Robotik Intelligenz ans Steuer

Deutsche Forscher entwickeln das Auto, das sich selbst fährt. In dieser Woche stellen sie sich der weltweiten Konkurrenz

Mark Simon ist sehr gelassen dafür, dass er gerade offensichtlich sein Leben riskiert. Denn der Platz hinter dem Steuer des Dodge Caravan, in dessen Passagierraum Simon sitzt, ist leer. Und der Wagen beginnt auf einmal zu rollen, wird immer schneller, hält direkt auf eine Kurve zu. Noch könnte Simon reagieren, sich nach vorn werfen, nach dem Lenkrad greifen. Doch er tut nichts. Während der Minivan ganz korrekt von allein in die Kurve geht, beugt sich Simon seelenruhig über seinen Laptop.

Der Informatiker ist nicht lebensmüde, auch wenn es tatsächlich keinen Fahrer gibt. Denn das Auto fährt sich selbst. Vier Pentium-Prozessoren, stoßfest verschraubt im Kofferraum, steuern über eine spezielle Software Elektromotoren, die Gas, Bremse und Lenkung bedienen. 3-D-Laserscanner an den Stoßstangen, Videokameras auf dem Dach und ein GPS-Navigationssystem, das auf den Meter genau arbeitet, erfassen die Umgebung, melden dem Computerpiloten, wenn der Van die Fahrbahn zu verlassen droht, und warnen vor Hindernissen: Eine Baustellenabsperrung auf der Fahrspur umfährt der Dodge souverän.

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Nur das Blinken hat er vergessen. Sonst wirkt es fast, als könne der Van nun mühelos die eingezäunte Teststrecke in Berlin-Lichterfelde verlassen und Simon durch den einsetzenden Berufsverkehr nach Hause chauffieren. Ist Informatikern der Freien Universität Berlin endlich das gelungen, wovon nicht nur Technikfreaks träumen – ein intelligentes Auto? Eins, das ganz von selbst fährt, während der Fahrer schläft, fernsieht oder nach ein paar Glas Rotwein beim Italiener selig die Arme verschränkt und auf Autopilot schaltet?

»Wir sind noch nicht ganz so weit«, lächelt Raúl Rojas, Leiter der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz an der FU Berlin. Spirit of Berlin, so ambitioniert haben die Forscher des Fachbereichs Informatik ihren Van getauft, muss in den nächsten Monaten noch kräftig lernen: dass man auch schneller als 30 fahren kann. Was ein Stoppschild ist. Wie man sich verhält, wenn es noch andere Autos gibt, die sich obendrein, anders als Baustellenabsperrungen, unberechenbar bewegen. »Bis Ende des Jahres hat er das drauf«, sagt Rojas.

Wenn alles gut geht, soll Spirit of Berlin im November auf einem abgeschirmten, noch geheimen Militärgelände irgendwo in den USA beweisen, was er wirklich kann. Dann werden Forscherteams aus aller Welt ihre fahrerlosen Autos auf einem 60-Meilen-Parcours um die Wette fahren lassen, der mit Straßen, Kreuzungen und anderen Autos ziemlich realistisch städtischen Straßenverkehr simuliert. 58 Teams haben es gerade in die Vorrunde der Urban Challenge geschafft und müssen sich nun von Mitte Juni an bei Tests in den USA weiterqualifizieren. Darunter sind vier deutsche: neben Rojas’ »Team Berlin« das Team »CarOLO« von der TU Braunschweig, das »Team-LUX« eines Herstellers für Lasertechnologie und das »Team Annie Way« vom deutschen Sonderforschungsbereich Kognitive Automobile.

Veranstalter des Rennens ist die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), jene Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums, die sich heute vor allem der Bekämpfung des Terrorismus widmet, der die Welt unter anderem aber auch das Internet verdankt. Die Urban Challenge ist bereits der dritte DARPA-gesponserte Wettbewerb für Roboterbodenfahrzeuge ohne menschlichen Fahrer, und die US-Militärs haben bei Wissenschaftlern, Technologieherstellern und Autokonzernen einen wahren Forschungsboom angestoßen. »Das Wachstum in diesem Bereich ist phänomenal, und die Verbesserung der Fahrzeugfähigkeiten ist dramatisch«, sagt DARPA-Leiter Tony Tether.

Nicht nur wegen der ausgelobten Preisgelder in Höhe von insgesamt 3,5 Millionen US-Dollar für die schnellsten drei Selbstfahrer: Wer Ende des Jahres ein Fahrzeug mit überlegenen Fähigkeiten präsentieren könnte, eine Technik, die ohne den emotionalen, fehlerhaften menschlichen Fahrer auskäme, der brauchte sich um weltweites Interesse der Autoindustrie nicht zu sorgen.

Leser-Kommentare
  1. Mit GPS und Vollnavigation könnte mein Astra mich schon alleine von der Disco nach Hause fahren.

    Es wird Zeit, dass was wird.

    Gut Schnell Billig?
    Ich liefere 2 von 3.

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