Sand. Sandsandsand. Feuchter Sand, nasser Sand, einsackender, pfützengründiger Sand. Trockener Sand, fein wie gesiebtes Mehl, wie Puderzucker. Sand in der Luft, Sand im Wind, Sand im Gesicht. Sand bis zum Horizont. Kilometerlang. Kilometerweit. Vielleicht auch kilometertief. Sandmassen wie in der Wüste. So weiß wie in der Karibik. Aber was da ein paar Tausend Schritte weiter schäumt und glänzt, das ist die Nordsee. Da hinten, die bunten Punkte, das müssen Strandkörbe sein. Und die kleinen schwarzen Kügelchen vor den Füßen stammen wohl von Kaninchen. Der Kniepsand lebt! Aber auf eine, sagen wir: unaufdringliche Art. Wie das so ist auf Amrum.

Natürlich besteht Amrum nicht nur aus Sand. Es gibt fünf Dörfer, umgeben von Feldern mit blau glänzendem Roggen und Wiesen, auf denen neben Graugänsen schwarze Rinder grasen, außerdem einen rot-weiß geringelten Leuchtturm, wie es sich für eine Nordseeinsel gehört. Auf Amrum arbeiten drei Landwirte, zwei Pastoren und ein Fischer, außerdem 53 Gastwirte, darunter zwei Italiener. Und ein türkischer Lebensmittelhändler. Das Amrumer Weinkontor befindet sich in der Poststelle oder umgekehrt. Der Post- und Weinmann von Amrum hantiert zwischen dem Schalter, dem Faxgerät und den Weinkisten. Hinter dem Schalter prangt ein Sinnspruch: »Herr, schmeiß Hirn von Himmel!« Für wen, steht nicht darauf. Der Postmann lässt sich nicht gerne stören, jedenfalls nicht von jedem. In dieser Hinsicht ist er für die Inselbevölkerung ziemlich typisch. Wenn das Telefon klingelt, antwortet er knapp, legt schnell auf, verdreht die Augen dahin, woher das Hirn kommen soll, und macht einen tiefen Seufzer zur Kundschaft: »Der schon wieder! Hat mir gerade noch gefehlt.«

Zwanzig Quadratkilometer nordfriesische Insel, zwischen Föhr und Sylt – viele meinen: Im Schatten von Sylt, was schon deshalb Unsinn ist, weil Sylt im Norden liegt und ergo wohl kaum Schatten werfen kann. Trotzdem gucken die Amrumer ein bisschen scheel über die Meerenge, die Norddorf von Hörnum trennt, und fragen sich, wieso eigentlich um Sylt soviel Trara gemacht wird, während über Amrum kaum mal jemand spricht. Und die Sylter schielen neidisch nach unten, weil die Amrumer immer mehr Sand haben und sie selbst immer weniger.

Hier herrscht Allwetterjackenzwang wie anderswo Jackettzwang

Der stetig weiterwuchernde Kniepsand hinter den Dünen am Westrand von Amrum ist eigentlich eine Sandbank der Nordsee und schon jetzt halb so groß wie die ganze Insel. Fast elf Kilometer lang und bis zu 1,5 Kilometer breit, die Amrumer behaupten: Der größte Strand Europas. Die Sylter maulen, er nähre sich mit Sand aus Sylt. So werde ihre Insel von Welt immer dünner, und Amrum, diese Insel der Weltfernen, immer fetter. Die Nordsee, große Mutter, blanker Hans, nimmt es den Reichen und gibt es den Armen. Immer weiter wandert der Kniepsand nach Norden, etwa 50 Meter im Jahr. Irgendwann wird er die Amrumer Nordspitze erreicht haben, die Odde, direkt der Sylter Südspitze gegenüber, wie zum Hohn. Es ist aber nicht der Sylter Sand. Er kommt aus Südwesten, nicht aus dem Norden.

»Wir nehmen nichts von Sylt«, sagt auf der anderen Inselseite, mitten im Watt, Andreas Herber. Er sagt es in einem Ton wie: »Nicht geschenkt!« Höchstens, dass er über die Nachbarinsel ein paar freundliche Witze verbreitet, die seine Wattwandergruppe bei Laune halten, während sie von der Odde durch knietiefe Priele und über stechende Miesmuschelschalen in Richtung Föhr stakst: »Sehen Sie die Gruppe dort hinten, die da so verloren durch unsere Dünen streunt? Müssen Sylter sein, die sich verlaufen haben.« Herber, ein blonder Hüne mit Halstuch, Kapitänsmütze und trockenem Humor, arbeitet als Wattführer, von Mai bis Oktober immer barfuß von Amrum nach Föhr. »Das ist keine Wattwanderung heute, sondern eine Völkerwanderung«, sagt er, als er an der Bushaltestelle in Norddorf seine Gruppe trifft. Dreißig Urlauber! Mit seiner Trillerpfeife wird er die Menschenmenge zusammenrufen, wenn sie sich allzu sehr verteilt hat. Als ihn jemand fragt, warum es eigentlich keine Wanderungen nach Sylt gibt, antwortet Herber: Der Weg ist zu lang. Viel zu gefährlich. »Und überhaupt: Wer will denn eigentlich nach Sylt?« Da lachen die Wattwanderer und krempeln ihre Hosenbeine ein wenig höher.