Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen. Das sind Worte, die leidenschaftliche Zustimmung finden, denn sie handeln von unserer Würde und unserem Glück. Doch was bedeuten sie eigentlich?

Wir möchten in Einklang mit unseren ganz eigenen Gedanken, Gefühlen und Wünschen leben. Wir möchten nicht, dass uns jemand vorschreibt, was wir zu denken, zu sagen und zu tun haben. Keine Bevormundung durch die Eltern, keine verschwiegene Tyrannei durch Lebensgefährten, keine Drohungen von Arbeitgebern und Vermietern. Niemand, der uns zu tun nötigt, was wir von uns aus nicht möchten. Kein äußerer Zwang also und keine Entfremdung. Am selbst gewählten Ort in der ganz eigenen Zeit tun, was man möchte. Diese Sehnsucht ist groß, die Tagträume beweisen es.

Doch manchmal verzichten wir freiwillig darauf, unsere Wünsche zu verwirklichen. Das ergibt sich aus der Art, wie wir uns von Person zu Person begegnen. Solche Begegnungen beruhen auf wechselseitigen Erwartungen: Wir erwarten, dass die Anderen bestimmte Dinge tun und dass auch sie das von uns erwarten. Und dazu gehört die moralische Intimität, in der wir mit den Anderen leben: unsere wechselseitige Erwartung, dass wir Rücksicht nehmen und auf die Erfüllung von Wünschen verzichten. Hier sind es nicht meine eigenen Bedürfnisse, die mich bestimmen, sondern die fremden. Bedeutet das nicht einen Verlust an Selbstbestimmung?

Wenn wir es nicht so erleben, dann deshalb, weil wir noch eine andere Art kennen, in der wir über uns bestimmen können. Sie hat mit unserem Selbstbild zu tun – mit der Frage, wer wir sein wollen. Wir haben die Fähigkeit, eine innere Distanz zu unseren Gedanken, Gefühlen und Wünschen aufzubauen, sie zu prüfen und zu bewerten: Mit welchen von ihnen sind wir einverstanden? Welche möchten wir lieber nicht haben? Wie viel Raum möchten wir den Bedürfnissen der Anderen geben? Und dann können wir versuchen, unser Erleben und Tun mit dem Selbstbild zur Deckung zu bringen. Selbstbestimmt in diesem Sinne ist jemand, dem es gelingt, so zu sein, wie er sich gerne sieht. Wie kann das gelingen?

Es gibt keine Wahl vom Nullpunkt. Bevor wir so weit sind, dass wir uns ein Bild von uns machen und das Leben daran messen können, sind tausendfach Dinge auf uns eingestürzt und haben uns geprägt. Diese Prägungen bilden den Sockel für alles Weitere, und über diesen Sockel können wir nicht bestimmern. Doch das macht nichts, denn das Gegenteil wäre ohnehin nicht denkbar: Derjenige, der am Nullpunkt stünde, könnte sich nicht selbst bestimmen, denn er hätte noch keinen Maßstab. Was also kann es heißen, Einfluss auf sich selbst zu nehmen?

Wir können uns fragen, ob wir das Richtige denken oder in bloßen Vorurteilen befangen sind. Wir können nach Belegen suchen, uns korrigieren und so über uns bestimmen. Wir können prüfen, ob wir mit den Wünschen einverstanden sind, die uns bisher in Bewegung gesetzt haben: mit dem Wunsch nach Erfolg etwa oder nach Macht. Wir können gegensteuern und uns selbst Hindernisse in den Weg legen, um unserem Selbstbild ähnlicher zu werden. Auch an den Gefühlen können wir arbeiten: an einer Angst etwa, einem Groll oder einer Eifersucht. Und das Selbstbild ist seinerseits im Fluss: Manchmal geht es nicht darum, sich einem solchen Bild zu beugen, sondern eine versklavende Vorstellung von sich selbst über Bord zu werfen.