Robotik Der digitale Kopilot
Wecken, warnen, selbst bremsen: Schon die heutigen Autos machen vieles aus eigenem Antrieb. Sie sind vollgestopft mit intelligenten Assistenzsystemen
Schon heute sind Vollautomaten erfolgreich auf Achse: auf der Schiene und in abgesperrten Straßenbereichen. Eine automatische »Sky Line« transportiert auf dem Flughafen Frankfurt seit Jahren Passagiere von Terminal zu Terminal. Fahrerlose U-Bahnen verkehren in Lyon, Paris, London und von 2008 an auch in Nürnberg. Im Werksbereich zuckeln menschenleere Lkw entlang eines im Asphalt eingelassenen Transponderdrahtes oder werden über GPS gesteuert. Solche Systeme findet man zum Beispiel im Hamburger Hafen. In der Landwirtschaft halten Mähdrescher dank GPS schon seit Längerem allein auf dem Feld die Spur, der Fahrer muss am Ende jeder Bahn nur noch wenden. Die neue Generation von Landmaschinen düngt automatisch dort, wo es nötig ist, und spritzt Gift nur da, wo traditionell Unkraut wächst.
Selbst im öffentlichen Straßenverkehr geschieht heute vieles ohne menschliches Zutun. Aus juristischen und psychologischen Gründen spricht man allerdings nicht von Automatik, sondern von »Assistenzsystemen«. Sensortechnik, die Rechengeschwindigkeit der Bordcomputer und die Navigation über GPS erlauben mittlerweile eine automatische Abstandsregelung, vollautomatisches Einparken und – in vielen Lkw schon aktiv – eine Überwachung des Kurses. Gerät das Fahrzeug aus der Spur, meldet sich aus der linken oder rechten Lautsprecherbox ein ratterndes Geräusch, das an das Überfahren eines Nagelbandes erinnert.
Weil der Eingriff eines autonomen Fahrzeugs in die Chauffeurs-Souveränität allerdings von vielen Autofahrern als entmündigend erlebt würde, konzentrieren sich die Entwickler derzeit weniger auf das fahrerlose Auto, umso mehr aber auf die Überwachung des fehlerbehafteten Menschen selbst: Der Lexus LS 460 etwa beobachtet mittels winziger Kameras den Fahrer. Hat das Auto den Eindruck, sein Fahrer sei abgelenkt, ruft es ihn mit schrillem Piepen zur Ordnung – oder weckt ihn.
Dennoch liefert sich der Lexus-Hersteller Toyota mit Mercedes-Benz längst einen heimlichen Wettbewerb um das erste vollautomatische Auto. Die Japaner haben im Moment die Nase vorn: Der Lexus LS 460 kann unter bestimmten Bedingungen praktisch völlig selbstständig fahren und bleibt zum Beispiel automatisch in der Spur – zwei Kameras behalten die Fahrspurmarkierungen im Blick. Ohne menschliches Zutun hält das Auto auch den korrekten Sicherheitsabstand zum Vordermann. Droht ein Auffahrunfall, so alarmiert es den Fahrer. Wenn der nicht reagiert, bremst es selbsttätig mit etwa der Hälfte der maximalen Bremskraft.
Der Autozulieferer Bosch arbeitet an der zweiten Generation des Abstandskontrollsystems, das bei Bedarf das Auto auch völlig abbremst, um die Unfallfolgen wenigstens abzumildern. Automatisch voll in die Eisen bis zum Stillstand gehen bisher nur die Trucks von Mercedes sowie einige Modelle von Honda – allerdings aus juristischen Gründen bisher nur in Japan. Toyotas Systeme erkennen Fußgänger auf der Straße und leiten so besonders früh die Automatikbremsung ein.
Die mit »Distronic plus« ausgestattete S-Klasse von Mercedes wiederum bietet sich für verstopfte Autobahnen an: Sanft stoppt sie beim Stauende. Siemens arbeitet an einem Stop-and-go-Assistenten, der das permanente Anfahren und Abbremsen im morgendlichen Stau komplett übernimmt. Dann könnte der menschliche Chauffeur endlich ganz entspannt die Beine aus dem Fenster hängen lassen.
- Datum 13.06.2007 - 07:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.06.2007 Nr. 25
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