Erez . Majed Khattab sitzt in einem verstaubten Kleinbus auf dem Parkplatz vor dem Grenzübergang Erez, dem Nadelöhr zwischen Israel und dem Gaza-Streifen. Die Wagentüren stehen weit offen, der Durchzug schafft Erleichterung von der in dem Auto brütenden Sommerhitze. Es ist Sonntag. Khattab schreit und bellt abwechselnd in drei Mobiltelefone, mal auf Hebräisch, mal auf Arabisch. Er versucht, seinen Vetter zu retten. Der sitzt jenseits der Grenze in einem Tunnel fest, ein Palästinenser auf der Flucht vor Palästinensern.

Khattabs Vetter ist einer von dreihundert Männern, Frauen und Kindern, die in dem Tunnel festsitzen. Man muss sich den Tunnel als überirdischen Durchgang vorstellen, der auf israelischer Seite aus raketenfesten Betonplatten besteht und auf palästinensischer Seite nicht nur wie ein Pissoir stinkt, sondern auch so aussieht. Überall liegt Müll. Das Dach ist seit Jahren nicht repariert. Wo die beiden Tunnels sich treffen, steuern normalerweise in sicherer Entfernung israelische Soldaten, die hinter bombenfestem Glas sitzen, den kleinen Grenzverkehr durch ein doppeltes Schleusentor. Vor dieser Schleuse hat sich der Menschenstrom gestaut.

Israel verwehrt den Flüchtlingen aus dem Gaza-Streifen die Einreise, trotz ihres täglich zunehmenden Elends. Das Militär fürchtet das Risiko, Terroristen könnten, als Flüchtlinge getarnt, ins Land gelangen. Doch die Tunnelmenschen fürchten um ihr Leben. Nach der vernichtenden Niederlage von Fatah, der Partei des Präsidenten Machmud Abbas, fielen der siegreichen Hamas Geheimdokumente und Listen mit den Namen all derer in die Hände, die mit Israel gegen Hamas kooperiert hatten. Knapp hundert Fatah-Funktionäre entkamen nach Ägypten, bevor die Islamisten die Südgrenze des Territoriums verriegelten. Fünfzig hochstehenden Fatah-Leuten gelang es mit israelischer Hilfe, rechtzeitig ins Westjordanland zu flüchten. Dort treffen sie sich nun täglich in der Lobby des Grand Park Hotel in Ramallah und verqualmen Hunderte Zigaretten.

Ein Hamas-Kämpfer tritt auf ein Bild von Jassir Arafat

Es sind die unteren Chargen, die Zuspätgekommenen und Kollaborateure, deren Tarnung aufgedeckt wurde und die nun zwischen den Fronten festsitzen. Khattabs Vetter arbeitete unter Mohammad Dahlan, dem vormals mächtigen Chef der Sicherheitskräfte von Fatah im Gaza-Streifen – ein Todesurteil in den Augen von Hamas. Was seine Aufgaben waren, weiß Khattab nicht, oder vielleicht will er es nicht preisgeben. Er sagt nur: "Scheiß auf Dahlan, scheiß auf Abbas, scheiß auf alle Politik."

In seinem Bewusstsein lebt nur Jassir Arafat fort, nicht so sehr als Politiker, sondern als Symbol palästinensischen Nationalbewusstseins. Er schlägt eine Zeitung auf und deutet auf ein Bild. Es zeigt einen vermummten Kämpfer von Hamas, der auf einem Bild des vor drei Jahren gestorbenen Palästinenserführers herumtrampelt. Hamas, behauptet Khattab, seien keine echten Palästinenser.

Khattab, 40 Jahre alt, ist israelischer Staatsbürger. Er hat einen israelischen Universitätsabschluss als Arabist, betreibt aber eine eigene Baufirma in der Nähe von Tel Aviv. Er sagt, "die meisten Araber sind Opfer ihrer Unkenntnis von Demokratie. Sie wissen, was falsch ist, und sie wissen, was wahr ist, aber sie haben Angst vor ihren Führern. Das ist der Grund für ihr irrationales Verhalten. Die Angst ist der Grund ihres Leidens."