Archäologie Zeigt her eure Füße!

Aus versteinerten Trittspuren lesen Forscher den Alltag der Dinosaurier

Wenn Marco Avanzini von seiner Arbeit erzählt, tischt er den Leuten gern ein Märchen auf. Und zwar das von Aschenputtel. »Haben wir erst einmal den Schuh gefunden, müssen wir nach dem passenden Fuß suchen«, sagt er und sorgt damit für Heiterkeit. Denn Avanzini ist kein Prinz auf Brautschau, sondern Geologe am Museum für Naturwissenschaften im norditalienischen Trient. Die Schuhe, von denen er spricht, sind keine goldenen Pantoffeln, sondern versteinerte Trittsiegel. Und die Füße, nach denen er in einem Schuttkegel namens Lavini di Marco nahe Rovereto Ausschau hält, gehören nicht schönen Mädchen, sondern »furchterregenden Echsen« – Dinosauriern.

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten, trifft der Vergleich. Denn Spurenkundler wie Avanzini – Ichnologen genannt – versuchen anhand fossiler Fährten das Wesen der Urzeitechsen besser zu verstehen. Waren die Dinosaurier, die vom Ende des Erdzeitalters Trias vor ungefähr 220 Millionen Jahren bis zum Ende der Kreidezeit vor etwa 65 Millionen Jahren lebten, wirklich träge Dumpfbacken, wie man früher glaubte, oder sprintstarke Intelligenzbestien, wie uns Filme wie Jurassic Park weismachen wollen? Zogen sie allein durch die Lande, oder hatten sie eine soziale Ader? Und welche Unterschiede gab es zwischen den Dinosauriern der ersten und letzten Generation?

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An Anschauungsmaterial mangelt es den Wissenschaftlern nicht. Während die Knochen von Dinosauriern selten sind, haben die Urzeitechsen überall auf der Erde – außer in der Antarktis – Zehntausende bleibender Eindrücke hinterlassen. Als die Landmasse, die zu Beginn des Erdmittelalters ein einziger riesiger Klumpen war, allmählich begann, in mehrere Kontinente auseinanderzudriften, und sich in der Folge vielerorts auftürmte, wurden mitunter auch die fossilen Trittsiegel in die Senkrechte gehoben, weshalb es heute oft den Anschein hat, als wären die Dinosaurier leichthin die steilsten Felswände hochgeklettert. Die größte Fundstätte der Welt, Cal Orck’O (zu Deutsch Kalkberg) nahe der bolivianischen Stadt Sucre, wird von dem Schweizer Paläontologen Christian Meyer untersucht, dem Direktor des Naturhistorischen Museums in Basel. Hier sind über 450 Fährten auf einer 72 Grad schrägen, fast 65000 Quadratmeter großen Fläche verewigt.

Für die Forscher bedeutet das: Felshaken einschlagen und sich abseilen, um Fotos zu schießen, Maß zu nehmen und Abdrücke aus Silikon zu machen. »Kein ungefährliches Unterfangen«, sagt Meyer. »Vor allem dann, wenn die Bevölkerung heimlich die Stricke abschneidet, um ihr Hab und Gut damit besser auf den Eseln festbinden zu können. Wir mussten unter Polizeischutz arbeiten.«

Noch vor 25 Jahren schenkte kaum jemand den Spuren aus der Urzeit Beachtung. Den Wissenschaftlern schienen sie wertlos, die Bevölkerung hatte sich längst ihren eigenen Reim darauf gemacht. In der spanischen Region Rioja musste das Pferd des heiligen Jakobus als Erklärung für die seltsamen Spuren herhalten. Im portugiesischen Cabo Espichel war es das Maultier, das die heilige Jungfrau Maria vom Strand zum nahe gelegenen Heiligtum getragen haben soll. Und in Lavini di Marco, wo der Geologe Avanzini forscht, wurden die Dino-Stapfen als Bombenkrater aus dem Ersten Weltkrieg interpretiert. »Dabei ist eigentlich der Unterschied ziemlich eindeutig: Eine Bombe sprengt die Erde beiseite, ein Dinosaurierfuß drückt sie nach außen«, erklärt Avanzini und deutet auf den wulstigen Rand eines 25 Zentimeter tiefen Lochs. »Eindeutig das Trittsiegel eines Sauropoden.«

In einem Crashkurs im Spurenlesen erklärt er, wie man die Abdrücke der wichtigsten Dinosaurier-Gruppen unterscheidet: jene der vogelhüftigen Ornithischier und jene der echsenhüftigen Saurischier, zu denen die fleischvertilgenden Theropoden und die vegetarisch lebenden Sauropoden zählen.

Die pflanzenfressenden Ornithischier, bekannt durch ihre Panzer, Hörner und überdimensionalen Papageienkiefer, liefen – je nach Art – auf zwei oder vier Beinen. Dabei stolzierten sie auf drei bis fünf Zehen und hinterließen im Boden hufförmig rundliche Abdrücke.

Eine ähnliche Fußform hatten die fleischfressenden Theropoden à la Tyrannosaurus Rex mit der furchteinflößenden Fratze, den Stummelärmchen und stämmigen Hinterbeinen. Aber aufgepasst: Ihre drei vorderen Zehen waren mit scharfen Krallen ausgerüstet, weshalb die Abdrücke spitzer aussehen als die der Ornithischier und an Vogelspuren erinnern. Die innerste, vierte Zehe stand wie unser Daumen seitlich ab und wurde nur selten aufgestützt. Die Theropoden marschierten niemals auf vier, sondern immer nur auf zwei Beinen. »Sie sind stolziert wie Models«, sagt Avanzini, »und haben ein Bein vor das andere gesetzt.«

Ganz anders die vegetarische Verwandtschaft der Sauropoden. Sie stampfte in Cowboy-Manier – breitbeinig und klobig. Mit ihrem tonnenförmigen Rumpf, dem meterlangen Schwanz und dem endlos langen Hals brachten sie bis zu 40 Tonnen auf die Waage. Diese Masse mussten sie auf alle viere verteilen. Ihre Füße, die denen von Elefanten glichen, hatten bis zu fünf, gut gepolsterte Zehen. Sicherlich standen die Riesentiere oft stundenlang in der Landschaft und grasten dank ihres langen Halses die Umgebung ab, ohne einen Schritt zu tun. Die Dinosaurier deshalb generell als träge Typen abzustempeln, wie es die Forschung noch vor wenigen Jahrzehnten getan hat, als nur die Knochen des Urgetiers untersucht wurden, hat sich schlichtweg als falsch erwiesen.

Mit einer einfachen Formel – die Konstanten wie die Erdbeschleunigung, die Länge eines Doppelschrittes und die Hüfthöhe des Tieres berücksichtigt – lässt sich die Geschwindigkeit berechnen, mit der ein Dinosaurier unterwegs war, als er dem Boden seinen Stempel aufdrückte. Die Hüfthöhe ergibt sich, wenn man die Länge eines Fußabdruckes – gefunden wurden Schuhgrößen zwischen 3 und 120 Zentimetern – mit dem Faktor 4 multipliziert.

In der Regel hatten es die massigen Wesen nicht sonderlich eilig und spazierten gemächlich durch die Landschaft, »wie wir beim Schaufensterbummel«, sagt Avanzini. Aber wenn sie Grund zur Eile hatten, konnten sie ganz ordentlich Gas geben. Die Sauropoden und Ornithischier erreichten Spitzengeschwindigkeiten von 11 beziehungsweise 20 Kilometer pro Stunde. Die Theropoden beschleunigten sich sogar auf bis zu 35 km/h. »Szenen wie in Jurassic Park, in denen ein Tyrannosaurus Rex dem davonbrausenden Geländewagen hinterherspurtet und ihn mühelos einholt, sind angesichts solcher Zahlen allerdings reiner Humbug«, sagt Christian Meyer und räumt bei dieser Gelegenheit gleich auch mit anderen weitverbreiteten Vorstellungen auf, die ein Zeichen von Fantasie und Wunschdenken sind.

Nein, man könne in den Abdrücken keine Spuren eines urzeitlichen Tête-à-Têtes erkennen, weil sich die Fährten von Männchen und Weibchen kaum unterscheiden ließen.

Und nein, die Abdrücke im Felsen von Cal Orck’O deuteten keineswegs auf blutige Kämpfe hin. »Das ist eine Geschichte, die die örtlichen Touristenführer gern erzählen. Krach verkauft sich eben besser«, sagt Meyer.

Ebenso wenig gebe es Belege dafür, dass die Jungtiere einer Herde von den Erwachsenen schützend umringt wurden, wie gerne behauptet wird. »Wir haben zwar Gruppenabdrücke größerer Tiere und Gruppenabdrücke kleinerer Tiere gefunden – aber nie Alt und Jung gemeinsam«, sagt Meyer. Während die Theropoden eingefleischte Einzelgänger waren, rotteten sich Sauropoden und Ornithischier häufig zusammen, was allerdings nicht auf ausgeprägte Geselligkeit zurückzuführen sei, sondern auf eine wirkungsvolle Verteidigungsstrategie gegen hungrige Angreifer.

Und was hat es mit den angeblichen Menschenspuren auf sich, die bibeltreue Kreationisten im texanischen Glen Rose neben Dinosaurier-Fährten gesichtet haben wollen – und als Beweis dafür heranziehen, dass die Schöpfungslehre wörtlich zu nehmen sei und alle Lebewesen gleichzeitig geschaffen wurden? »Nichts weiter als Abdrücke von Krokodilen«, sagt Meyer. »Der Mensch hat nun mal nicht nur vier Zehen, wie wir sie dort sehen.«

Die Momentaufnahmen, die in den fossilen Trittsiegeln festgehalten sind, mögen nicht so spektakulär sein, wie sie oft dargestellt werden. Fesselnd sind sie allemal. Man sieht ihn geradezu dahertapsen, jenen kleinen Raubsaurier, genannt Johnny Walker, der im bolivianischen Cal Orck’O auf 580 Metern die weltweit längste bekannte Fährte hinterlassen hat. Oder den hinkenden Ornithopoden, der sich in Lavini di Marco mühsam dahinschleppte: einen großen Schritt links, einen kleinen Schritt rechts.

Wann diese Tiere unterwegs waren, lässt sich nur grob schätzen. Mit Hilfe anderer Fossilien und Meeresspiegelschwankungen werden die einzelnen Erdschichten datiert. Ein Unterschied von wenigen Metern kann eine Zeitspanne von 20000 Jahren ausmachen.

Während die Spuren in Lavini di Marco aus Dino-Frühzeiten vor mehr als 200 Millionen Jahren stammen und zu den ältesten Abdrücken weltweit zählen, zeigen die 68 Millionen Jahre alten Trittsiegel aus Bolivien, was bei den Urzeitechsen um fünf vor zwölf los war – kurz bevor ein Meteoriteneinschlag nahe der mexikanischen Halbinsel Yucatán und das kälter werdende Klima sie vor 65 Millionen Jahren für immer auslöschten. Anders als ursprünglich angenommen, nahm die Zahl der Dinosaurier-Arten – etwa 700 sind mittlerweile bekannt – im Lauf der Evolution nicht kontinuierlich ab. Vielmehr konnten in Cal Orck’O so viele verschiedene Spurentypen ausgemacht werden wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Dabei hat sich gezeigt: Selbst in der Wissenschaft können Märchen wahr – und urzeitliche Mauerblümchen zu ansehnlichen Wesen werden. Der zur Ordnung der Ornithischier gehörende Ankylosaurus galt lange Zeit als plumper, gürteltierähnlicher Vierfüßer, bis Christian Meyer kam, seinen Abdruck analysierte und feststellte: Ankylosaurus hatte schmalere Hüften als bisher gedacht »und war genauso flink wie Aschenputtel«.

 
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