Klassiker der Moderne (66) Kalte Ekstase

Als die Musikwelt 1977 mit dem Punkrock schwanger ging, landeten die Dekadenzpopper von Steely Dan ihren größten Hit: Auf dem Album "Aja" verbinden sich Jazz, Funk und R'n'B zu einer perfekt produzierten Klangtextur

Das hätte fürchterlich schiefgehen können: 1977, eine Millisekunde vor der globalen Explosion des Punk, veröffentlichten Steely Dan mit Aja ein fein ziseliertes Meisterwerk luxuriöser Popdekadenz. Die absolute Antithese zu den Werten, die bald die ganze Musikwelt beherrschen sollten. Statt aggressiv geschrubbter Songs mit drei Akkorden ausschweifende Samt-und-Seide-Symphonien, in denen Fragmente aus Jazz, Funk, Gospel, Rhythm and Blues und Doo Wop zu organischen Metatexturen verwebt wurden.

Statt aggressiver Polit-Parolen raffinierte literarische Vignetten voller dunkler Anspielungen und rätselhafter Bezüge, die ihre Inspiration aus einem belletristischen Universum zwischen Raymond Chandler und Thomas Pynchon bezogen. Statt live im Studio produzierter unbehauener Songskelette, monatelange Aufnahmesessions, in denen ganze Armeen von Studioprofis verschlissen wurden. Für das Gitarrensolo von Peg ließen die Steely-Dan-Köpfe Donald Fagen und Walter Becker, die ihre Band schon seit Jahren als reines Vehikel für Plattenaufnahmen betrieben, rund zehn Weltklassemusiker wie Larry Carlton oder Dean Roberts antreten, um schließlich nach einem nervenzerfetzenden Klangkrieg den hoch verdichteten Arpeggien von Jay Graydon den Vorzug zu geben – tagelange Zermürbungsarbeit für 15 Sekunden Musik. Steely Dans Ästhetik sei »one step beyond perfection«, sagte später einer der Musiker, die in die Mühlen des Aja- Aufnahmeprozesses geraten waren: Ein Schritt über die Perfektion hinaus.

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Das schmeckte nicht jedem: Kalkuliert und seelenlos seien die Klangkonstruktionen von Fagen/Becker konstatierten führende amerikanische Musikblätter. »Hippie muzak«, schrieb die Underground-Zeitung Creem. »Ein Hirn ohne Körper«, das Time magazine.

Dem Erfolg der Platte konnte solche Häme keinen Abbruch tun: Sie hielt sich über ein Jahr in den US-Charts – Top-Position: Nummer drei – und verkaufte weltweit mehr als fünf Millionen Einheiten. Die emphatische Künstlichkeit von Aja war eine Provokation in einer Epoche, die immer noch den verlorenen Authentizitätsmythen und Selbstverwirklichungsexzessen der sechziger Jahre hinterhertrauerte. Aber was bei oberflächlichem Hören wie ein Coffeetable-Sound klingt, den man am besten in einem Eames-Stuhl mit Ultrasone-Kopfhörern digestiert, enthüllte auf einer somnambulen Ebene unterhalb der polierten Oberfläche ein dämonisches Universum politischer Albträume, paranoider Verschwörungsszenarien und selbstzerstörerischer Leidenschaften: »Drink scotch whisky all night long, and die behind the wheel«, heißt es in Deacon Blues.

Aja ist ein Minifilm ohne Bilder, in dem Jazz-Stars wie der Saxofonist Wayne Shorter für spektakuläre Nebenrollen gecastet wurden und Noir-Szenarien zu surrealen Sprachbildern verwirbeln. Ein Fest des Nihilismus, der in Donald Fagens rauer, sardonischer Stimme mitzittert, um dann von engelhaften Frauenchören aufgefangen und in einen Moment der kalten Ekstase jenseits von Raum und Zeit verwandelt zu werden. Musik, zu schön, um echt zu sein. 

Steely Dan: Aja, MCA/Universal

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 21.06.2007 Nr. 26
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    • Schlagworte Musik | Punk | Raymond Chandler | Blues | Thomas Pynchon
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