Sechstagekrieg Furcht und Sieg

Am 4. Juni 1967 fiel der erste Schuss des Sechstagekrieges. Tom Segev beschreibt, wie es zu diesem Krieg kam und welche Folgen er für Israel und die gesamte Nahost-Region hatte.

Der Nahostkrieg, der am 5. Juni 1967 begann, währte nur sechs Tage, aber er hat eine lange Vorgeschichte. Die diplomatischen und militärischen Hintergründe sind bereits detailliert analysiert und untersucht worden. Wer aber verstehen wolle, wie es zum Ausbruch der Kampfhandlungen gekommen sei, argumentiert Tom Segev, müsse sich eingehend mit den Israelis selbst beschäftigen. In seinem umfassenden Buch beschreibt der Jerusalemer Historiker und Journalist die doppelte Furcht, die sie am Vorabend des Krieges erfasst hatte.

1967 leben nur knapp über 2,3 Millionen Juden und etwas mehr als 300000 Araber im Land. Der Holocaust liegt erst zwei Jahrzehnte zurück. Auf die blühende Entwicklung nach der Staatsgründung folgt 1966 eine tiefe Wirtschaftskrise; die Einwanderung geht drastisch zurück. Zehntausende kehren ihrer neuen Heimstätte dauerhaft den Rücken. Die bis dahin dominierende europäische Kultur wird durch den Zustrom von jüdischen Immigranten aus arabischen Ländern bedroht, was zu sozialen Spannungen führt. Die Identitätskrise stellt den Israelischen Traum infrage. Auf einmal ist es mit dem Gründeroptimismus vorbei.

Anzeige

Der Frieden scheint unerreichbar. »Die klischeehafte Wahrnehmung Israels als ein von Feinden umgebenes Land entsprach der Wirklichkeit und spiegelte ein Gefühl des Eingeschlossenseins wider«, schreibt Segev. In den achtzehn Monaten vor dem Krieg wird mindestens einmal pro Woche ein Anschlag verübt. Die Terroristen von Fatah sickern aus Syrien und Jordanien ein. Am 7. April 1967 schießt die israelische Luftwaffe als Reaktion auf derartige Infiltrationen sechs Maschinen der syrischen Luftwaffe ab. Weitere israelische Warnungen erwecken den Eindruck, Israel stehe kurz vor einem Angriff auf Syrien, das mit Ägypten einen Beistandspakt im Verteidigungsfall geschlossen hat. Mitte Mai lässt der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser Truppen im Sinai aufmarschieren.

Am 22. Mai 1967 spitzt sich die Lage zu. Nasser lässt die Straße von Tiran für den Schiffsverkehr sperren und blockiert damit den Hafen von Eilat, einen Knotenpunkt für Israels Wirtschaft. Die Blockade wird untermauert von Nassers Hassparolen in den Medien (»Eure Führer werden euch nicht helfen. Sie werden einen Holocaust über euch bringen!«). Die israelische Bevölkerung bricht in Panik aus. Anders als das Kabinett, wo endlos diskutiert wird, ist sie davon überzeugt, dass der Krieg unvermeidlich sei. Die Tel Aviver Cafés verwandeln sich über Nacht in Blutspendestationen; Studenten heben Schützengräben aus. Am 30. Mai fliegt König Hussein nach Kairo und unterzeichnet einen ägyptisch-jordanischen Verteidigungspakt. Je früher man zum Schlag aushole, drängeln nun die israelischen Militärs immer ungeduldiger, desto geringer würden die Verluste sein. Am Ende gibt der zögerliche Regierungschef Levi Eschkol nach. Israel sei zu schwach gewesen, um nicht in den Krieg zu ziehen, lautet Segevs Urteil.

Der erste Schuss fällt am 4. Juni in Jerusalem – aus einem jordanischen Gewehrlauf. Am nächsten Morgen zerstören israelische Flieger fast die gesamte ägyptische Luftwaffe. Nach sechs Tagen kontrolliert Israel Gaza-Streifen, den Sinai, Ostjerusalem, das Westjordanland und die Golanhöhen. Segev rekonstruiert die Eigendynamik des Kriegsführung und die Euphorie über die schnellen Siege. »Während der Krieg mit Ägypten auf Israels Demoralisierung und ein Gefühl der Hilflosigkeit zurückzuführen war, drückten sich im Kampf gegen Jordanien und Syrien Machtstreben und messianischer Eifer aus.« Am Ende gibt es 800 israelische Gefallene, weit weniger als befürchtet – und ein großes Fragezeichen: Was soll mit den besetzten Gebieten geschehen?

Niemand hatte sich damals vorgestellt, dass die Auseinandersetzungen darüber auch noch vierzig Jahre später andauern würden. Aber, so Segev, »es gibt wahrscheinlich keine Idee, die nicht schon im Juni 67 am Kabinettstisch zu hören war«.

Leser-Kommentare
  1. Wir hatten auch mal einen der den ersten Schuss nach Polen legte ".......ab heute wird zurückgeschossen".
    Und mit einem Schuss was zivilrechtliche und strafrechtliche folgen haben muss einen Angriffskrieg zu verteidigen .......

  2. Ich finde es bedenklich, mit welcher Einfachheit der damalige israelische Ministerpräsident als "zögerlich" und "schwach" abgekanzelt wird. In einer äußerst interessanten Dokumentation des belgischen Senders "la deux" am vergangenen Sonntag wurde anderes berichtet: Eschkol war nicht zögerlich, sondern ein entschiedener Gegner des Krieges und hat das dem israel. Generalstab gegenüber auch laut und deutlich vertreten. Dass sich eine, mit europäischen Nachkriegsmaßstäben gemessen, durchmilitarisierte Gesellschaft in einer solchen Situation einem General (Mosche Dajan) an den Hals wirft, kann man Eschkol demnach nicht vorwerfen. Und dass er das Problem der Besatzung schon im Vornherein erkannt hat, zeugt in jedem Fall von politischer Weitsicht. Letztendlich ist es tragisch, dass er sich nicht hat durchsetzen können. Aber ich möchte schon gern den politisch-zivilen Führer sehen, der das in einer ähnlichen Situation geschafft hätte. In jedem Fall, scheint es mir, hat der Mann ein historisch gerechtes will sagen differenziertes Urteil verdient.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service