Ein Foto aus dem Jenseits, vom anderen Ufer des Zeitenstroms. Auch ich war dort in jenem Sommer 1983, in dem kleinen Kino auf der Insel Usedom. Ich weiß: Drinnen im Schalterkabuff hockt der Vorführer Helmut B. und verkauft Eintrittskarten à 1,55 Mark für die französische Erotik-Klamotte Ein pikantes Geschenk. Nach zehn Jahren trafen wir uns damals wieder. Anfang der Siebziger hatten wir im Erzgebirge gemeinsam den hohen Beruf des Filmwiedergabetechnikers erlernt. Eine tragische Zeit. Beide waren wir verliebt in eine Elke. Meine Elke liebte nicht zurück. Seine blieb ihm nicht treu.

Keinen Helmut sieht man, keine Elke, nur die Heringsdorfer Kur-Lichtspiele und ein paar Sommerkinder. Und doch steigt alles wieder auf, wenn man sich in Roger Melis’ wunderbaren Fotoband In einem stillen Land versenkt. Das Land ist die DDR: die Spreewaldkanäle, die Eiszeitmoränen von Rügen, die Teufelsmauer im Harz, die Mondlandschaften des Leipziger Braunkohlereviers. Vor allem hat Melis Menschen aufgenommen. Waldarbeiterinnen verbrennen Reisig, der Bauer haut sein Beil ins tote Schwein, der Tierpräparator macht die Gämse schön, der Müller liest. Meistens ruht die Arbeit. Die Kamera empfängt den offenen Blick von Kellner, Kohlenträger, Polizist, Glockengießer, Puppenspieler, Wettbürokrat, Stadtchronist, Indianer… Die westliche Vermutung, ein großer Teil des DDR-Volks sei sonderbaren Tätigkeiten nachgegangen, wird von diesen Bildern nicht wirksam widerlegt.

Roger Melis, geboren 1940, ist ein Meister des ostdeutschen Fotorealismus, als dessen Doyen Arno Fischer gilt; weitere Vertreter sind Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Rolf Zöllner… Allen gemein ist eine Leidenschaft für den Alltag, dessen Abbilder die Ideologie des SED-Regimes konterkarierten. Viele dieser Fotos machte Roger Melis im Auftrag von DDR-Journalen. Sie wurden damals häufig nicht gedruckt; ihr Realismus ging zu weit. »Müllkastenfotografie«, lautete das Verdikt. Heute beweisen die selbstbewussten Gesichter, dass die DDR tatsächlich ein Arbeiterstaat, eine proletarische Gesellschaft war. Wer die Grenzen seiner Klasse nicht zu überschreiten wünschte, führte eine sichere Existenz.

Aber dann sieht man Sarah Kirsch (1977) auf sowjetischen Umzugskisten, kurz vor ihrem Exodus nach Westen. Wolf Biermann posiert (1975) als preußischer Ikarus auf der Weidendammer Brücke. Auch Biermanns frühe Plattencover hat Melis fotografiert. 1982 illustrierte er für Geo einen Text des verfemten Erich Loest. Danach erteilten ihm DDR-Redaktionen keine Aufträge mehr. Als freier Fotograf konnte er dennoch überleben. Wo in Melis’ Bildern die offizielle DDR erscheint, geschieht das ohne entlarvenden Lärm. Die Umgrenzung, der Stillstand, die gesellschaftliche Lethargie teilen sich so beiläufig wie unübersehbar mit. Maiparaden-Kinder schleppen Ulbricht-Bilder, Kampfgruppen-Biedermänner kloppen Skat, die Omi mit der Regenhaube reckt die greise Faust, auf dass der Imperialismus erbebe. Das Alter des Ostens scheint in vielen Bildern auf. Mürbe Fassaden, prähistorische Manufakturen bilden die Kulisse dieser schwarz-weißen Welt von gestern.

Kann man heute noch so fotografieren? Gewiss – falls man noch solche Augen hat. Auch der DDR-Geprägte merkt, wie sich sein Blick seit der Wende werbevisuell verändert. Wir sind es inzwischen gewohnt, dass Fotos Dekor sind und marktgängige Pointen arrangieren. Sie buhlen um Kundschaft, sie rechnen nicht mit unserem willigen Verweilen. Die Stille des Landes, das Roger Melis porträtiert, ist in Wahrheit die Ruhe des Fotografen.

»Wenn es nur einmal so ganz stille wäre«, heißt es bei Rilke, »wenn das Zufällige und Ungefähre / verstummte und das nachbarliche Lachen, / wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, / mich nicht so sehr verhinderte am Wachen…« Roger Melis’ Fotos meiden den Zufall, den spektakulären Moment. Er lässt das Eigentümliche erscheinen, das Wesen der Menschen und ihrer Zeit – schwermütig, schwerblütig, doch die letzten Bilder zeigen junge Leute. Vor allem ihnen«, schreibt Melis, »ihrer Energie, ihrer Lebenslust und ihrem Trotz verdankt sich das wohlverdiente Ende des stillen Landes DDR.«