Italien Das verkaufte Dorf
Wo sind denn hier die Bewohner? Im verlassenen toskanischen Ort Castelfalfi baut die TUI ihr teuerstes Resort
Wenn meine Scheibenwischer nicht so schlapp wären, sähe ich vielleicht schon etwas von Castelfalfi, oben auf dem Berg. Dem TUI-Dorf. Dem größten Tourismusprojekt der Unternehmensgeschichte, dem »investimento kolossal«, wie die Italiener finden, dem dicksten Klops in der Toskana. Toskana? Das sieht hier aus wie im Sauerland. Es ist regengrau, es ist düster, es geht endlos durch den dunklen Wald. Das Thermometer zeigt vier Grad.
Hier muss es sein. »Tenuta di Castelfalfi« steht auf dem großen weißen Schild, »Benvenuto, welcome, willkommen«. Geschafft. Rechts liegt eine Trattoria der Kategorie camionisti – Fernfahrertreff. Draußen weiße regenfeste Plastikstühle, dann Alufenster mit blickdichten Gardinen und dahinter wahrscheinlich große Portionen. Aber dazu später. Rosanna Toschi wartet, die TUI-Beauftragte für Castelfalfi. Im einzigen Hotel am Ort, hat sie gesagt. Scheibenwischer Stufe drei. Ich finde das Hotel, einen schmucklosen Bau mit Natursteinfassade. Ich finde den Parkplatz. Der ist auch nicht zu übersehen, er hat nämlich eindeutig Übergröße. Der überdachte Eingang liegt leider auf der anderen Seite.
Rosanna Toschi ist eine kräftige, energisch wirkende Mittvierzigerin mit einem breiten Lächeln. Sie trägt einen langen roten Rock und trotz der Kälte keine Strümpfe. Zur Begrüßung hält sie einen kleinen Vortrag über die Vorzüge der biologischen Landwirtschaft. Über die Olivenbäume und Rebstöcke, die zum Dorf gehören und damit jetzt auch der TUI. »Sie können sich nicht vorstellen, wie unsere Erntemaschinen aussahen«, sagt augenrollend Signora Toschi. Ich nicke stumm. Da ruft sie schon, ohne Luft zu holen: »Und die Rinderställe! Das machen wir alles neu. Dabei helfen uns die Agraringenieure von der Uni in Pisa!«
Ich bin verwirrt. Die TUI hat ein Dorf in der Toskana gekauft, um es für Urlaub auf dem Bauernhof herzurichten? 250 Millionen Euro für Olivenöl, Chianti und ein paar saftige Beefsteaks?
Monaco passte fünfmal auf das Gelände. Der Vatikan 25-mal
Nein, nein, sagt Rosanna Toschi lachend. So sei das natürlich nicht gemeint. »Ich zeige Ihnen erst mal alles.« Ihr Auto hat eindeutig die besseren Scheibenwischer. So kann ich das Dorf sehen und zähle 16 Häuser. Alte Häuser aus Tuffstein, alle mit geschlossenen Fensterläden. Eine schöne romanische Kirche, ebenfalls Tuffstein, mit einem Rosengarten davor. In den Rosenblättern hängen dicke Tropfen. »Das Dach ist ausgerechnet zu Weihnachten eingestürzt«, berichtet Signora Toschi. »Die TUI bezahlt jetzt ein neues.« Das wird den Pfarrer freuen, oder? »Es gibt keinen Pfarrer. Es gibt ja auch keine Gemeinde. Hier wohnt niemand mehr, wissen Sie. Außer ein paar Städtern, die hier Wochenendwohnungen haben. Die hat die TUI nicht mitgekauft.« Ein Geisterdorf? »Genau. Aber ohne Geister natürlich.«
Wir sind schnell am anderen Ende. Für Castelfalfi braucht man im Auto exakt drei Minuten, zu Fuß wahrscheinlich auch nicht viel mehr. Die einzige Straße endet unter einer Burg. Trutzig sieht sie aus, riesig und verschlossen. »Von hier aus dominierten die Feudalherren das Tal«, erklärt die Frau von der TUI. Rechts liegt eine Terrasse. Dahinter die Toskana.
- Datum 07.06.2007 - 05:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.06.2007 Nr. 24
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die Behauptung in dem Artikel
Zitat:
So wehrte sich in Monticchiello bei Pienza erfolgreich eine von Intellektuellen geführte Bürgerinitiative gegen eine neue Ferienwohnungssiedlung...
ist leider falsch, oder Wunschdenken.
Es wird munter tagtäglich an den fast fertigen Häusern weiter gebaut!
Kiel, den 17.Juni 2007
Karl-Heinz Haenel
Journalist
Paradies-Italien.de
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