren selbst Ermittlungen in einem Leipziger Immobilienskandal verhindert, der den damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf in Bedrängnis gebracht hatte. Und Justizminister Mackenroth berief für die Oberaufsicht der Korruptionsermittlungen ausgerechnet einen Juristen aus Baden-Württemberg – der bei seiner ersten Pressekonferenz auch gleich zu Protokoll gab, er gehe nicht davon aus, dass sich die Vorwürfe gegen die sächsische Justiz bestätigen würden.

Mitarbeit: Tobias D. Höhn

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Leser-Kommentare

    • 05.06.2007 um 17:42 Uhr
    • keox

    so etwas gibt es nur in sachsen

  1. Das erinnert mich an eine Burschenschaft, der fast nur Jurastudenten (männliche) angehörten.Die etwas guruhafte Verehrung ihrer " Ehemaligen " machte mich schon ein wenig stutzig. Ansonsten waren ihre Interessen überschauber. Sie galten hauptsächlich Mädchen und der heimischen Bier-Zapfanlage, die ebenfalls von den "Ehemaligen " finanziert wurde.Bei der Vorstellung diese hätten ein ganzes Dezernat übernommen, wird einem schon ein bischen schwummrig.
    Solche Posten so leichtfertig zu verteilen, erinnert irgendwie an die Mafia oder Schlimmeres.

  2. Warum wurde denn unter Justizminister de Maiziere davon nichts bekannt ( welcher 1990 Angela Merkel ihren ersten Regierungsposten verschaffte, den der stellvertretenden Regierungssprecherin seines von ihm beratenen Cousins Lothar )?

  3. Wirklich?

    Nicht mal Sie koennen so etwas behaupten. Frl Keox. Die Chancen sind 50/50 dass es noch schlimmer ist bei Ihnen (... macht nichts aus, wo Sie zu Hause sind).

    Vielleicht wuerde es Ihnen einfallen, dass solche Ereignisse bekannt werden wo man sie verfolgt, nicht wo man sie vergraben/unter der Decke liegen laesst.

    "Nur in Sachsen...." Eine Zumutung, die mehr den Autor betrifft! Nein?

    • 05.06.2007 um 23:30 Uhr
    • Hirsl

    Hat nicht gerade Sachsen vor einen Jahr sich zum
    Musterschüler in sachen Soligelder empfohlen.
    Peinlich wen jetzt diese Selbstbeweiräucherung nach
    hinten losgeht. Tja Heimatliebe sollte nicht blind machen.
    Da bin ich lieber in Thüringen da wird zwar mehr gestritten
    aber dafür kommts auch auf dem Tisch und dort zeigt man nicht auf andere Bundesländer wie Bremen oder Sachsenanhalt.
    Wer im Glashaus mit steinen wirft........

    • 06.06.2007 um 0:27 Uhr
    • plamen

    Klasse Artikel, nur die ostdeutsche Öffentlichkeit scheint sich für ihre Misäre nicht sonderlich zu interessieren. Morgen läuft in Leipzig eine Demo gegen G8 usw. Offensichtlich sind den Leuten virtuelle Globalisierungprobleme wichtiger, als diese unglaubliche Schande, genannt ExDDR.

    Bleibt nur zu hoffen, dass Herr Staud auch über die aktuellen Kinder-Fussball-Ereignisse in der national befreiten Zone Wurzen berichten wird, und insbesonderes die Frage zu beantworten versucht, warum der Verdummungssender der Ossis, der MDR, nicht mit einem Wörtchen den Vorfall erwähnt.

    • 06.06.2007 um 12:13 Uhr
    • oyan

    Naja in SN hatte man halt noch nicht soviel Erfahrung mit Vertuschung. Das sollte doch nochmal genauer bei den 'Amigos' in BY oder den 'Müllverbrennern' in Köln, NRW nachgeschaut werden. Die haben da schon mehr Erfahrung, wie man Filz und Klüngel, wenn denn schon mal aufgedeckt, geschickt wieder unter den Teppich kehrt.
    Falls in zwei Jahren in TH die CDU abgewählt werden sollte, werden wir vielleicht auch da erfahren, was nicht auf den Tisch kam und hätte diskutiert werden sollen.
    Lassen wir uns überraschen, der nächste Sumpf stinkt schon...

    So long Oyan

  4. schafft es dieser artikel den eindruck zu erwecken, die cdu (der ich nicht angehöre oder sonstige interessen da habe) sei schuld. dabei hat die cdu doch die wadenbeißer vom verfassungsschutz erst losgeschickt.
    ohne die cdu wae das ganze doch gar nicht rausgekommen. die pds und korrupte wessis hätten sich prima vertragen
    und dann wird der "skandal" noch mit kinderporno aufgepeppt (zieht immer). im artikel steht dann dazu gar nix mehr. gut, n´paar wessis haben sich bereichert und
    ihre ämter mißbraucht. aburteilen und schadenersatz verlangen. weitermachen.

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  • Von Toralf Staud
  • Datum 5.6.2007 - 05:35 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 07.06.2007 Nr. 24
  • Kommentare 13
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  • Schlagworte Innenpolitik | Sachsen
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