Gleich zwei Agenten hatte der Herzog aus Ferrara losgeschickt, quer durch Europa. Ercole d’Este brauchte einen neuen Kapellmeister, einen Komponisten, er wollte den Besten. Der verlangte 200 Dukaten, ein Rekord. Er bekam sie, obwohl er »nur komponiert, wenn er möchte, nicht, wenn man ihn darum bittet«. So zog 1503 der Franzose Josquin an den Hof von Ferrara, ein Genie des neu entwickelten mehrstimmigen Gesangs. Es ist nur einer von unzähligen Künstlertransfers jener Jahre. Im historischen Weltatlas ziehen sich Europas Handelswege wie ein Netz über und um den Kontinent, und entlang dieser Linien blüht Musik. Wirtschaftsrouten und Kunstideen wachsen nach dem Mittelalter zusammen wie Synapsen im Hirn eines Neugeborenen, gebündelt etwa in der »einzigartigen Talentexplosion« im Frankreich des 15. Jahrhunderts.

So blickt Ludwig Finscher in eine ferne Epoche, in der er sich auskennt wie kein anderer. Mit atemberaubender Tiefenschärfe hat er gezeigt, wie sich die Musik in den zwei Jahrhunderten bis 1600 grenzüberschreitend entfaltete, von früher englischer Mehrstimmigkeit über die burgundischen Talente mit immer feinerer Kunst des Kontrapunkts bis hin zum italienischen Madrigal. Mit Finschers Buch könnte sich ein Zeitreisender fit machen. Als Herausgeber und Autor des bahnbrechenden Zweiteilers Die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts, der 1989 erschien, zeigt der Forscher jenes Europa als Netzwerk der Geister, in dem die Musik das Sprechen lernt und die Autonomie der Kunst erwacht. Und er tut etwas, was vor ihm noch keiner gewagt hatte: Er schafft die Renaissance ab. »Unnötig« nennt er den Epochenbegriff, zumindest in der Musik.

Wenn einer wie Finscher das macht, hat es Folgen. Der Mann aus Wolfenbüttel gilt als führender Musikwissenschaftler seiner Generation. Er ist der Herausgeber der Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart, dem Flaggschiff der deutschen Musikwissenschaft, deren Neuausgabe mit dem soeben erschienenen 27. Band abgeschlossen ist. Im Herbst nahm er mit dem Balzan-Preis die höchste Ehrung entgegen, die je einer aus der Zunft errang: eine Million Schweizer Franken. Finscher ist kein Mann des Rampenlichts, weder Kämpfer noch Polemiker. Doch wenn er Theorien von Kollegen charmant als »attraktiv, aber nicht beweisbar« bezeichnet, können sie einpacken – er weiß zu viel. Zum Beispiel, dass in der »Renaissance« die Musik nicht mit evolutionärer Stringenz auf Pierluigi Palestrina zusteuerte. Die Kompositionsgeschichte lief da keineswegs parallel zur Ideengeschichte. Die Musiker reagierten aufeinander und gingen viele Wege zur Mehrstimmigkeit, Textdarstellung und Individualität.

Wie fand er zu dieser Welt? »Am Anfang«, sagt der 77-Jährige, »war es schlicht Neugier: Was ist alles passiert?« Dann wollte er wissen: »Wie haben die das gemacht?« Und er findet es »ausgesprochen lustig, dass Neugier auch bei den Naturwissenschaftlern die stärkste Antriebsfeder ist«. Das haben ihm der Astronom und der Molekulargenetiker verraten, mit denen er den Balzan-Preis entgegennahm. »Lustig« bedeutet in Finschers Understatement, dass ihn die Nachbarschaft freut. Die Geisteswissenschaften stehen derzeit unter Rechtfertigungsdruck, und Musikgeschichte ist nicht gerade das Feld, auf das alle Welt mit Spannung blickt. Ihr Innenleben ist nicht so leicht vorzuführen wie ein Steinzeitschädel, der vom tempus perfectum im isometrischen cantus firmus um 1420 so viel wusste wie die meisten von uns heute.

Wenn es einen gibt, der derlei erklären kann, und zwar lesbar, dann ist es Ludwig Finscher. Früher hat er auch als Journalist gearbeitet, noch immer sieht er sein Hauptmotiv neben der Neugier darin, Musik »zu beschreiben und dem Publikum näherzubringen. Wir schreiben ja nicht für Musikwissenschaftler! Auch, aber nicht nur!« Es war wohl auch dieser Blick über den Fachzaun, der die Balzan-Stiftung dazu bewog, Finscher auszuzeichnen. Der betagten Satzung wegen gilt der Preis nicht Finschers Revision der »Renaissance« (die er im Rahmen des Neuen Handbuchs der Musikwissenschaft leistete), sondern seiner Erforschung abendländischer Musik »ab 1600«. Die ist allerdings nicht minder substanziell und reicht bis zu Paul Hindemith.

Am Anfang stand die Erkundung der französischen Musik um 1500

Finscher, ein Meister des Längsschnitts, hat auch das klassische Streichquartett in den Kernspintomografen der Gattungsgeschichte geschoben. Er hat mit einer Genre sprengenden Monografie Joseph Haydn aus dem Schatten von Mozart und Beethoven geholt, als andere noch gar nicht merkten, dass sie ihn dort abgestellt hatten. Und er hat die Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart aus dem Nebel gesteuert, in dem die erste Ausgabe vom Stapel lief, noch mitgeprägt von Musikwissenschaftlern, die schon im »Dritten Reich« reüssierten. Mitte der Achtziger begann Finscher mit der Konzeption der neuen Ausgabe. Während nun der letzte der 27 blauen Bände erscheinen ist, findet man die ersten in Uni-Bibliotheken bereits im erfreulichsten Verfallsstadium: bis zur Zerfledderung beansprucht.

In ihren besten Artikeln ist die MGG der Konkurrenz vom Grove weit voraus. Denn in der englischsprachigen Musikwissenschaft spielen analytische Längsschnitte, wie sie die Gattungsgeschichte erlaubt, kaum eine Rolle. Finscher lieferte sie als Autor selbst und ermunterte seine Kollegen auch zu fast essayistischen Ansätzen wie »Skizze – Entwurf – Fragment«. In diesem Geist greift auch der Maßstab setzende Artikel Nationalsozialismus bis ins 19. Jahrhundert zurück. Und unter Beethoven wird die Wissenschaft selbst so problematisiert, »dass Sie da nichts nachschlagen können«. Finscher lacht. »Unser Autor nimmt die Beethoven-Forschung völlig auseinander und konstruiert Problemfelder. Man muss sich das Beethoven-Bild selbst zusammensetzen. Das ist sehr spannend, weil ein komplexes Phänomen komplex dargestellt wird.«

Ein Extremfall freilich, neben dem auch konventionelle Texte stehen. Und schlechte. Zwei Artikel für den letzten Band hat Ludwig Finscher abgelehnt, woraufhin die gekränkten Autoren Anwälte einschalteten und der Bärenreiter-Verlag gegen den Willen des Herausgebers nachgab. Der ist kurz vor Vollendung ausgestiegen und meint: »Die schaden sich nur selbst.« Wenn er indessen gute Autoren geradezu selbstverleugnend lobt, merkt man, wie sehr sich Finscher selbst nur als Teil eines Netzes von Geistern sieht, ähnlich dem Zirkel, in dem er sein Studium begann. Um Rudolf Gerber in Göttingen scharten sich die Besten, neben Finscher auch Joachim Kaiser und Carl Dahlhaus. Der spielte als Student Klavier zu Shakespeare im Göttinger Theater, während Finscher dort als Kritiker der Hannoverschen Presse seinen Etat aufbesserte.

Eigentlich hätte der gebürtige Kasseler nicht Musikwissenschaftler werden sollen. Denn dafür musste man in seiner Jugend noch Klavier spielen können. Finscher kam aber mit einer rechten Hand zur Welt, die das unmöglich macht. Als er sich mit 19 Jahren seinem künftigen Professor vorstellte, sagte der: »Ich weiß ja nicht, ich weiß ja nicht.« Dabei spielte Gerber »hundsgemein schlecht Klavier. Er war Bratscher«, sagt sein Schüler lachend. Finscher, aufgewachsen in einer Bildungsbürgerfamilie, hat früh »die Fähigkeit entwickelt, zu hören, was ich lese«. Die half ihm in Zeiten, als nicht jede Ausgrabung gleich eingespielt wurde. Für seine Doktorarbeit wählte er einen Musiker, von dem selbst Experten nur den Namen kannten: Loyset de Compère, ein zweitrangiger Tonsetzer aus der blühenden burgundischen Szene von 1500.

Es reizte ihn, ein »ganz großes Phänomen wie Josquin auf dem Umweg anzusteuern. Bei den mittleren Leuten ist die Mechanik viel einfacher zu zeigen.« Dazu kommt, dass dieser Compère keinen Personalstil hatte. »Der hat alles gemacht, darum ist er ein Spiegel der kompositorischen Tendenzen. Ich mag ihn, er ist ein pfiffiger Kerl gewesen.« Finschers Doktorvater spottete über dessen Vertrautheit mit den fernen Künstlern: »Ich habe den Eindruck, Sie haben mit den Leuten gefrühstückt.« Indessen schließt Finscher ungern vom Leben aufs Werk. Gefrühstückt wird in den Partituren. Wenn man liest, wie er am Schluss von Joseph Haydns Streichquartett Es-Dur op. 33 die Komik des Komponisten vorführt, indem er dessen Spiel mit Konventionen analysiert, begreift man, warum er biografische Spekulationen nicht braucht.

Und die musikalische Umgebung, auf die jeder Komponist reagiert, führt zur Gattungsgeschichte. »Ein Denkmodell, das von der Fixierung auf die großen Namen abbringt, ein Korrektiv. Auch Mozart beschreibt man am besten über den Vergleich mit dem, was andere machen. Was hat er gekannt, was haben die anderen mit demselben Vokabular gemacht?« Das möchte er jetzt an Mozarts Kammermusik klarmachen. Und dabei auch sich selbst korrigieren. Sein Buch zur Entstehung des Streichquartetts findet er heute »zu teleologisch konstruiert«. Wer ein Gipfelwerk als kausal unausweichliches Ereignis darstellt, »bekommt natürlich schneller Ordnung in die Dinge«. Dagegen beginnt seine Musik des 15. und 16. Jahrhunderts mit einem Zitat von Karl Löwith: »Der Gedanke, dass alles auch hätte anders kommen können, ist nicht hinwegzudenken.«

Jetzt lässt er die Triosonate erforschen

»Und wie es ist«, ergänzt Finscher oben in seiner Forscherstube am Rande Wolfenbüttels, zurückblickend auf die letzten sechshundert Jahre, »das kriegen die Akteure ja selbst nicht mit.« Das müssten sie schon bei ihm nachlesen. Wie aber ist es jetzt? Nach dem Ende der Neuzeit, deren Anfänge ihm so vertraut sind? »Für die Musik seit 1945 fehlen mir die Maßstäbe, weil es keine verbindliche Musiksprache mehr gibt. Bei Ligeti hört man noch einen Traditionsbezug, da habe ich etwas, woran ich mich festhalten kann. Ich war auch mit ihm befreundet. Sonst ist mir die ungeheure Fülle der Phänomene ein bisschen unheimlich.« Auf einmal weht das frühe 21. Jahrhundert sehr kalt ums Haus. Wie zum Schutz davor verteilt sich auf der Treppe zur Forscherstube demonstrativ eine ganze Familie großer, flauschiger Eisbären aus Stoff.

Die haben Finscher und seine Frau vom Preisgeld gekauft. Keinen Erstdruck, kein Komponistenporträt, nein, Stofftiere. Er mag sie halt. Im Übrigen wird er nicht eine Million Schweizer Franken in Eisbären investieren. Die Hälfte stiftet er einem Projekt zur Erforschung der Triosonate, der nobelsten Form zwischen 1650 und 1780. Es soll ein Musterfall der Gattungsgeschichte werden.