Sechstagekrieg Furcht und SiegSeite 2/2
Anhand von neu freigegebenem Archivmaterial, von Briefen, Tagebüchern, Interviews wirft der Autor einen kritischen Blick zurück. Eindringlich zeichnet er die Porträts der Entscheidungsträger, die vor, während und nach dem Krieg oft mehr gegeneinander als miteinander um einen gemeinsamen Kurs rangen. Dabei stand die neue israelische Generation, die hebräisch dachte, der jiddisch denkenden Gründergeneration skeptisch gegenüber. Die offensive Mentalität der Sabra-Krieger wie Jitzhak Rabin prallte auf die zurückhaltende »Diaspora-Psychologie« der aus Osteuropa stammenden Führungsfiguren, die teilweise 30 Jahre älter waren.
Zu den Letzteren gehörte der schwache Ministerpräsident Eschkol, der wegen seiner Zögerlichkeit oft verspottet wurde. Er bremste und zögerte den Krieg hinaus und war sich auch im Klaren, dass »durch eine Besetzung des Westjordanlandes eine Million Palästinenser unter israelische Herrschaft geraten würde, was deren nationale Identität stärken und den jüdischen Charakter des Staates gefährden würde«. Widersetzt hatte er sich nicht, weil er die besetzten Gebiete als Faustpfand sah, um einen Frieden zu erreichen, der den Israelis einen günstigeren Grenzverlauf und den Zugang zur Klagemauer bescherte. Dass der bewunderte Staatsgründer und Übervater David Ben Gurion, der schon nicht mehr in der Regierungsverantwortung stand, zu den entschiedenen Kriegsgegnern gehört hatte, wussten die wenigsten Israelis. Doch nach dem Sieg wollte auch er sich nur mehr ungern daran erinnern.
Auf die Untergangsstimmung vor dem Krieg folgt der Siegesrausch danach. Dass sich plötzlich das ganze Land auf den Beinen befindet, um die »eroberten« Gebiete zu besuchen, befriedigt das Bedürfnis, aus der bisherigen Enge auszubrechen. Viele Israelis entdecken aber auch ihre jüdischen Wurzeln. Über eine Rückgabe von Ostjerusalem wird nicht mehr gesprochen. Die Einnahme gilt als »Korrektur« eines historischen Fehlers. Was das Westjordanland und den Gaza-Streifen angeht, gibt man sich, solange eine politische Lösung noch aussteht, der Illusion von einer »aufgeklärten Besatzung« hin.
Doch das erweist sich schon bald als Fehleinschätzung. Der Terror der Palästinenser geht weiter. Israels Friedensangebote an Kairo und Damaskus – im Austausch gegen den Sinai und die Golanhöhen – scheitern. Im August 1967 sagen die arabischen Außenminister in Khartoum gleich drei Mal Nein zu Israel: kein Frieden, keine Anerkennung, keine Verhandlungen.
Tom Segev denkt an mancher Stelle darüber nach, ob der Krieg zu vermeiden gewesen wäre. Bei einem Geheimtreffen mit dem Chef des israelischen Ministerpräsidentenbüros, Jáakov Herzog, behauptete König Hussein wenige Monate später, Israel hätte Nassers Erklärungen nicht ernst nehmen sollen: »Bei den Arabern haben Worte nicht das gleiche Gewicht wie bei anderen Leuten. Drohungen haben nichts zu bedeuten.« Es ist schade, dass es kein Pendant zu diesem Buch gibt, das mit ebenso schonungsloser Offenheit einen Einblick in das Denken der damaligen ägyptischen Führung vermitteln könnte.
1967Israels zweite Geburt; aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Hans Freundl und Enrico HeinemannTom SegevPolitisches BuchBuchSiedler Verlag2007München28,-796- Datum 22.04.2008 - 04:37 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 07.06.2007 Nr. 24
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Wir hatten auch mal einen der den ersten Schuss nach Polen legte ".......ab heute wird zurückgeschossen".
Und mit einem Schuss was zivilrechtliche und strafrechtliche folgen haben muss einen Angriffskrieg zu verteidigen .......
Ich finde es bedenklich, mit welcher Einfachheit der damalige israelische Ministerpräsident als "zögerlich" und "schwach" abgekanzelt wird. In einer äußerst interessanten Dokumentation des belgischen Senders "la deux" am vergangenen Sonntag wurde anderes berichtet: Eschkol war nicht zögerlich, sondern ein entschiedener Gegner des Krieges und hat das dem israel. Generalstab gegenüber auch laut und deutlich vertreten. Dass sich eine, mit europäischen Nachkriegsmaßstäben gemessen, durchmilitarisierte Gesellschaft in einer solchen Situation einem General (Mosche Dajan) an den Hals wirft, kann man Eschkol demnach nicht vorwerfen. Und dass er das Problem der Besatzung schon im Vornherein erkannt hat, zeugt in jedem Fall von politischer Weitsicht. Letztendlich ist es tragisch, dass er sich nicht hat durchsetzen können. Aber ich möchte schon gern den politisch-zivilen Führer sehen, der das in einer ähnlichen Situation geschafft hätte. In jedem Fall, scheint es mir, hat der Mann ein historisch gerechtes will sagen differenziertes Urteil verdient.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren