Im Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven warnen Plakate vor Eisbären. Eins im Gang, dort eins an der Tür. Sie stammen vom norwegischen Partner, dem Norsk Polarinstitutt, und mahnen, sich vor den leisen weißen Killern zu hüten. Während die Medien ausführlich Knuts Artgenossen als kuschelige Sympathieträger darstellen, tun die Raubtiere in der freien Natur, was sie seit Urzeiten tun: Robben fressen. Gerät ihnen ein Zweibeiner vor die hungrige Schnauze, zerfleischen sie auch ihn. Weil es tote Forscher und Touristen gegeben hat, dürfen Wissenschaftler auf Spitzbergen – wo das AWI eine Station unterhält – nur mit Schusswaffen ins Gelände. Genauso zwingen in der Antarktis große Robbenfresser die Wissenschaftler zur Vorsicht: Seeleoparden. Nach dem Tod einer jungen britischen Forscherin dürfen Taucher nur noch mit Harpunen und im Team die riesige Artenvielfalt im Eismeer erkunden.

Gemeinsam werden Gefahren schneller erkannt und gebannt, sagt Heinz Miller, Vizedirektor des AWI, »und das schweißt zusammen«. Er und seine Kollegen treiben sich berufshalber jedes Jahr monatelang in der gefährlichen polaren Wildnis herum. Trotzdem liegt es Miller fern, wegen der paar Raubtiere Angst und Schrecken zu verbreiten. »Man muss sie kennen und für den seltenen Notfall gewappnet sein.« Punkt. Wer wie Miller an beiden Polen forscht, muss mit Risiken rechnen. Und denen begegnet man am besten mit eingeschworenen Teams.

Daneben erfordern die wissenschaftlichen Missionen der Polarforscher in den unzugänglichen Gegenden der Arktis und Antarktis den Einsatz komplexer Großgeräte: Es war Miller, der sich für Flugzeuge und Helikopter stark machte, um das einst marin geprägte Bremerhavener Institut fit zu machen für Landexpeditionen. Auch mit Eisbrechern (wie dem AWI-Flaggschiff Polarstern) dringen die Forscher in die Eiswüsten vor. Tauchroboter und Bohrgeräte erschließen den Meeres- oder Gletscherboden. Und aus dem All sorgen Satelliten für den Überblick.

Doch die Polarforscher müssen stets mit Unbilden rechnen, denn komplexe Hardware hat ihre Tücken. Ein AWI-Flugzeug geht bei der Landung zu Bruch. Oder der Satellit Cryosat, der endlich Messungen der Eisdicken an den Polen liefern soll, stürzt nach dem Start ab – Miller leitet das deutsche Projektbüro für diese internationale Mission. Nun wird ein neuer Satellit gebaut.

Wer seine Lebenskrisen aufarbeiten will, ist als Polarforscher fehl am Platz

Und dann gerät ein Gast unter schweres Gerät: Ein Journalist wird auf der Neumayer-Station des AWI von einem Raupenfahrzeug erfasst, erleidet schwerste Quetschungen an Kopf und Körper. Die Forscher haben den Bewusstlosen in Rekordzeit vom Südpol auf eine Intensivstation in Kapstadt ausgeflogen. »Er ist inzwischen wieder bei Bewusstsein, und wir hoffen, dass er bei der Rehabilitation weiter Fortschritte macht«, freut sich Miller.

Er und sein Kollege Jörn Thiede, Direktor des AWI, machen seit Jahren die Polarforschung auch in den abgeschiedensten Winkeln für Journalisten zugänglich und damit transparent für die Öffentlichkeit. Unglücke im Forscheralltag werden nicht verschwiegen, aber auch nicht an die große Glocke gehängt. »Wir wollen weder Abenteurer anlocken noch Selbsterfahrung Suchende, die in der Einsamkeit ihre kaputten Beziehungen analysieren möchten«, sagt Miller.

Gesucht sind eher junge, stabile Menschen »etwa nach der Diplomarbeit«, die begeisterungs- und teamfähig sind und sich unprätentiös einfügen. »Wer am Pol mit den anderen Schnee schippt und sich den Arsch abfriert, der unterscheidet nicht mehr zwischen Professor und Hilfskraft mit abgebrochenem Studium«, scherzt Miller. Und er kann nach zehn Grönland- und fünfzehn Antarktisexpeditionen eine stolze Bilanz ziehen: »Die europäische Glaziologie ist inzwischen führend in der Klimaforschung.« Die Fachliteratur bestätigt, dass die Miller-Gruppe im europäischen Konzert ganz vorn mitspielt.

»Natur kennt keine Katastrophen«, sagt Miller. Schaden leidet die Kultur

Da ihre 15 Mitglieder die kollektive Begeisterung über das Klimaforschen im ewigen Eis nicht unter der Decke halten und seit Jahren in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, in Interviews oder Auftritten in Radio, Fernsehen und Internet vorbildliche Öffentlichkeitsarbeit leisten, erhält das Team nun auch den angesehenen Communicator-Preis. Verliehen wird die Auszeichnung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, das Preisgeld beträgt 50.000 Euro.