Beruf Zeitarbeit in der Führungsetage

Interim Manager helfen Unternehmen, Vakanzen zu überbrücken und Krisen zu meistern

Der Weg ist ganz einfach, sagt Christoph Deinhard. Er fängt irgendwo an, beim Pförtner zum Beispiel. Er stellt ihm vier Fragen: Was machen Sie? Was halten Sie davon? Was würden Sie gerne machen? Mit wem würden Sie dabei zusammenarbeiten? Anschließend lässt er sich weiterschicken zum nächsten – fünfzig-, wenn es sein muss, hundertmal. »Mein Weg führt eher zufällig durchs Unternehmen, aber am Ende weiß ich, wie der Hase läuft.« Die fähigen Leute bringt er hinter sich, und dann wird der Hase gejagt. Zur Not auch aus dem Haus.

Christoph Deinhard, Anfang 50, Bürstenschnitt, hatte in 18 Jahren in 18 Unternehmen das Sagen. Er redet schnell und raucht am Telefon. »Ich werde angerufen, wenn die Situation unlösbar erscheint.« Im Mittelstand hat er angefangen, heute saniert er Unternehmen mit Umsätzen in dreistelliger Millionenhöhe. Dafür bekommt er mehr als 2.000 Euro am Tag. Und er lässt sich »mit Vollmachten im Sinne eines vorcäsarischen Diktators ausstatten«. Das heißt: »Ich bekomme die alleinige Personalhoheit, spätestens nach zwei Jahren trete ich aber auch freiwillig wieder ab.«

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Bei Wolfgang Gill klingt die Sache weniger dramatisch. Auch er wird in Krisen gerufen. Auch er sucht zunächst die »heimlichen Führer« im Unternehmen, dann stellt er sein Konzept vor, bildet Projektteams und führt mit ihrer Hilfe profitable Strukturen ein. Dazu gehört auch, dass er notfalls Mitarbeiter entlässt.

Wolfgang Gill ist wie Deinhard Interim Manager. Sie übernehmen zeitweise die Verantwortung im operativen Geschäft – sie gehen in die Linie, wie es im Branchenjargon heißt. Es ist eine Branche, über die es wenig verlässliche Zahlen gibt. Sicher ist, dass sie sehr rasch wächst: Experten schätzen das Wachstum auf 25 Prozent im vergangenen und vermutlich noch einmal so viel in diesem Jahr. Der Begriff ist in Mode, die Berufsbezeichnung nicht geschützt. Gill trägt eine Brille mit Silberrand, sein Haar ist grau. Die Hälfte seines Lebens war der 61-Jährige in Führungspositionen, vor vier Jahren hat er seinen Geschäftsführerposten bei einem Maschinenbau-Unternehmen aufgegeben. Seitdem ist er Chef auf Zeit, in anderen Maschinenbau-Unternehmen, die er wettbewerbsfähig macht gegen Billiglohn-Konkurrenz aus Tschechien und China. Er hat ein Segelboot in der Adria, aber länger als zwei Wochen hält er es dort nicht aus.

Deinhard, der harte Sanierer, und Gill, der Senior im Unruhestand – beide sind typische Vertreter ihrer Zunft. Aber das Bild wandelt sich. Die Interim Manager werden mit 51 Jahren im Schnitt immer jünger, und ihr Image wird weicher. »Der große Personalabbau wurde in den vergangenen Jahren schon gemacht«, sagt Branchenexpertin und Sachbuchautorin Vera Bloemer. »Das aggressive Macher-Image wird jetzt abgelöst vom aufbauenden Entwickler.« Damit erweitert sich auch das Spektrum der Aufgabenfelder. Feuerwehreinsätze verlieren an Bedeutung. Das zeigt eine Umfrage, die Bloemer unter deutschen Branchenführern gemacht hat. Zum überwiegenden Teil liegt die Laufzeit der Mandate zwar weiter unter zwölf Monaten, aber die Zahl der längeren Einsätze ist um zehn Prozent gestiegen. Interim Manager werden in allen Betrieben jeder Größe eingesetzt, immer öfter auch im Mittelstand. Und die Nachfrage nach Interim Managern zur Überbrückung von Vakanzen ist 2006 um mehr als die Hälfte gestiegen.

Bloemers Zahlen spiegeln eine veränderte Unternehmenskultur in Deutschland. Neues wird auf Projektbasis entwickelt. Die Betriebe wollen Manager bedarfsgerecht einsetzen, aber auch ohne teure Abfindung wieder loswerden. Denn im globalen Wettbewerb dreht sich das Rad schneller. Die Performance wird nicht mehr an Jahresberichten, sondern an Quartalsbilanzen gemessen, und mancher Manager muss unter dem Druck der Aktionäre früher gehen. Schon im klassischen Management hat sich die durchschnittliche Verweildauer auf viereinhalb Jahre verkürzt. Damit ist in den Führungsetagen angekommen, woran kleine Angestellte sich längst gewöhnen mussten: das Modell Zeitarbeit.

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