Radar Nordsee-Tsunami
Zwischen Helgoland, Sylt und Büsum warnt ein Überwachungssystem vor Monsterwellen und unliebsamem Besuch
Als 2004 ein katastrophaler Tsunami weite Küstenbereiche in Südostasien und Afrika verwüstet und 230.000 Menschen das Leben gekostet hatte, setzten sich Forscher weltweit hin und dachten über Frühwarnsysteme nach. Auch in Kiel fand sich eine »Tsunami-AG« zusammen, ein Konsortium aus Wissenschaftlern und Industriebetrieben. Initiator war hier ein Spezialist für maritime Technologie, die Firma Raytheon Anschütz. Firmengründer Hermann Anschütz-Kaempfe hatte 1908 den Kreiselkompass erfunden; der heutige Eigentümer ist Raytheon, ein amerikanischer Rüstungskonzern mit dem Schwerpunkt Radarüberwachung.
Das Problem, das es zu lösen galt: Die weltweit verfügbaren seismografischen Daten liefern nur Informationen über Seebeben – aber nicht jedem Seebeben folgt eine Riesenwelle. Außerdem ist im küstenfernen, offenen Meer, wo ein Tsunami noch frühzeitig entdeckt werden könnte, die Welle nur 30 bis 50 Zentimeter hoch. Das war also ein Fall für Experten. »Wir als Radarspezialisten müssten die Welle frühzeitig sehen können«, sagten sich die Leute von Raytheon Anschütz.
Aus der Arbeitsgemeinschaft ist mit finanzieller Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein (das zwei Millionen Euro beisteuerte) heute ein respektables Unternehmen mit einem ambitionierten Namen geworden: Mitte Juni nimmt die OMS-Gruppe (Ozean Monitoring System) ihr erstes Warnsystem in Testbetrieb. Beteiligt sind neben Raytheon Anschütz das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel, das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-Geomar und neun Firmen als Projektpartner.
Erstaunlicherweise entstand der OMS-»Prototyp« nicht etwa in Indonesien oder Thailand, sondern an der Nordsee, zwischen Helgoland, Sylt und Büsum. Theoretisch könnte es zwar auch hier einen Tsunami geben – etwa durch einen Hangabrutsch in den steilen Kontinentalabhängen vor Norwegen. Doch das letzte Ereignis dieser Art liegt etwa 8000 Jahre zurück. Praktisch gilt die Nordsee als Tsunami-frei.
Und nicht minder verwunderlich: Das vorgestellte Monitoring-System ist ein ausgewachsenes maritimes Kontrollinstrument geworden, eine gewaltige Datenschleuder mit zahllosen Überwachungsfunktionen. Die Funktion »Tsunami-Überwachung« kommt nur noch am Rande vor.
Warum Nordsee? Wer immer ein Tsunami-Warnsystem entwickeln will, hat ein Testproblem. Das Objekt der Überwachung tritt zu selten und unberechenbar auf. Gut achtzig Tsunamis in den vergangenen zehn Jahren – damit kann man kein System entwickeln. Zuverlässig dagegen ist die Nordsee, denn sie hat regelmäßig »Mini-Tsunamis«. Alle 12 Stunden gibt es hier eine Flut. An dem auflaufenden Wasser lässt sich ein Monitoring-System gut trainieren.
- Datum 18.06.2007 - 07:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.06.2007 Nr. 25
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