Er war ein Kind des Kriegs. Zwar lag die Front weit entfernt, aber da sein Vater zum Militär eingezogen wurde, während seine Mutter schwanger war, spürte der kleine Junge die Kriegsfolgen von Geburt an. Die Mutter, selbst noch Teenager und überfordert als Alleinerziehende, reichte ihn herum bei Verwandten. Den Vater sah er zum ersten Mal, als der – drei Jahre später – zurückkehrte, ein zwiespältiges Erlebnis für den Knirps: »Eines Tages tauchte mein Vater auf, wie ein Fremder. Ich hatte Angst vor ihm. Und auf dem Weg zurück nach X, als ich aufgeregt herumschrie, schlug er mich.« Auch für den Vater muss es ein beklemmender Moment gewesen sein, wenngleich seine Erinnerung freundlicher klingt: »Ich war sehr nervös…Als ich ihn sah, trug er ein T-Shirt, kurze Hose und Sandalen. Und ich dachte: Dieser kleine Junge hier, das ist mein Sohn! Er war mir gegenüber sehr schüchtern. Ich breitete meine Arme aus und ging auf ihn zu, um ihn zu umarmen.«

Wie auch immer die Vater-Sohn-Annäherung tatsächlich verlief – das Verhältnis blieb belastet. Der Vater, vom Armeedrill geprägt, kam mit der neuen Rolle als Familienoberhaupt anfangs kaum klar, fasste beruflich nirgends Fuß und ließ seine Launen am Sohn, später auch an dessen zwei jüngeren Brüdern aus. Zwei Töchter, die noch geboren wurden, gab man gleich zur Adoption frei. Die Mutter flüchtete nachts in Bars und auf Partys und starb schließlich an Leberzirrhose. Da war ihr Ältester gerade fünfzehn und ein Junge, der früh gelernt hatte, allein zurechtzukommen und sich gern in eine Fantasiewelt davonträumte: »Als Kind habe ich immer Szenen auf Planeten gemalt, ›Sommernachmittag auf der Venus‹ und so was. Ich wollte nie zum Mond, ich wollte zur Venus und zum Saturn.«

Statt bei der Raumfahrt landete er bald bei der Musik. Nachdem er sein ureigenstes Instrument gefunden hatte, gab es auf der Welt nichts für ihn, was wichtiger war. Vorübergehend brachte die neu entdeckte Leidenschaft sogar Vater und Sohn einander näher, als sie gemeinsam musizierten. Dann aber ging der Sohn seinen Weg allein weiter. Später sollte er sagen, dass das Spielen eine Art »persönliches Tagebuch« sei, ein Ventil für Gefühle und Stimmungen. Und wer ihm zuhörte und zusah, erkannte, dass das Instrument wie ein Teil von ihm war – ein Teil seiner Seele.

Von morgens bis abends saß er und übte, entlockte dem Klangkörper bis dato ungewohnte Töne. Bald fing er an, in Clubs aufzutreten; anfangs als Backgroundmusiker, dann mit einer Band, die seinen Namen trug. Inzwischen hatte er die Stimme als zweites Instrument entdeckt, interpretierte alte und neue Songs auf unverwechselbare Art. Sein Vater, der wieder verheiratet war und zu dem er nur selten Kontakt hatte, erzählte später: »Sein erstes Album hat er mir nicht geschickt…wir hatten sehr hellhörige Wände, und als ich die Musik von nebenan hörte, sagte ich zu meiner Frau: Hey, das klingt nach ihm… Als meine Nachbarn herausfanden, dass ich sein Vater war, haben sie mir die Platte geschenkt.«

Sie sollte den Sohn auf Anhieb bekannt machen. Weltberühmt aber machten ihn die Liveauftritte. Auf der Bühne, so schien es, kehrte er sein Innerstes nach außen, spielte, sang, provozierte, bezauberte und verführte – ein einzigartiger Künstler, ein erotischer Urknall, ein Mythos bis heute. Leider konnte er, wie auch andere große Talente seiner Generation, den Ruhm nur kurz genießen.

Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 23:
Annette Freiin Droste zu Hülshoff (1797 bis 1848) war auf dem letzten Zwanzigmarkschein abgebildet. Bekannt wurde sie mit der »Judenbuche«. Ihr Gedicht »Der Knabe im Moor« beeindruckte Ferdinand Freiligrath. Wilhelm Grimm war angetan von ihrer Kenntnis zahlreicher Volksmärchen. Adele Schopenhauer zeigte sich begeistert von ihr. Erst als sie sich selbst zu alt fand, begegnete sie dem Seelenfreund Levin Schücking