Finscher, ein Meister des Längsschnitts, hat auch das klassische Streichquartett in den Kernspintomografen der Gattungsgeschichte geschoben. Er hat mit einer Genre sprengenden Monografie Joseph Haydn aus dem Schatten von Mozart und Beethoven geholt, als andere noch gar nicht merkten, dass sie ihn dort abgestellt hatten. Und er hat die Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart aus dem Nebel gesteuert, in dem die erste Ausgabe vom Stapel lief, noch mitgeprägt von Musikwissenschaftlern, die schon im »Dritten Reich« reüssierten. Mitte der Achtziger begann Finscher mit der Konzeption der neuen Ausgabe. Während nun der letzte der 27 blauen Bände erscheinen ist, findet man die ersten in Uni-Bibliotheken bereits im erfreulichsten Verfallsstadium: bis zur Zerfledderung beansprucht.

In ihren besten Artikeln ist die MGG der Konkurrenz vom Grove weit voraus. Denn in der englischsprachigen Musikwissenschaft spielen analytische Längsschnitte, wie sie die Gattungsgeschichte erlaubt, kaum eine Rolle. Finscher lieferte sie als Autor selbst und ermunterte seine Kollegen auch zu fast essayistischen Ansätzen wie »Skizze – Entwurf – Fragment«. In diesem Geist greift auch der Maßstab setzende Artikel Nationalsozialismus bis ins 19. Jahrhundert zurück. Und unter Beethoven wird die Wissenschaft selbst so problematisiert, »dass Sie da nichts nachschlagen können«. Finscher lacht. »Unser Autor nimmt die Beethoven-Forschung völlig auseinander und konstruiert Problemfelder. Man muss sich das Beethoven-Bild selbst zusammensetzen. Das ist sehr spannend, weil ein komplexes Phänomen komplex dargestellt wird.«

Ein Extremfall freilich, neben dem auch konventionelle Texte stehen. Und schlechte. Zwei Artikel für den letzten Band hat Ludwig Finscher abgelehnt, woraufhin die gekränkten Autoren Anwälte einschalteten und der Bärenreiter-Verlag gegen den Willen des Herausgebers nachgab. Der ist kurz vor Vollendung ausgestiegen und meint: »Die schaden sich nur selbst.« Wenn er indessen gute Autoren geradezu selbstverleugnend lobt, merkt man, wie sehr sich Finscher selbst nur als Teil eines Netzes von Geistern sieht, ähnlich dem Zirkel, in dem er sein Studium begann. Um Rudolf Gerber in Göttingen scharten sich die Besten, neben Finscher auch Joachim Kaiser und Carl Dahlhaus. Der spielte als Student Klavier zu Shakespeare im Göttinger Theater, während Finscher dort als Kritiker der Hannoverschen Presse seinen Etat aufbesserte.

Eigentlich hätte der gebürtige Kasseler nicht Musikwissenschaftler werden sollen. Denn dafür musste man in seiner Jugend noch Klavier spielen können. Finscher kam aber mit einer rechten Hand zur Welt, die das unmöglich macht. Als er sich mit 19 Jahren seinem künftigen Professor vorstellte, sagte der: »Ich weiß ja nicht, ich weiß ja nicht.« Dabei spielte Gerber »hundsgemein schlecht Klavier. Er war Bratscher«, sagt sein Schüler lachend. Finscher, aufgewachsen in einer Bildungsbürgerfamilie, hat früh »die Fähigkeit entwickelt, zu hören, was ich lese«. Die half ihm in Zeiten, als nicht jede Ausgrabung gleich eingespielt wurde. Für seine Doktorarbeit wählte er einen Musiker, von dem selbst Experten nur den Namen kannten: Loyset de Compère, ein zweitrangiger Tonsetzer aus der blühenden burgundischen Szene von 1500.

Es reizte ihn, ein »ganz großes Phänomen wie Josquin auf dem Umweg anzusteuern. Bei den mittleren Leuten ist die Mechanik viel einfacher zu zeigen.« Dazu kommt, dass dieser Compère keinen Personalstil hatte. »Der hat alles gemacht, darum ist er ein Spiegel der kompositorischen Tendenzen. Ich mag ihn, er ist ein pfiffiger Kerl gewesen.« Finschers Doktorvater spottete über dessen Vertrautheit mit den fernen Künstlern: »Ich habe den Eindruck, Sie haben mit den Leuten gefrühstückt.« Indessen schließt Finscher ungern vom Leben aufs Werk. Gefrühstückt wird in den Partituren. Wenn man liest, wie er am Schluss von Joseph Haydns Streichquartett Es-Dur op. 33 die Komik des Komponisten vorführt, indem er dessen Spiel mit Konventionen analysiert, begreift man, warum er biografische Spekulationen nicht braucht.

Und die musikalische Umgebung, auf die jeder Komponist reagiert, führt zur Gattungsgeschichte. »Ein Denkmodell, das von der Fixierung auf die großen Namen abbringt, ein Korrektiv. Auch Mozart beschreibt man am besten über den Vergleich mit dem, was andere machen. Was hat er gekannt, was haben die anderen mit demselben Vokabular gemacht?« Das möchte er jetzt an Mozarts Kammermusik klarmachen. Und dabei auch sich selbst korrigieren. Sein Buch zur Entstehung des Streichquartetts findet er heute »zu teleologisch konstruiert«. Wer ein Gipfelwerk als kausal unausweichliches Ereignis darstellt, »bekommt natürlich schneller Ordnung in die Dinge«. Dagegen beginnt seine Musik des 15. und 16. Jahrhunderts mit einem Zitat von Karl Löwith: »Der Gedanke, dass alles auch hätte anders kommen können, ist nicht hinwegzudenken.«