Istrien gilt unter den Zuzüglern nicht ganz zu Recht als letztes Überbleibsel des k. u. k. Mitteleuropa. Heute offiziell wieder zweisprachig kroatisch-italienisch, hat die Halbinsel nach dem Zweiten Weltkrieg eine radikale »ethnische Säuberung« durchlitten: Italiener, aber auch viele Deutsche wurden vertrieben. In die leeren Orte rückten Kroaten, Serben, Bosnier, Albaner aus ganz Jugoslawien nach. Im Krieg der neunziger Jahre eine brisante ethnische Mischung.

Aber Istriens Regionalpartei IDS hielt, gegen Druck aus Zagreb, an dem multikulturellen Charakter der Region fest. Auch geschäftlich erwies sich das als geschickt: Je weniger kroatisch Istrien sich gab, desto mehr Touristen kamen. Nach dem Friedensschluss von 1995 entdeckten vor allem Österreicher und Bayern die vielen verlassenen Dörfer und verfallenden Gehöfte in den Bergen. Italienern dagegen blieb der Grunderwerb bis ins Jahr 2007 gesetzlich verwehrt. Eine eigene Firma namens Istra-Bavaria in Poreč bemüht sich vor allem um die bayerische Kundschaft. Inzwischen residieren die Familien Oetker und Bismarck in Istrien, der Rennfahrer Ralf Schumacher hat sich bei Oprtalj im Norden ein verstecktes Palais hergerichtet.

Aber nicht die stillen Reichen sind es, an denen sich Istriens Rebellen stoßen. »Das Problem sind die einheimischen Mächtigen, die Partner der Hypo, die bei deren Geschäften mitschneiden«, sagt Damir Radnić, sozialdemokratischer Kommunalpolitiker in Pula. »Sie arbeiten zu ihrem privaten Vorteil, aber zum Nachteil der öffentlichen Hand.« Wem etwa das Filetstück an der Küste inzwischen gehört, liegt im Dunkeln – Neudecks Firma verkaufte ihren Anteil 2003 mit einem schönen Gewinn an zwei Briefkastenfirmen im schweizerischen Zug. Dahinter vermuten die Rebellen von Pula lokale Funktionäre, die sich mit der Kärntner Hypo eingelassen hatten. Außer dem enormen Wertverlust gehen der Provinz und der Republik bei den undurchsichtigen Immobilientransaktionen auch jede Menge Steuern durch die Lappen – die Spekulationsteuer etwa, die beim raschen Wiederverkauf der »Riviera von Brioni« eigentlich fällig geworden wäre.

In der Wahl ihrer kroatischen Partner war die Kärntner Hypo geschickt, wenn auch nicht zimperlich. Zu ihnen gehört der in istrischen Immobilien erfolgreiche Ex-General Vladimir Zagorec, dem die Hypo im Rahmen einer Mafia-Fehde das Lösegeld für seinen entführten Sohn stellte und der kürzlich in Wien verhaftet wurde. Er steht in Zagreb in Verdacht, über Kärnten im großen Stil Geld gewaschen zu haben. Ein anderer Hypo-Geschäftspartner ist der rechtsradikale frühere Tudjman-Berater Ivić Pašalić, genannt »der Doktor«, der – ohne einschlägige Erfahrung – aus Klagenfurt stolze 30 Millionen Euro für den Bau eines Einkaufszentrums bekam. Zu den Freunden des Hauses zählt auch Branimir Glavaš, der »Pate von Osijek«, den Haider persönlich in Klagenfurt empfing. Noch als Provinzgouverneur ließ sich der Warlord aus dem Nordosten Kroatiens von einer Hypo-Tochter für damals 280000 Mark eine Wohnung abkaufen, die er zuvor für gut 3.000 Mark vom Staat erworben hatte. Inzwischen sitzt Glavaš als mutmaßlicher Kriegsverbrecher im Gefängnis. Merkwürdige Geschäfte trieb die Hypo-Tochter auch mit der Straßenbaufirma Kamen Ingrad in der Nachbarstadt Požega: Der insolvente Betrieb wurde von der Hypo tüchtig mit Krediten gefüttert – und dann von der aus Kärnten stammenden Baufirma Strabag aufgekauft.

Viele der Hypo-Geschäftspartner sitzen heute hinter Gittern

Paradiesisch ist in Istrien nur noch die Natur. Auf dem Immobilienmarkt geht es heute höllisch zu. Mafia, Geldwäsche, Betrug, ordinäre Korruption – kein Übel, das noch nicht aufgetreten wäre. In Gredići verkaufen die Bauträger ihre Wohnungen zu überhöhten Preisen an sich selbst – ein klassischer Geldwäschertrick. Ein bekannter Makler aus Poreč lebt inzwischen unter falschem Namen in Bayern, um sich vor den Nachstellungen eines Zagreber Spielautomatenkönigs und dessen Bodyguards zu retten. Žufić, der Ex-Landeshauptmann, schlägt sich mit der Riviera-Affäre herum, sein Nachfolger muss sich finsterer Korruptionsvorwürfe erwehren.

Inzwischen ist die Aufteilung der Halbinsel weitgehend perfekt; nur bei Pula nahe dem alten Militärhafen, ist noch eine größere »Riviera« zu haben. Die Kärntner Hypo hat im vergangenen März, damals in Wien unter Beschuss und schon bereit zum Verkauf, ihre Immobilientöchter an einen undurchsichtigen kroatischen Käufer abgestoßen – nicht ohne vorher die schönsten Stücke aus ihrem Portefeuille zu verkaufen.

Die Bayerische Landesbank übernimmt eine gereinigte Firma und in Kroatien eine gesäuberte Szene. Glavaš sitzt, Zagorec wird von Zagreb mit Haftbefehl gesucht, Pašalić muss um seine Millionen zittern. Stevo Žufić, der starke Mann der IDS, ist heute erfolgreicher Immobilienmakler in Poreč. Die Bürgermeisterin von Vodnjan, die den skandalösen Verkauf der Riviera einfädelte, wurde wegen einer anderen Korruptionsaffäre zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Landeshauptmann Ivan »Nino« Jakovčić gibt zu, dass die Küste bei Peroj »zu billig« verkauft wurde, was allerdings eine »autonome Entscheidung der Gemeinde Vodnjan« gewesen sei. Bald werden viel Gras und einige schöne Apart-Hotels über die Sache wachsen. Und das blaue Meer kräuselt sich nur ganz leicht.