Anlagebetrug Täter mit KomplexenSeite 2/2

Viele Scheinfirmen halten sich jahrelang am Markt

Irgendwann sind Betrüger dann hauptsächlich mit dem Vertuschen beschäftigt, damit, Nachschub fürs Depot zu beschaffen. Das ist der Punkt, an dem Psychologen von der »sozialen Abkopplung« sprechen und Strafrechtler von Schneeballsystemen. Die Betreiber leben nur noch für den Betrug. Sie versuchen auch ihre Mitarbeiter mit Extremarbeitszeiten von der Außenwelt abzuschneiden und durch enorme Gehälter an sich zu binden. Sie schaffen Abhängigkeiten, stellen im Einzelfall auch bevorzugt Mitarbeiter »mit dunklem Fleck im Lebenslauf« ein, so Gutachter Kury. »Die stellen keine dummen Fragen.« So findet eine Art sozialer Auslese statt: Nicht die intelligentesten Gauner werden zu ganz großen Betrügern, sondern jene, die sich schon als Kleingauner am besten tarnen und nie negativ auffallen.

Während die Firmenchefs noch Geschäfte vorgaukeln, sammeln sie in Wahrheit das Anlegergeld ein und zweigen horrende Provisionen für sich selbst ab. Fordert jemand seine Einlage plus Rendite zurück, zahlen sie ihm Geld aus, das neue Investoren gerade ins Unternehmen geschaufelt haben. Dass so etwas nicht ewig gut geht, versteht sich. Trotzdem halten sich solche Scheinfirmen jahrelang am Markt. So funktionierte die Phoenix Kapitaldienst AG 28 Jahre lang, bevor sie 2005 kollabierte und zur bislang größten Kriminalinsolvenz der Nachkriegsgeschichte avancierte. Und die Göttinger Gruppe, die nun den Fall Phoenix in den Schatten zu stellen droht, war rund 20 Jahre im Geschäft.

Verpassen die Betrüger, die erwischt werden, den Absprung? Nein, sie vollziehen ihn bewusst nicht, erklärt Kriminologe Schneider. Sie sehen von einem bestimmten Punkt an die Realität nicht mehr. Sogenannte Neutralisierungsstrategien setzen ein: Sie reden sich die Lage schön. Denken, alles zu perfekt unter Kontrolle zu haben, um aufzufliegen. Andere wiegen sich in der Gewissheit, dass ihr Modell bereits 15 Jahre gehalten hat und auch noch länger halten wird. Sie verdrängen und hoffen, es werde schon alles irgendwie gut gehen.

Einige Betrüger sorgen vor, hat Otto Lakies beobachtet. Er verfolgte als Leiter der Abteilung Forensik bei der Anwaltssozietät Schultze & Braun die Geldströme bei den Kriminalinsolvenzen von Phoenix und Flowtex: Der Flowtex-Chef etwa habe 150 Millionen Mark in eine Stiftung verschoben, so Lakies. »Die meisten Täter versuchen, mit einer Geldverschiebung für den Ausstieg vorzusorgen. Aber in der Regel funktioniert das Absetzen nicht. Sie setzen derart komplizierte Systeme auf, dass man nicht einfach alle Verbindungen kappen kann. Auch bekommen solche Leute es nicht hin, von der Oberfläche zu verschwinden.«

Man kann es Selbstüberschätzung nennen oder eine Persönlichkeitsstörung. Die meisten Täter sehen zu, wie ihre Luftfirmen irgendwann mit einem Knall verpuffen. Und die Kriminalstatistik des BKA darf sich rühmen, dass mehr als 99 Prozent aller Anlagebetrugsfälle aufgeklärt werden, weil die Täter bekannt sind. Den Opfern hilft das wenig. Vom Geld sehen sie meist nichts wieder. Sie streiten oft jahrelang vor Gericht, wie es jetzt bei Phoenix droht. Werden die Täter verurteilt, folgt für die Geprellten die nächste Ernüchterung.

»Dass einer von denen seine Tat bereut, habe ich noch nicht erlebt«, sagt Lakies. Bodo Schnabel, der mit Comroad die größte Luftnummer des Neuen Markts hinlegte, beteuerte noch aus dem Gefängnis heraus, er sei total unschuldig. Nicht nur das Unrechtsbewusstsein der Verurteilten ist meist schwach ausgeprägt, so Psychologe Liebel, auch ihre Therapiewilligkeit: »Die meisten bereiten schon im Gefängnis ihren nächsten Coup vor.«

Oft ist ein verurteilter Betrüger schneller wieder am Kapitalmarkt, als es sich Anleger träumen lassen. Mehr als ein paar Monate muss ohnehin kaum einer in den Bau – wenn überhaupt. Das sieht Kriminalitätsforscher Karlhans Liebl nach dem Vergleich von 6000 Wirtschaftsstrafprozessen als immense Schieflage in der Rechtsprechung an: »Wenn eine Kassiererin bei Aldi 300 Euro veruntreut, kriegt sie sechs bis zwölf Monate. Ein Millionenbetrüger bekommt maximal zwei Jahre – auf Bewährung.« Wirklich eindämmen lässt sich das Wirken der Kapitalanlagebetrüger so nicht.

 
Leser-Kommentare
    • Rolf52
    • 17.06.2007 um 21:34 Uhr

    Das Phänomen des "Selbstbetruges" ist doch an den Märkten eher die Ausnahme als die Regel. Man hat sich nach langen Recherchen für ein Asset oder eine Aktie entschieden und erwirbt diese dann.

    Ja, und dann fällt der Kurs oder der Wert sinkt. Und was tut der normale Anleger:

    Er redet sich seine Entscheidung schön. "Das wird schon wieder, das ist nur eine Konsolidierung" etc.

    Er liest nur Nachrichten, die ihn in seiner Entscheidung bestätigen, die anderen konträren ignoriert er.

    Der Wert fällt und fällt, und die Entscheidung auszusteigen fällt immer schwerer, da der Verlust immer höher wird, und man sich zugestehen müsste, falsch entschieden zu haben und ausserdem Verluste erlitten zu haben.

    Vielleicht hat man auch vor den Kollegen geprahlt, wie toll die Wertentwicklung gelaufen ist und will jetzt nicht das Gegenteil zugeben. Der Ehefrau hat man etwas vorgeschwindelt von Geld für den nächsten Urlaub.

    Und irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht und man verkauft mit grossem Verlust.

    Und nun:

    Da kommt ein Urbild eines seriösen Verkäufers, der einem verspricht, die Fehler wieder auszubügeln. Seriös, einfühlsam, dem Ego schmeichelnd, vertrauenswürdig. Da ist der Steuermann, der das Schiff wieder auf den rechten Kurs bringt. Tja, und dem überweist man das Geld,

    Wenn jemand käme und würde nüchtern sagen, dass Geldanlegen harte Arbeit vor allem an einem selbst ist, dass das eigene aufgeblasene Ego das grösste Hindernis einer erfolgreichen Geldanlage ist, das wiederum wollen die Leute nicht hören. Dann lieber den Sirenengesängen lauschen.

    Letzten Endes entsprechen sich Betrüger und Betrogene in den unbewussten Strukturen. Und deshalb fallen vor allem Akademiker, Ärzte, Anwälte und Manager auf diese Typen herein, denn diese Strukturen entsprechen genau dem unbewussten Ideal dieser Klasse.

    Rolf

    • Rolf52
    • 17.06.2007 um 21:38 Uhr

    Sorry, es muss natürlich heissen: Eher die Regel als die Ausnahme.

    Habe mich leider vertippt

    • DJGHH
    • 18.06.2007 um 9:45 Uhr

    Das fand ich lustig. So funktionieren doch die Banken.
    Würden wir alle auf einmal zur Bank rennen und unser Geld abholen, wäre das Banksystem pleite. Sie zahlen uns das Geld aus, das andere eingezahlt haben.(ich weiß das ist etwas komplizierter)
    Dazu siehe
    http://www.moneyasdebt.net/
    Sehr gut erklärt.

  1. Allmählich fragt sich der besorgte Leser, ob die geschätzte Traditionszeitung "Die Zeit" mit "harten" Themen nicht überfordert ist.

    Die Argumentation des Artikels bedient alte Klischees und hat das Niveau eines Groschenromans.

    Ein Unternehmen, das mehr als 20 Jahre existiert, kann nicht mit dem allgemeinen Schneeballsystem erklärt werden. Klassische Schneeballsysteme müßten schon kurzfristig zusammenbrechen.

    Ein solches Unternehmen ist, so sein Geschäftsmodell schon 20 Jahre besteht, der organisierten Kriminalität zuzurechnen.

    Die Nähe der Anlageberater zu Banken, "seriösen" Unternehmen und - nicht zu vergessen - der Politik hat der Autor völlig offen gelassen.

    Weiterhin hat der Autor zwar erwähnt, aber in seiner Konsequenz unberücksichtigt gelassen, daß die Täter in den großen Betrugsfällen keine Einzeltäter sind, über große Netzwerke (Beiräte, Aufsichtsräte) verfügen.

    Natürlich darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß manchen Opfern (z.B. Heros-Skandal) zum Erstaunen der Öffentlichkeit das Verschwinden der Geldern lange Zeit verborgen bleibt bzw. die Bezifferung des Schadens Mühe bereitet.

    korfstroem

  2. [Wir haben diesen Beitrag entfernt, da wir den Eindruck gewonnen haben, dass hier eine Privatfehde in der Öffentlichkeit ausgetragen werden soll. Die Redaktion/fl]

  3. Allmählich spricht sich auch bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken herum, dass die gepriesenen den Kunden empfohlene "sichere Anlage" zu einem gesamten Schaden von ca. 800 Millionen Euro Anlagegeldern geführt hat. Die DG Fonds sind nahezu pleite.
    Während einzelne Anlagebetrüger (z.B. 68 jähriger in Singen) einsitzen, laufen die Verantwortlichen der DG Anlage und der DZ Bank noch frei herum.
    Mehrere Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen die Verantwortlichen wurden "eingestellt".
    Läßt man die Großen laufen, und nur den Kleinen macht man den Prozess?

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.06.2007 Nr. 25
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