Günter Grass: Worüber wollen wir denn plaudern?

DIE ZEIT: Über Sie beide natürlich.

Martin Walser: Ich hab was dabei. (Legt eine Klarsichthülle voll handbeschriebener Blätter auf den Tisch)

Grass: Hast du dich vorbereitet oder was?

Walser: Natürlich! Glaubst du, ich komm daher und habe nichts dabei?! So, das ist alles.

Grass: Ist ja ungeheuer.

ZEIT: Das gehen wir jetzt der Reihe nach durch?

Walser: Ja, ja, Kinder. Der Günter muss natürlich auch einverstanden sein.

ZEIT: Dürfen wir vorher noch fragen, wie das überhaupt ist, wenn Sie sich wiedersehen – freuen Sie sich?

Grass: Wir sehen uns leider zu selten. Wir kennen uns seit 1955. Da wurde ich zu einer Tagung der Gruppe 47 in Berlin eingeladen, und er bekam damals den Preis der Gruppe. Dann waren wir beide engagiert, als es in den sechziger Jahren darum ging, den Schriftstellerverband zu gründen. Und da wir beide fleißige Menschen sind, gab es auch immer wieder Anlässe, lesend voneinander Kenntnis zu nehmen. Und ich liebe ihn.

ZEIT: Herr Walser, lieben Sie ihn auch?

Walser:(wirft Grass einen Kuss zu) Und ob! Bei manchen meiner Bekannten, die beinahe Freunde waren, ist es mir so gegangen, dass sie mir, nachdem wir in politischen Dingen unterschiedlicher Meinung waren, die Freundschaft entzogen haben. Manche haben sogar das Du zurückgenommen. Da fiel mir auf, dass mir das ein paar wenigen gegenüber nie passieren könnte. Und da hat Günter Grass immer dazugehört. 55 in Berlin, da warst du eher ein schöner Schatten, der mit Lyrik hereinschwebte und wieder draußen war. Du hast wirklich toll ausgesehen. Und das tust du auch heute noch.

Grass: Hast du also gar nicht zugehört bei meiner Lesung?!

Walser: Damals hattest du dieses vom Bodensee aus gesehen Exotische, kaschubisch Exotische. Für mich spielt leider, Entschuldigung, das Aussehen eine wahnsinnige Rolle. Das ist diese natürliche Ungerechtigkeit, über die man nicht gut hinwegkommt.

Grass: Was du vorhin gesagt hast mit den Meinungen, die du nicht teilst oder die dir gleichgültig sind: Das kann ich nicht sagen. Wir sind, gerade in politischer Hinsicht, oft gegensätzlicher Meinung gewesen, und das war mir nie gleichgültig. Aber das war auch nie ein Grund, den Stab zu brechen. Das ist eine Grundlage unserer Freundschaft.

ZEIT: Bei Ihnen, Herr Walser, findet man manches Kritische über Grass. In einem Brief an Frisch schreiben Sie über ihn: fremd, zu viel Abenteuerliches, zu viel Heraldisches.

Walser: Das ist ein Wurzelgeflecht, da gibt es nicht einen Hauptstrang. Bei seinem Auftreten mit der Blechtrommel 1959 war er eine übermächtige Erscheinung, auch für einen Kollegen, der auf dem gleichen Feld tätig war. Das habe ich natürlich gelesen mit, gestatten Sie, einem prüfenden Blick. Ich wollte neben dem bestehen. Es sind dabei zwei Eindrücke geblieben. Erstens: Die Blechtrommel war der letztmögliche antifaschistische Roman, der noch geschrieben werden konnte. Zu einem antifaschistischen Roman gehört noch ein Affekt, damit das Anti ernährt werden kann. Das ist ja nicht nur eine Aufarbeitung von Geschichte. Und dieser direkte Affekt war in der Blechtrommel drin. Ich fühlte mich durch das Buch immer entlastet. Das Zweite ist das Sprachliche: Günter ist ein Spätexpressionist. Das ganze lyrische Temperament, das in seiner Prosa dirigierend ist, war für mich nie ein Konkurrenzprosaprinzip. Ich bin erzählerischer.

Grass: Aber es knüpft unmittelbar aneinander an. 1959 kam die Blechtrommel raus und 1960 Halbzeit. Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt, auch wenn es mit meinem Schreiben überhaupt nichts zu tun hat. Aber dass ein Autor meiner Generation zu dem Zeitpunkt, der tiefsten Adenauer-Zeit, wo ich mich mit meiner Geröllmasse an historischem Stoff beschäftigte, sich so mit der Wirtschaftswunderzeit, dieser neu entstehenden Gesellschaft, diesen Vertreterexistenzen beschäftigte mit einem Sprachvolumen, einer Suada – und das meine ich nicht abfällig –, das ist ein episches Wagnis gewesen ohnegleichen, meiner Meinung nach bis heute nicht erreicht.

ZEIT: Das klingt jetzt aber doch sehr nach »Nenn ich dich Goethe, nennst du mich Schiller«…

Grass: Es gibt auch Bücher von ihm, die mir wenig sagen. Es gibt aber auch eins, das ist überall grauenhaft verrissen worden, auch aus politischen Gründen, wahrscheinlich auch in der ZEIT: Jenseits der Liebe. Das ist für mich ein wunderbares Buch.

Walser: Lieber Günter, Reich-Ranicki hat es furchtbar verrissen, 27 andere Kritiker haben es auf Platz zwei der Bestenliste gesetzt. Aber so ist das immer: Je negativer sich einer aufführt, umso berühmter wird er. Aber das, was Sie eigentlich über uns hören wollen, kann ich eher sagen als der Günter. Denn er hatte immer den größeren Erfolg. Das ist nicht in jeder Saison gleich gut zu ertragen.

Grass: Aber das hat doch zwischen uns keine Rolle gespielt.

ZEIT: Vielleicht liegt es daran, dass Sie nie im selben Verlag waren. Mit dem Suhrkamp-Autor Uwe Johnson haben Sie, Herr Walser, wahnsinnige Eifersuchtskämpfe durchgefochten.

Walser: Moment, Moment: nicht als Schriftsteller. Haben Sie das nicht kapiert?

Grass: Ging es zwischen dir und Uwe um Frauen? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Walser: Nein! Heilandsack…

Grass: Ich bin Zeuge gewesen dieser Streitereien. Die gingen von Uwe Johnson aus, der, bis ihn der Alkohol einholte, wie eine Amme um Martin Walser besorgt war. »Martin, es ist jetzt schon halb zwölf, wann gedenkst du ins Bett zu gehen?« Johnson stand immer wie ein Wächter dahinter und lief hin und her. Und je mehr ihn Uwe ermahnte, umso mehr goss Martin sich nach.

Walser: Ich hab den Uwe ja in meinem Fiat immer mitgenommen…

Grass: Mit dir Auto zu fahren war immer ein Abenteuer, ja.

Walser: Darüber jetzt nicht, bitte. Uwe war mein Hauptaccessoire auf vielen Autoreisen, und er durfte meinem Fiat alles nachsagen, was er nicht verstand. Fiat hatte ja oft Probleme mit der Elektrik, und der Uwe hat dann immer die Motorhaube aufgemacht und getan, als sei er der Chefmechaniker von Agnelli.