ZEIT-Gespräch Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung

Günter Grass und Martin Walser feiern in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag. Zeit für die große Inventur: Was trennt, was verbindet die beiden berühmtesten deutschen Schriftsteller? Wie schwer wird das Schreiben im Alter? Und was ist mit der Liebe? Ein Gipfeltreffen zwischen Martin Walser und Günter Grass.

Ein ZEIT-Gespräch zwischen Martin Walser und Günter Grass

Günter Grass: Worüber wollen wir denn plaudern?

DIE ZEIT: Über Sie beide natürlich.

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Martin Walser: Ich hab was dabei. (Legt eine Klarsichthülle voll handbeschriebener Blätter auf den Tisch)

Grass: Hast du dich vorbereitet oder was?

Walser: Natürlich! Glaubst du, ich komm daher und habe nichts dabei?! So, das ist alles.

Grass: Ist ja ungeheuer.

ZEIT: Das gehen wir jetzt der Reihe nach durch?

Walser: Ja, ja, Kinder. Der Günter muss natürlich auch einverstanden sein.

ZEIT: Dürfen wir vorher noch fragen, wie das überhaupt ist, wenn Sie sich wiedersehen – freuen Sie sich?

Grass: Wir sehen uns leider zu selten. Wir kennen uns seit 1955. Da wurde ich zu einer Tagung der Gruppe 47 in Berlin eingeladen, und er bekam damals den Preis der Gruppe. Dann waren wir beide engagiert, als es in den sechziger Jahren darum ging, den Schriftstellerverband zu gründen. Und da wir beide fleißige Menschen sind, gab es auch immer wieder Anlässe, lesend voneinander Kenntnis zu nehmen. Und ich liebe ihn.

ZEIT: Herr Walser, lieben Sie ihn auch?

Walser:(wirft Grass einen Kuss zu) Und ob! Bei manchen meiner Bekannten, die beinahe Freunde waren, ist es mir so gegangen, dass sie mir, nachdem wir in politischen Dingen unterschiedlicher Meinung waren, die Freundschaft entzogen haben. Manche haben sogar das Du zurückgenommen. Da fiel mir auf, dass mir das ein paar wenigen gegenüber nie passieren könnte. Und da hat Günter Grass immer dazugehört. 55 in Berlin, da warst du eher ein schöner Schatten, der mit Lyrik hereinschwebte und wieder draußen war. Du hast wirklich toll ausgesehen. Und das tust du auch heute noch.

Grass: Hast du also gar nicht zugehört bei meiner Lesung?!

Walser: Damals hattest du dieses vom Bodensee aus gesehen Exotische, kaschubisch Exotische. Für mich spielt leider, Entschuldigung, das Aussehen eine wahnsinnige Rolle. Das ist diese natürliche Ungerechtigkeit, über die man nicht gut hinwegkommt.

Grass: Was du vorhin gesagt hast mit den Meinungen, die du nicht teilst oder die dir gleichgültig sind: Das kann ich nicht sagen. Wir sind, gerade in politischer Hinsicht, oft gegensätzlicher Meinung gewesen, und das war mir nie gleichgültig. Aber das war auch nie ein Grund, den Stab zu brechen. Das ist eine Grundlage unserer Freundschaft.

ZEIT: Bei Ihnen, Herr Walser, findet man manches Kritische über Grass. In einem Brief an Frisch schreiben Sie über ihn: fremd, zu viel Abenteuerliches, zu viel Heraldisches.

Walser: Das ist ein Wurzelgeflecht, da gibt es nicht einen Hauptstrang. Bei seinem Auftreten mit der Blechtrommel 1959 war er eine übermächtige Erscheinung, auch für einen Kollegen, der auf dem gleichen Feld tätig war. Das habe ich natürlich gelesen mit, gestatten Sie, einem prüfenden Blick. Ich wollte neben dem bestehen. Es sind dabei zwei Eindrücke geblieben. Erstens: Die Blechtrommel war der letztmögliche antifaschistische Roman, der noch geschrieben werden konnte. Zu einem antifaschistischen Roman gehört noch ein Affekt, damit das Anti ernährt werden kann. Das ist ja nicht nur eine Aufarbeitung von Geschichte. Und dieser direkte Affekt war in der Blechtrommel drin. Ich fühlte mich durch das Buch immer entlastet. Das Zweite ist das Sprachliche: Günter ist ein Spätexpressionist. Das ganze lyrische Temperament, das in seiner Prosa dirigierend ist, war für mich nie ein Konkurrenzprosaprinzip. Ich bin erzählerischer.

Grass: Aber es knüpft unmittelbar aneinander an. 1959 kam die Blechtrommel raus und 1960 Halbzeit. Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt, auch wenn es mit meinem Schreiben überhaupt nichts zu tun hat. Aber dass ein Autor meiner Generation zu dem Zeitpunkt, der tiefsten Adenauer-Zeit, wo ich mich mit meiner Geröllmasse an historischem Stoff beschäftigte, sich so mit der Wirtschaftswunderzeit, dieser neu entstehenden Gesellschaft, diesen Vertreterexistenzen beschäftigte mit einem Sprachvolumen, einer Suada – und das meine ich nicht abfällig –, das ist ein episches Wagnis gewesen ohnegleichen, meiner Meinung nach bis heute nicht erreicht.

ZEIT: Das klingt jetzt aber doch sehr nach »Nenn ich dich Goethe, nennst du mich Schiller«…

Grass: Es gibt auch Bücher von ihm, die mir wenig sagen. Es gibt aber auch eins, das ist überall grauenhaft verrissen worden, auch aus politischen Gründen, wahrscheinlich auch in der ZEIT: Jenseits der Liebe. Das ist für mich ein wunderbares Buch.

Walser: Lieber Günter, Reich-Ranicki hat es furchtbar verrissen, 27 andere Kritiker haben es auf Platz zwei der Bestenliste gesetzt. Aber so ist das immer: Je negativer sich einer aufführt, umso berühmter wird er. Aber das, was Sie eigentlich über uns hören wollen, kann ich eher sagen als der Günter. Denn er hatte immer den größeren Erfolg. Das ist nicht in jeder Saison gleich gut zu ertragen.

Grass: Aber das hat doch zwischen uns keine Rolle gespielt.

ZEIT: Vielleicht liegt es daran, dass Sie nie im selben Verlag waren. Mit dem Suhrkamp-Autor Uwe Johnson haben Sie, Herr Walser, wahnsinnige Eifersuchtskämpfe durchgefochten.

Walser: Moment, Moment: nicht als Schriftsteller. Haben Sie das nicht kapiert?

Grass: Ging es zwischen dir und Uwe um Frauen? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Walser: Nein! Heilandsack…

Grass: Ich bin Zeuge gewesen dieser Streitereien. Die gingen von Uwe Johnson aus, der, bis ihn der Alkohol einholte, wie eine Amme um Martin Walser besorgt war. »Martin, es ist jetzt schon halb zwölf, wann gedenkst du ins Bett zu gehen?« Johnson stand immer wie ein Wächter dahinter und lief hin und her. Und je mehr ihn Uwe ermahnte, umso mehr goss Martin sich nach.

Walser: Ich hab den Uwe ja in meinem Fiat immer mitgenommen…

Grass: Mit dir Auto zu fahren war immer ein Abenteuer, ja.

Walser: Darüber jetzt nicht, bitte. Uwe war mein Hauptaccessoire auf vielen Autoreisen, und er durfte meinem Fiat alles nachsagen, was er nicht verstand. Fiat hatte ja oft Probleme mit der Elektrik, und der Uwe hat dann immer die Motorhaube aufgemacht und getan, als sei er der Chefmechaniker von Agnelli.

Leser-Kommentare
  1. Edgar Uhl, Wetzlar
    Sie sind einfach tragisch, die beiden. Seit Jahrzehnten nur Weinen über die bösen Kritiker, die den Autoren so schaden. Ich persönlich habe treu und brav alle Grass und viele Walser Romane gekauft, trotz schlechter Kritiken. Besonders bei Grass bin ich jedes Mal aufs neue enttäuscht worden. Zu Ende gelesen habe ich tatsächlich nur Katz und Maus und die Zwiebel-Biografie. Bei den übrigen Romanen habe ich nach spätestens hundert Seiten gelangweilt den Deckel geschlossen. Selbst die Blechtrommel wird im zweiten Teil einfach nur langweilig. Für mich sind an einem Roman nur zwei Punkte wichtig: das Thema und die Sprache. Beides muss stimmen, zumindest erkennbar sein. Bei Grass ist zumindest eine starke Sprache mitunter erkennbar, ein Thema fehlt zumeist.
    Nach anderthalb Romanen kennt man sein Danzig, und die Vorgänge der Jahre 1989/1990 sind unterschiedlichster Form überliefert, zumal ich diese selbst erlebt habe. Einen Büroboten, der sich für Fontane hält, braucht dazu niemand. Spätere Generationen können auf ausreichend Sachliteratur und andere Medien zurückgreifen.
    An seiner Zwiebel haben mich nur zwei Punkte interessiert: wann kommt die SS-Geschichte und wie lernt er seinen Freund Joseph kennen. Dass er selbst immer wieder Bezüge zwischen seiner Lebensgeschichte und den (fiktiven) Personen seiner Romane herstellt, nimmt diesem Buch den kleinsten Rest Spannung.
    Fazit: Schwache Bücher bekommen schlechte Kritiken. Schreibt bessere Bücher und die Kritiker werden euch loben. Aber lasst dieses ewige Weinen über die grausamen Printmedien.

    • Ciamar
    • 17.06.2007 um 13:26 Uhr

    Ich denke Edgar Uhl wird den beiden großen Herren nicht gerecht.
    Auch ich habe alle Grass-Bücher gelesen - und ich habe sie verschlungen. Die Blechtrommel könnte ich wieder und wieder lesen. Auch Katz und Maus oder Kopfgeburten: Großartig! Meiner Meinung nach ist Grass der sprachmächtigste deutsche Autor, bei ihm droht die eigentliche Geschichte in den Hintergrund zu rücken. Seit meinem 16. Lebensjahr verteidige ich Grass gegen jedes böse Wort, selbst als er gestand, bei der Waffen-SS gewesen zu sein.

    Umso enttäuschter war ich von dem Interview "Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung". Wie Grass und Walser sich hier artikulieren finde ich absolut lächerlich. Wie kritikaufnahmeunfähig und selbstgefällig die beiden rüberkommen, hat mich wirklich enttäuscht. Dass Radisch und Siemes hier stellvertretend für die ihnen unliebsame Presse verantwortlich gemacht werden, erscheint mir höchst unprofessionell. Außerdem auch ihr hilfloser Versuch von Themen wie Waffen-SS und Antisemitismus abzulenken bzw. mit Gegenangriffen zu kontern. Ich hatte den Eindruck, dass ihnen der Portugiesische Weißwein zu sehr zu Kopf gestiegen ist...Schade

  2. Danke, liebe Zeit! Danke für diese drei Seiten, auf denen Deutschlands "berühmteste Schriftsteller" beweisen, dass jedes Land die Eliten bekommt, die es verdient.
    Walser bescheinigt Grass, er habe "wirklich toll ausgesehen" damals 55 in Berlin! Großartig! Grass steigt "zeichnend in die Kammlagen des Harzes" um dem Waldsterben auf den Grund zu gehen und wird von samenschleudernden Bäumen an sein Verantwortungsgefühl erinnert! Da kann man Walser nur zustimmen "Toll, Günter!"
    Derselbe lässt uns teilhaben an seiner revolutionären Jungphase: "Es ist dir völlig egal, dass niemand außer dir einen Schalkragen trägt am Nachmittag. Diese vollkommene Rücksichtslosigkeit auf Reaktionen der Welt."
    Realsatire! Und eine vorzügliche noch dazu!
    Das einzig wirklich schmerzliche bei dieser Lektüre war die Erkenntnis, Frau Heidenreich einmal aus ganzem Herzen zustimmen zu müssen: Eitle alte Männer, die den Mund nicht halten können! Und das in epischer Breite. Aufklärungs-Journalismus par excellence!
    Leider beschränken sich die beiden jedoch nicht auf ihr komödiantisches Talent, sondern exemplifizieren, was es heißt, als deutsche Dichter und Denker unterm Nussbaum gegen den Zeitgeist, den bösen Lümmel, anzustänkern. Vereint im Kampf gegen böse Intrigen. Walsers Friedenspreis-Rede und mehr noch seine unerträgliche Arroganz gegenüber Bubis, der ihm - völlig grundlos - im FAZ-Gespräch die Versöhnungshand reichen wollte, hat der kaschubische Blechtrommler mit "leise(r), kritische(r) Distanz" beantwortet. Bezeichnend!
    Grass, der moralische Urteile über die Biographien anderer mit in den Kammlagen des Harzes gestärktem Verantwortungsgefühl fällen konnte, wundert sich, warum ein vergleichbarer Maßstab an seinen eigenen Umgang mit Sollbruchstellen der Vergangenheitsbewältigung anlegt wird??? Kommentar Walser: "Heilandsack, das ist doch seine Sache!" Genau, auch Grass hat gelernt, wegzuschauen...
    Da bleibt doch nur die gefühlte Solidarität mit Johnson. Gemeinsam träumt man sich an die Troddeln an den Brustwarzen der Wuppertaler Nackttänzerin und stellt sich vor, wie Walser und Grass, hündisch devot rechts und links von dieser Zirkusattraktion drapiert, von den wild umherdrehenden Troddeln eine Watschen nach der anderen einstecken müssen. "Das ist also der Westen?" Ja, genau das!

  3. Ist bei der ZEIT ein Relaunch auf Satire vorgesehen? Muss man diese beiden alten Zausel mit ihrer mückenumtosten Eitelkeit wirklich noch 2007 auf die Menschheit loslassen? Der letzte vernünftige Satz von Walser ist 10 Jahre alt, Grass hat noch nie einen geäußert. Diese zwei Zeitgeistklempner sind 60 Jahre auf der Zeitgeistschiene immer unberechtigterweise in der Lok gesessen. Bitte hört auf Elke Heidenreich und viele Millionen anderer Menschen.
    Lasst uns endlich mit dem unehrlichen Geschrammel der beiden in Ruhe.

  4. Wie man, wenn man Walsers Bücher gelesen hat, einige seiner Interviews kennt und ihn auf Lesungen erlebt hat, zu dem Ergebnis kommen kann, Walser sei eitel, das will mir nicht in den Kopf. Auch dieses Interview gibt dazu keinen Anlass. Walser ist nicht eitel, nur sensibel!

    Walsers Bücher sind schwer wie ein dunkelroter Wein. Und der Abgang nach dem Schlucken ist lang und gehaltvoll. Zumindest, wenn man ihn vorher lange genug im Mund behalten hat. Nur einigen schmeckt halt mehr der leichte Wein mit seinem schnellen und kurzen Glück.

    Aber vielleicht bin ich ja mit meinen 44 auch schon zu alt, um die vorangegangenen Leserbriefe zu verstehen: Ich fahre gerne mit dem Dampfer langsam elbaufwärts Richtung Sächsische Schweiz. Und dabei stören mich die lauten und schnellen Spaßboote, die da lärmend an mir vorüberziehen.

    Doch die alten Raddampfer erfreuen sich ausreichender Beliebtheit. Da bleibt kein Sitzplatz frei. Und so wird es auch bei Walser sein. Trotz der „vielen Millionen anderer Menschen“, die sich von Frau Heidenreich vor dem Fernseher leichte und schaumige Cremespeisen servieren lassen.

  5. Die ganzen Kommentare, die ganze Abrechnerei. Und jeder will geistreicher und wissender sein, als die anderen...
    Letztlich kann man einen Künstler nur an seinem Werk messen, letztlich bleibt - wenn überhaupt - nur das Werk. Daher war es dummdreist von Elke Heidenreich, trotz zugegebener Werksunkenntnis die jüngeren Arbeiten von Grass und Walser zu verdammen. Jeder Leser hat das Recht zur Kritik (Kritiker sowieso) und zur Ablehnung. Wenn das Werk furchtbar ist, dann auf jeden Fall auch zur Verdammnis. Aber was hier die meisten Kommentatoren genauso wie Frau Heidenreich machen, ist, sich frech darüber stellen, ohne je etwas vergleichbares entgegenstellen zu können. Schlimm ist, dass Grass und Walser überhaupt auf dieses Heidenreich-Gerede reagiert haben. Im Übrigen: Die BUNTE ist neben der ZEIT die andere wichtige Zeitschrift, die dieses Thema ausführlich verfolgt und begleitet.

  6. "Letztlich kann man einen Künstler nur an seinem Werk messen, letztlich bleibt - wenn überhaupt - nur das Werk."

    So rabenvati in seinem Kommentar zur Kritik an Walser und Grass, die hier unter anderem auch von mir geäußert wurde. Einspruch - und zwar ein entschiedener.

    Gerade Grass und Walser sind Autoren, die sich nicht auf ihre Schriftstellerrolle reduzieren, sondern bewusst ein mehr für sich in Anspruch nehmen, eine Rolle als politische Intellektuelle für sich reklamieren. Und über diese Rolle kann auch der urteilen, der nie "etwas vergleichbares" auf dem Feld der Literaturproduktion geleistet hat.
    Diese geheuchelt übergestülpte Opferrolle, die die Möglichkeit eigener Denkfehler kategorisch ausspart und Kritik auf ein inquisitorisches Verfolgungssystem zurückführt ist - mit Verlaub - billig. Dies zu kritisieren heißt nicht, sich "frech" über das Werk der beiden zu stellen, sondern den gesellschaftspolitischen Teil dieses "Werkes" - und eben nicht nur den literarischen - auf seine Stichhaltigkeit zu überprüfen!

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    Zuerst ein kleiner Einwand: Ich frage mich, wie etwas Gesellschaftspolitisches "stichhaltig" sein soll. Wenn wir stichhaltige gesellschaftspolitische Beiträge fordern, sind wir, glaube ich, in der Verwissenschaftlichung unseres Denkens etwas zu weit fortgeschritten.

    Kritischer Umgang mit unseren Schriftstellern ist allerdings richtig und wichtig; da dürfen auch lebende Legenden wie Grass und Walser nicht wie heilige Kühe behandelt werden. Als ich das Interview mit den beiden las, begann ich vielleicht mit einer gewissen Ehrfurcht, die ich aber sehr schnell verlor; je weiter ich las, desto kritischer wurde meine Einstellung. Ich muss sagen, ich war etwas enttäuscht von den Ausführungen der beiden Herren. Haben Walser und Grass mit 80 nicht mehr zu sagen? Oder sparen sie sich ihre Weisheiten für einen besseren Zeitpunkt auf? Mit Kritik scheinen sie jedenfalls nicht gut umgehen zu können, besonders wenn sie unbequemen Fragen einfach ausweichen. Mein Mitleid mit ihnen hält sich also in Grenzen.

    Aber trotzdem: Was ist mit dem kritischen Umgang mit Kritikern? Heidenreichs Bemerkungen über Walser und Grass kann man weder als Überprüfung noch als Kritik bezeichnen; weder von literarischen noch gesellschaftspolitischen oder sonstwelchen Aspekten! Das sind teils blanke Beschimpfungen, teils Mitteilungen über ihre persönlichen Vorlieben beim Lesen.

    Ist ja auch ok, in einem Gespräch unter Freunden oder Kollegen, "am Stammtisch", wie man so sagt. Wenn ein Schüler in einem Aufsatz so schreibt, wird der Lehrer ihn allerdings darauf aufmerksam machen, dass man solche subjektiven Geschmacksfragen, wenn nicht objektivieren, dann wenigstens relativieren sollte. Der gute Pädagoge wird auch noch hinzufügen, dass man immer argumentieren sollte, wenn man etwas oder jemanden kritisieren will. Behauptungen allein reichen nicht. Ohne Begründungen und Erklärungen wird man nämlich erst gar nicht ernst genommen, wird der Lehrer behaupten.

    Und dann könnte der Schüler natürlich fragen, warum Elke Heidenreichs Angriffe auf Grass und Walser ernst genommen werden. Ja, warum eigentlich?'

    -Michael

    Zuerst ein kleiner Einwand: Ich frage mich, wie etwas Gesellschaftspolitisches "stichhaltig" sein soll. Wenn wir stichhaltige gesellschaftspolitische Beiträge fordern, sind wir, glaube ich, in der Verwissenschaftlichung unseres Denkens etwas zu weit fortgeschritten.

    Kritischer Umgang mit unseren Schriftstellern ist allerdings richtig und wichtig; da dürfen auch lebende Legenden wie Grass und Walser nicht wie heilige Kühe behandelt werden. Als ich das Interview mit den beiden las, begann ich vielleicht mit einer gewissen Ehrfurcht, die ich aber sehr schnell verlor; je weiter ich las, desto kritischer wurde meine Einstellung. Ich muss sagen, ich war etwas enttäuscht von den Ausführungen der beiden Herren. Haben Walser und Grass mit 80 nicht mehr zu sagen? Oder sparen sie sich ihre Weisheiten für einen besseren Zeitpunkt auf? Mit Kritik scheinen sie jedenfalls nicht gut umgehen zu können, besonders wenn sie unbequemen Fragen einfach ausweichen. Mein Mitleid mit ihnen hält sich also in Grenzen.

    Aber trotzdem: Was ist mit dem kritischen Umgang mit Kritikern? Heidenreichs Bemerkungen über Walser und Grass kann man weder als Überprüfung noch als Kritik bezeichnen; weder von literarischen noch gesellschaftspolitischen oder sonstwelchen Aspekten! Das sind teils blanke Beschimpfungen, teils Mitteilungen über ihre persönlichen Vorlieben beim Lesen.

    Ist ja auch ok, in einem Gespräch unter Freunden oder Kollegen, "am Stammtisch", wie man so sagt. Wenn ein Schüler in einem Aufsatz so schreibt, wird der Lehrer ihn allerdings darauf aufmerksam machen, dass man solche subjektiven Geschmacksfragen, wenn nicht objektivieren, dann wenigstens relativieren sollte. Der gute Pädagoge wird auch noch hinzufügen, dass man immer argumentieren sollte, wenn man etwas oder jemanden kritisieren will. Behauptungen allein reichen nicht. Ohne Begründungen und Erklärungen wird man nämlich erst gar nicht ernst genommen, wird der Lehrer behaupten.

    Und dann könnte der Schüler natürlich fragen, warum Elke Heidenreichs Angriffe auf Grass und Walser ernst genommen werden. Ja, warum eigentlich?'

    -Michael

  7. Zuerst ein kleiner Einwand: Ich frage mich, wie etwas Gesellschaftspolitisches "stichhaltig" sein soll. Wenn wir stichhaltige gesellschaftspolitische Beiträge fordern, sind wir, glaube ich, in der Verwissenschaftlichung unseres Denkens etwas zu weit fortgeschritten.

    Kritischer Umgang mit unseren Schriftstellern ist allerdings richtig und wichtig; da dürfen auch lebende Legenden wie Grass und Walser nicht wie heilige Kühe behandelt werden. Als ich das Interview mit den beiden las, begann ich vielleicht mit einer gewissen Ehrfurcht, die ich aber sehr schnell verlor; je weiter ich las, desto kritischer wurde meine Einstellung. Ich muss sagen, ich war etwas enttäuscht von den Ausführungen der beiden Herren. Haben Walser und Grass mit 80 nicht mehr zu sagen? Oder sparen sie sich ihre Weisheiten für einen besseren Zeitpunkt auf? Mit Kritik scheinen sie jedenfalls nicht gut umgehen zu können, besonders wenn sie unbequemen Fragen einfach ausweichen. Mein Mitleid mit ihnen hält sich also in Grenzen.

    Aber trotzdem: Was ist mit dem kritischen Umgang mit Kritikern? Heidenreichs Bemerkungen über Walser und Grass kann man weder als Überprüfung noch als Kritik bezeichnen; weder von literarischen noch gesellschaftspolitischen oder sonstwelchen Aspekten! Das sind teils blanke Beschimpfungen, teils Mitteilungen über ihre persönlichen Vorlieben beim Lesen.

    Ist ja auch ok, in einem Gespräch unter Freunden oder Kollegen, "am Stammtisch", wie man so sagt. Wenn ein Schüler in einem Aufsatz so schreibt, wird der Lehrer ihn allerdings darauf aufmerksam machen, dass man solche subjektiven Geschmacksfragen, wenn nicht objektivieren, dann wenigstens relativieren sollte. Der gute Pädagoge wird auch noch hinzufügen, dass man immer argumentieren sollte, wenn man etwas oder jemanden kritisieren will. Behauptungen allein reichen nicht. Ohne Begründungen und Erklärungen wird man nämlich erst gar nicht ernst genommen, wird der Lehrer behaupten.

    Und dann könnte der Schüler natürlich fragen, warum Elke Heidenreichs Angriffe auf Grass und Walser ernst genommen werden. Ja, warum eigentlich?'

    -Michael

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