Anlagebetrug Täter mit Komplexen

Warum sind Anlagebetrüger so erfolgreich? Ein Psychogramm.

Manche Geschichten klingen so unglaublich, dass Kriminalbeamte sie immer wieder zur Abschreckung erzählen. Etwa diese: Ein Anleger warf einem Vermögensberater 45.000 Euro in den Briefkasten – eingewickelt in die Papiertüte eines Schnellrestaurants. Bloß versehen mit dem Beipackzettel, er möge es »bitte wie üblich investieren«. Natürlich landete das Geld nie in einer Kapitalanlage, sondern auf dem Konto des vermeintlichen Vermittlers – er war ein Betrüger. Mit zweistelligen Renditeversprechen hatte er von Hunderten Anlegern Geld kassiert. Ratlose Polizisten und Verbraucherschützer fragten sich, wieso Investoren ihm leichtgläubig Geld anvertrauen.

Sind die Anleger dumm? Nein, sagen Kriminologen. Die meisten Opfer von Kapitalanlagebetrügern seien durchaus gebildet. »Es sind Ärzte dabei und andere Akademiker, sogar Psychologen und Rechtsanwälte. Da werden keine Schwarzwaldbauern über den Tisch gezogen«, sagt Helmut Kury, Professor für Rechtspsychologie, der solche Fälle vor Gericht als Gutachter erklärt. Selbst er gibt zu, schon einmal einem Betrüger auf den Leim gegangen zu sein. Letztlich kann jeder, der sein Geld nicht bei der Bank parkt, zum Opfer werden.

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So spektakulär der Fall der Göttinger Gruppe ist, der derzeit Ermittler und Juristen beschäftigt (siehe Kasten) – er ist nur einer von vielen. Fast verdoppelt hat sich zuletzt die Zahl der Fälle fauler Unternehmen, betrügerischer Wertpapiergeschäfte und der Veruntreuung von Anlagegeldern. Laut Bundeskriminalamt (BKA) stieg sie von rund 11.000 im Jahr 2005 auf mehr als 18.000 im vergangenen Jahr. Und das sind nur die gemeldeten, aufgeflogenen Fälle. Weit darüber dürfte die Dunkelziffer liegen. Insgesamt, so schätzen Verbraucherschützer, bringen dubiose Anbieter die deutschen Anleger jährlich um 40 Milliarden Euro. Die Geprellten freilich erstatten nur selten Anzeige, wollen sie doch nur selten zugeben, einem Abzocker aufgesessen zu sein.

Die Motive und Charakterzüge von Betrügern nachzuvollziehen, darin liegt der Schlüssel zum Verständnis vieler Fälle von Kapitalanlagebetrug. Den wenigsten Drahtziehern geht es nur ums Geld, sind sich Kriminalisten einig. Was aber treibt die Gründer von Scheinfirmen dann an, wertlose Unternehmensanteile zu verkaufen? Wieso zocken Menschen mit Schneeballsystemen vorsätzlich Millionen Euro ab, indem sie Luftbuchungen vorgaukeln, wie die 600 Millionen Euro schwere Phoenix Kapitaldienst AG? »Das Wort Gier erklärt dabei überhaupt nichts, das sind nur vier Buchstaben auf dem Papier«, stellt Psychologieprofessor Hermann J. Liebel von der Universität Bamberg klar. Er hat für das BKA nach den Motiven und Profilen von Anlagebetrügern gefahndet und ist zum Ergebnis gekommen, dass Betrüger nicht vorrangig auf Geld, sondern auf Selbstbestätigung aus sind: »Es sind meist extrem smarte und unauffällige Leute, die als Haupthintergrund ein Selbstwertproblem haben. Es sind die drei S, nach denen sie suchen: Selbstbestätigung, Sicherheit und soziale Bindung.«

Oft beginnt es mit Durststrecken, die überbrückt werden müssen

Das Verblüffende: »In dem Punkt sind sich Opfer und Täter sehr ähnlich«, sagt Liebel. Anleger streben mit der Geldanlage vor allem nach finanzieller Absicherung. Zudem wollen sie sich beweisen, dass sie mit Geld umgehen können. Auch sie hoffen auf Bestätigung. Von Banken und klassischen Investmentfirmen können sie in dieser Hinsicht wenig erwarten. Anlagebetrüger und deren Drückerkolonnen sind da weit geschickter: Sie rufen an, fragen nach, umwerben ihre Klientel nicht mit Serienbriefen, sondern mit Handgeschriebenem, und kommen auf einen Kaffee zu Hause vorbei. Das schafft eine Nähe, bei der die Kunden irgendwann alles unterschreiben.

Betrüger seien geniale Verkäufer, staunt Kury. »Die sind wie Staubsaugervertreter und haben ungeheure soziale Kompetenz und Überzeugungskraft.« Fast wäre er selbst einmal darauf reingefallen, als er im Gefängnis einen Betrüger zur Begutachtung traf, der mehrere Millionen Euro veruntreut hatte: »Er erschien im dunklen Anzug, mit Krawatte und Leitz-Ordner, wie zum Banktermin. Der redete mich so an die Wand, dass ich mich am Ende fragte: Sitzt der jetzt unschuldig im Knast?« Er tat es nicht. Alle Erklärungen waren gelogen.

Der Wunsch der Betrüger nach Bestätigung wurzelt meist in ihrer Kindheit. Es ist frappierend, wie sich die Geschichten der großen Finanzhaie ähneln. Die von Fondsmanager Dieter Behring etwa, von Milliardenbetrüger Jürgen Harksen, Flowtex-Gründer Manfred Schmider und anderen: Viele von ihnen kommen vom sozialen Rand. Ihre Eltern waren Fabrikarbeiter, Sozialhilfeempfänger oder Alkoholiker. Die späteren Betrüger wollten raus, »in die große weite Welt«, wie Behring es nannte. Sie sehnten sich »nach kleinen Krumen der Liebe«, so poetisierte Harksen. Die meisten plagen sich auch mit körperlichen Schwächen herum. Der eine litt schon als Kind unter seiner Pummeligkeit, der andere hat ein Tourette-Syndrom und neigt dadurch zum Spucken. Wieder andere versuchen, mit dem Komplex des kleinen Mannes fertig zu werden. Früher oder später, so Kury, suchen sie sich Berufe, »in denen das Umfeld schillert und sie bunte Fische sein können«. Manche arbeiten sich mühsam aus Handlangerjobs hoch, aber am Ende werden sie Börsenmakler, Vermögensvermittler, sie entwickeln Handelssysteme wie Behring oder umgeben sich wie Schmider mit Politikern. Sie wollen zeigen: Wir sind wer.

Oft fangen Betrüger als seriöse Geschäftsleute an. Die wenigsten Betrugssysteme waren von Anfang an als solche angelegt, haben Kriminologen festgestellt. Aber statt der anfänglichen Gewinne kassieren die Zocker bald Verluste, oder sie legen sich einen so ausschweifenden Lebensstil zu, dass ihnen die Finanzierung der Villen, Jachten und Autos über den Kopf wächst. »Dann ist die Grenze zwischen Geschäftstüchtigkeit und Straftat nur noch eine Gratwanderung«, sagt Hendrik Schneider, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Leipziger Akademie für angewandtes Wirtschaftsstrafrecht. Es beginnt damit, sich bei kleineren finanziellen Durststrecken ein bisschen Anlegervermögen »auszuleihen«. So begannen laut Schneider die Karrieren von Behring oder Harksen. Einmal derart gestartet, so Schneider, gehe Betrügern oft »sukzessive die Realitätswahrnehmung verloren«.

Leser-Kommentare
    • Rolf52
    • 17.06.2007 um 21:34 Uhr

    Das Phänomen des "Selbstbetruges" ist doch an den Märkten eher die Ausnahme als die Regel. Man hat sich nach langen Recherchen für ein Asset oder eine Aktie entschieden und erwirbt diese dann.

    Ja, und dann fällt der Kurs oder der Wert sinkt. Und was tut der normale Anleger:

    Er redet sich seine Entscheidung schön. "Das wird schon wieder, das ist nur eine Konsolidierung" etc.

    Er liest nur Nachrichten, die ihn in seiner Entscheidung bestätigen, die anderen konträren ignoriert er.

    Der Wert fällt und fällt, und die Entscheidung auszusteigen fällt immer schwerer, da der Verlust immer höher wird, und man sich zugestehen müsste, falsch entschieden zu haben und ausserdem Verluste erlitten zu haben.

    Vielleicht hat man auch vor den Kollegen geprahlt, wie toll die Wertentwicklung gelaufen ist und will jetzt nicht das Gegenteil zugeben. Der Ehefrau hat man etwas vorgeschwindelt von Geld für den nächsten Urlaub.

    Und irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht und man verkauft mit grossem Verlust.

    Und nun:

    Da kommt ein Urbild eines seriösen Verkäufers, der einem verspricht, die Fehler wieder auszubügeln. Seriös, einfühlsam, dem Ego schmeichelnd, vertrauenswürdig. Da ist der Steuermann, der das Schiff wieder auf den rechten Kurs bringt. Tja, und dem überweist man das Geld,

    Wenn jemand käme und würde nüchtern sagen, dass Geldanlegen harte Arbeit vor allem an einem selbst ist, dass das eigene aufgeblasene Ego das grösste Hindernis einer erfolgreichen Geldanlage ist, das wiederum wollen die Leute nicht hören. Dann lieber den Sirenengesängen lauschen.

    Letzten Endes entsprechen sich Betrüger und Betrogene in den unbewussten Strukturen. Und deshalb fallen vor allem Akademiker, Ärzte, Anwälte und Manager auf diese Typen herein, denn diese Strukturen entsprechen genau dem unbewussten Ideal dieser Klasse.

    Rolf

    • Rolf52
    • 17.06.2007 um 21:38 Uhr

    Sorry, es muss natürlich heissen: Eher die Regel als die Ausnahme.

    Habe mich leider vertippt

    • DJGHH
    • 18.06.2007 um 9:45 Uhr

    Das fand ich lustig. So funktionieren doch die Banken.
    Würden wir alle auf einmal zur Bank rennen und unser Geld abholen, wäre das Banksystem pleite. Sie zahlen uns das Geld aus, das andere eingezahlt haben.(ich weiß das ist etwas komplizierter)
    Dazu siehe
    http://www.moneyasdebt.net/
    Sehr gut erklärt.

  1. Allmählich fragt sich der besorgte Leser, ob die geschätzte Traditionszeitung "Die Zeit" mit "harten" Themen nicht überfordert ist.

    Die Argumentation des Artikels bedient alte Klischees und hat das Niveau eines Groschenromans.

    Ein Unternehmen, das mehr als 20 Jahre existiert, kann nicht mit dem allgemeinen Schneeballsystem erklärt werden. Klassische Schneeballsysteme müßten schon kurzfristig zusammenbrechen.

    Ein solches Unternehmen ist, so sein Geschäftsmodell schon 20 Jahre besteht, der organisierten Kriminalität zuzurechnen.

    Die Nähe der Anlageberater zu Banken, "seriösen" Unternehmen und - nicht zu vergessen - der Politik hat der Autor völlig offen gelassen.

    Weiterhin hat der Autor zwar erwähnt, aber in seiner Konsequenz unberücksichtigt gelassen, daß die Täter in den großen Betrugsfällen keine Einzeltäter sind, über große Netzwerke (Beiräte, Aufsichtsräte) verfügen.

    Natürlich darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß manchen Opfern (z.B. Heros-Skandal) zum Erstaunen der Öffentlichkeit das Verschwinden der Geldern lange Zeit verborgen bleibt bzw. die Bezifferung des Schadens Mühe bereitet.

    korfstroem

  2. [Wir haben diesen Beitrag entfernt, da wir den Eindruck gewonnen haben, dass hier eine Privatfehde in der Öffentlichkeit ausgetragen werden soll. Die Redaktion/fl]

  3. Allmählich spricht sich auch bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken herum, dass die gepriesenen den Kunden empfohlene "sichere Anlage" zu einem gesamten Schaden von ca. 800 Millionen Euro Anlagegeldern geführt hat. Die DG Fonds sind nahezu pleite.
    Während einzelne Anlagebetrüger (z.B. 68 jähriger in Singen) einsitzen, laufen die Verantwortlichen der DG Anlage und der DZ Bank noch frei herum.
    Mehrere Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen die Verantwortlichen wurden "eingestellt".
    Läßt man die Großen laufen, und nur den Kleinen macht man den Prozess?

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.06.2007 Nr. 25
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