Arnsberg

Das sind alles nette Leute, alle gleich alt, haben den gleichen Stand, sind zu Hause über, kein Platz oder was weiß ich…« Die Stimme verliert sich, Herta Wülbeck wendet sich wieder ihrem Pudding zu. Mit sechs anderen Hochbetagten sitzt die 87-Jährige um einen großen Esstisch. Mittagszeit in der Tagespflegestätte der Caritas im sauerländischen Arnsberg. Sehr präsent ist die alte Dame, wenn ein Besucher sie anspricht, geradezu aufgekratzt, kann sich aber nach kurzer Zeit nicht mehr daran erinnern. Darunter leidet sie, wie ihre Tochter und der Schwiegersohn, in deren Haus sie lebt. Die eigentliche Pflege sei kein Problem, erklärt Doris Eilers, ihre 57-jährige Tochter. Für ihr Alter ist Herta Wülbeck noch recht rüstig. Aber dass sie wegen ihrer fortschreitenden Demenz Tag und Nacht beaufsichtigt werden muss, zehrt an den Kraftreserven der Familie.

Irgendwann werden die rüstigen Alten wirklich alt und zu Pflegefällen

Zweimal in der Woche nutzt die Tochter die Gelegenheit, die Mutter außer Haus betreuen zu lassen, von morgens um zehn bis nachmittags um vier. So kann sie es aushalten. Sonst bliebe nur die Unterbringung in einem Heim. Die Tagespflege wird zum Ausweg aus dem Dilemma zwischen Abgeben und Sich-Aufopfern.

Dieses Angebot verdanken Doris Eilers und ihre Mutter nicht nur christlicher Nächstenliebe und ehrenamtlichem Engagement, sondern auch der gezielten Politik ihrer Heimatstadt. Arnsberg soll »demenzfreundlich« werden. Der Begriff mag etwas befremdlich klingen, aber Bürgermeister Hans-Josef Vogel ist sich mit seinen Stadtverordneten einig: Die Isolation der Betroffenen wollen sie durchbrechen, die Lebensqualität der Arnsberger erhalten, die immer älter werden. Auch das sei Familienpolitik, sagt Vogel: Die könne sich nicht auf Eltern mit Kindern beschränken. »Familie ist auch dort, wo Menschen gepflegt und unterstützt werden, die demenzerkrankt oder anders pflegebedürftig sind.«

Viel vorgenommen hat sich der Verwaltungschef, beraten von Reimer Gronemeyer, Soziologieprofessor in Gießen und Vorsitzender der »Aktion Demenz«. Der von der Robert-Bosch-Stiftung finanzierte Zusammenschluss engagierter Fachleute soll die Idee der demenzfreundlichen Kommune vorantreiben und verbreiten. Die Anbieter professioneller Dienste haben sich in Arnsberg schon vor Jahren zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Und die Stadtverwaltung hat darauf geachtet, dass den alten Herrschaften etwas geboten wurde. Dafür wurde sie als seniorenfreundlich ausgezeichnet. Es war das Leitbild der rüstigen »jungen Alten«, die es immer noch gibt. Aber auch sie werden irgendwann wirklich alt, und damit wächst die Wahrscheinlichkeit, verwirrt zu werden, dement.

1800 Demenzkranke könnten es im Jahr 2020 in Arnsberg sein, einer Stadt von knapp 80000 Einwohnern. Das hat deren ehemaliger Sozialdezernent Ludger Clemens jüngst auf einer Tagung der »Aktion Demenz« vorgerechnet. Allein um die Menschen in fortgeschrittenem Stadium zu versorgen, brauchte man zwei neue Heime. Bisher kümmern sich meist die Angehörigen um die Pflege und Betreuung. Aber immer weniger Menschen leben in belastbaren Familien.