Gedicht der Woche beflackert sein

Ein Gedicht von Anja Utler

und scheitelst mich, lippen, das lid vom lid –

sagst: schön – dieses klare, dies glasige schwarz
sacht umschwappt sagst: als
glimmer so wirst du nach innen dich schicken mir
hellend durchwellst: mich mit körnern von licht –
langst

dieses viele dies: salz! von den immerfort
tastend- den nägeln, der zunge es zehrt
zerrt: alles feuchte hervor aus mir
krustet, in furchen, mich aus

sagst –
lass mich ich
ich –

Anja Utler

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Jahrgang 1973. Anja Utler gehört zu den bejubelten, vielfach ausgezeichneten, in den Regeln der literaturwissenschaftlichen Kunst durchtriebenen Lyrikerinnen. Anglistin und Slawistin. Studium in Norwich, Regensburg, St. Petersburg, Promotion über die Achmatowa und andere russische Lyrikerinnen. Ihre Texte prasseln auf uns wie schönste Störgeräusche, als Satzfetzen, Strophenfragmente, Zitatspuren, Wortpartikel. »schau die gräser, sacht: ihre rispen im wind, erwidere sie: sind wie / biegsam die knie-, knochen sich – spirrige gräten – hinein: in den / schwamm: Licht…« Eintauchen kann das Auge auf großformatigen, mit Textschnipseln übersäten Seiten, sich treiben lassen, taucht wohl auch unter, kaum Sinn da, an dem sich festzuhalten wäre. Man hört sich die Wörter skandieren, das schafft jedenfalls Tonblöcke, rhythmisch und sinnlich: »aus deiner luft ertast- – ja: eratme dich –«, in jedem Fall ein frecher Reiz für das Sprachempfinden. Susanne Mayer

brinnenLyrikGedichteAnja UtlerBuchEdition Korrespondenzen2006Wien13,5062
 
Leser-Kommentare
  1. "beflackert sein" ist ein geschlechterkampfgedicht - aus der perspektive des opfers; das du tritt hinter sein tun zurück und taucht als personalpronomen nicht auf: "und scheitelst mich".
    das ich wehrt sich erst gegen ende: "lass mich", und zögert: "ich ich -", so als ob es stotternd aus der szene herausträte und nur noch den kopf schütteln könnte über die erlittenen und hingenommenen zumutungen, sodass dem ich, das ein"gesalzt" wird, auch der letzte rest an feuchtigkeit entzogen wird, sich verkrustet und in furchen legt. das ist der acker, der noch bestellt werden wird; das ist die stirn, die über sich selber staunt.
    "beflackert sein" sagt das unsagbare, weil es die sprache auf produktive weise um die illusion betrügt, man könne ihr unterstellen, man könne mit ihr auch das unsagbare sagen. also zerbricht anja utler die sprache und atmet sie nur noch in stößen aus, immer wieder wie ohne atem: atemlos. dann stehen da die gedankenstriche, sonst nur wenige zeichen, die aber nicht manieristisch, sondern aussagenlogisch gesetzt sind.
    das licht, das sich u.a. alliterativ über das ganze gedicht verteilt (lippen, lid, aber auch: glimmer, hellend, körner von licht) führt nur zur "entfeuchtung" und ruft die alliterative gegenreihe auf: zunge, zehrt, zerrt. wirkliche liebe ist nicht möglich. also können liebe und licht auch nicht in eine alliterative "ehe" eintreten.
    "beflackert sein" ist ein energiereicher gedichtkörper, der seinen gegenstand nicht so ohne weiteres frei lässt: wie der züngelnde mann die empfangende, aber sich furchende (fürchtende) frau.

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  • Quelle DIE ZEIT, 14.06.2007 Nr. 25
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  • Schlagworte Gedicht | Regensburg | Literatur | Promotion | St. Petersburg
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