Mein Freund Anton kaufte sich den Stuhl „La Chaise“ – das konnte nur zwei Dinge bedeuten. Anton hatte sich verliebt; oder er war einsam. La Chaise ist schließlich nicht irgendein Stuhl – sondern die Form gewordene Verführung, Erotik ohne Kompromisse. Der amerikanische Designer Charles Eames hat ihn 1948 gemeinsam mit seiner Frau Ray entworfen. Einen Eames-Chair kauft man nicht einfach so. Ein Eames-Chair ist ein Statement.

Der Stuhl ist für etwas mehr als 5000 Euro bei Vitra zu haben. Das Geld, das wusste ich, war Anton egal; er hatte sich dieses Stück gekauft, um eine Leerstelle in seinem Leben zu füllen.

Anton ist eigentlich niemand, der sein Leben mit einer Lounge verwechselt. Er hat eine helle Wohnung, die mit schlichten italienischen Möbeln eingerichtet ist: einem kantigen Holztisch mit Stühlen in Orange; einem beige Sofa mit schweren Kissen; keinem Teppich, dafür grauem Granitfußboden. Was also sollte dort dieser La Chaise, mehr Skulptur als Sitzgelegenheit, ein lasziv hingegossenes Möbel mit einem frivolen Loch in der Sitzschale?

Anton ist zu groß, um auf diesem Stuhl zu liegen oder zu sitzen; er hat es einmal versucht, und es war nicht einfach, ihn wieder aus der Horizontalen zu befördern. Hier, dachte ich, als ich ihn dort so liegen sah, ist mal ein Möbelstück, mit dem man tatsächlich seinem Leben eine andere Richtung geben kann: Die Form ist fließend, der Sitz fast schwebend, das Eichenholz der Füße wie ein Zugeständnis an die Schwerkraft, wie das Zitat einer Natur, die dieser Hypermoderne einen rustikalen Reiz mitgab.

La Chaise war eines der ersten Sitzmöbel aus Plastik, zu aufwendig für die Zeit, in der es entstand. Eine Hartschale für jedes Haus, das war damals die Botschaft, als Amerika noch eine unschuldige Vorstellung von der Zukunft hatte. Doch von der Idee einer demokratischen Bestuhlung für die Massen ist nichts geblieben. Heute sind Eames-Möbel etwas für die Kennerschaft der kulturellen Elite.

Anton jedenfalls ist wenig später zu seiner Frau zurückgekehrt, die er vor einiger Zeit verlassen hatte. La Chaise steht zwar immer noch in der Wohnung, aber in die Ecke gerückt, wie die Erinnerung an ein anderes Leben. Anton hat sich einen anderen Stuhl des Ehepaares Eames gekauft, den Lounge Chair mit seinem schweren schwarzen Leder, dem runden dunklen Holz und natürlich die Ottomane, auf den man die Füße betten kann.

Mein Freund hat sich entschieden, für ein Leben, das weniger schwebend ist, aber dafür bequemer. Ich will das gar nicht kritisieren; ich finde nur, dass La Chaise der schönere Stuhl ist.